Visite 2009: Die Supernova und der Komet - unbemerkt im Mittelalter?
Eugen Reichl ist bei mir zu Besuch gewesen und ich bin schon sehr gespannt, was für Antworten ich auf seine alles andere als uninteressanten Fragen finden werde. Bis dahin danke ich Eugen für seinen Beitrag und wünsche Euch viel Vergnügen mit den Einblicken eines Kosmologen [wie man da sagte, wo ich herkomme] in die Chronologs.
Vielen Dank an Max Gawlich, auf dessen Blog ich heute im Rahmen der „Visite 2009“ zu Gast bin. Ich nutze die Gelegenheit dabei weniger, um Leser und Blogger mit meinen eigenen Erkenntnissen zu beglücken, sonder nutze sie als die Möglichkeit einer astronomiegeschichtlichen Fragestellung nachzugehen die mich schon immer beschäftigt hat.
Als Jugendlicher fand ich die früheste Periode des Mittelalters immer besonders interessant. Die Zeit, in denen Roms vergessene Garnisonen in der Gegend von Xanten und Worms in den fränkischen Heeren aufgingen. Heute erscheint mir wegen seiner möglichen Parallelen für unsere moderne Gesellschaft der allgemeine materielle und kulturelle Verfall jener Zeit als besonders bemerkenswert. Der Niedergang Roms bewirkte, dass nach der Auflösung des weströmischen Reiches die Menschen in Mitteleuropa unter viel primitiveren Bedingungen leben mussten als ein halbes Jahrtausend zuvor. Faszinierend auch die dann folgende, Jahrhunderte dauernde zaghafte und mit zahllosen Rückschlägen behaftete kulturelle und wirtschaftliche Erholung.
Für meine Visite will ich aber nicht soweit zurück gehen und stattdessen einen Abstecher ins frühe Hochmittelalter machen. Hier gibt es eine Frage, die mich schon als Jugendlicher beschäftigt hat. Sie lautet: wie hat der mittelalterliche Mensch in Mitteleuropa spektakuläre Himmelsereignisse wahrgenommen und interpretiert?
Ich will das an zwei bedeutenden astronomischen Ereignissen festmachen, die sich im Abstand von nur wenigen Jahren in der Mitte des elften Jahrhunderts ereigneten. Beide Ereignisse wären heute Weltsensationen. Die Medien würden wochen- und monatelang auf den Titelseiten darüber berichten. Beide Ereignisse wurden auch von einer ganzen Reihe anderer Kulturen detailliert verzeichnet, in vielen Dokumenten niedergelegt und mit hoher Priorität versehen. Nur in Europa ist - von wenigen dubiosen Zeitzeugen einmal abgesehen - nichts davon vermeldet worden.
Ereignis 1: Die Supernova des Jahres 1054. Die wahrscheinlich hellste in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit.
Es gibt detaillierte Beobachtungsberichte dazu vor allem aus Japan und China. Auch die nordamerikanischen Anasazi-Indianer vermerkten dieses Ereignis (mit einer bemerkenswerten "Petrografie", welche die Position der Supernova am 5. Juli 1054 im Bezug auf den zunehmenden Mond zeigt). Und auch von den Maya gibt es Belege, die das Erscheinen des kosmischen Ereignisses auf den 4. Juli 1054 datierten.
Die Supernova leuchtete mit einer Magnitude von mindestens -6 am Nachthimmel (möglicherweise sogar noch wesentlich heller) und war damit mindestens viermal heller als die Venus. Chinesische Astronomen berichteten, dass sie für 23 Tage sogar bei Tage sichtbar blieb. Die fernöstlichen Astronomen verzeichneten das Erscheinen des "Gaststernes", wie sie ihn nannten, am 4. Juli 1054. Die letzte Sichtung datierten sie auf den 17. April 1056, danach war er zu schwach, um mit noch mit bloßem Auge wahrgenommen werden zu können. Aber er war über fast zwei volle Jahre am Himmel.
Wo, so frage ich mich, sind in Europa die Aufzeichnungen über dieses astronomische Jahrtausend-Ereignis? Die Bücher müssten voll davon sein. Mythen und Lieder sollten entstanden sein und zahlreiche Bilder müssten den neuen Stern zeigen. Wo sind sie? Es wurde doch auch über jeden größeren Raufhändel unter den Rittern berichtet, über den Familientratsch der Fürsten und die kleinlichen politischen Ränkespiele von Adel und Klerus.
Was war los? Ist mal wieder die Kirche schuld, denen das ungewöhnliche Ereignis nicht in ihr stets zu klein gestricktes Gottesbild passte? Herrschte in ganz Mitteleuropa eine monatelang anhaltende Schlechtwetterperiode und es hat deswegen niemand gesehen? Schaute einfach niemand zum Himmel?
Ereignis 2 ereignete sich nur 12 Jahre später, und hier gilt ähnliches. Dass man es immerhin wahrgenommen hat, beweist eine einzelne, dafür umso öfter genannte Quelle: der Wandteppich von Bayeux. Dieses Tuch mit seinen bunten Stickereien schildert die Geschichte der Eroberung Englands im Jahre 1066 und wurde wohl irgendwann zwischen 1070 und 1082 in der Abtei St. Augustinus in Canterbury hergestellt.
Der Teppich zeigt, neben zahlreichen anderen interessanten Details den Halleyschen Kometen, der am 20. März 1066 seinen sonnennächsten Punkt erreichte. Berichte aus China, Japan und Korea belegen, dass der Komet 77 Tage lang zu sehen war und sich über 60 Grad am Himmel erstreckte. In den lichtlosen, klaren Nächten des Mittelalters muss er ein spektakuläres und beeindruckendes Himmelsschauspiel abgegeben haben. Die Erscheinung des Halleyschen Kometen dürfte 1066 eine der auffälligsten in der jüngeren Kulturgeschichte der Menschheit gewesen sein, nur noch übertroffen von der Begegnung im Jahr 837, als Halley die Erde in nur sechs Millionen Kilometern Entfernung passierte.
Und auch hier frage ich mich: Wo sind die Dokumente, vom einsamen Zeugen aus Bayeux einmal abgesehen? Auch hier sollte es geschichtliche Belege in großer Zahl geben, von diesem nächtlichen Leuchtereignis, das über viele Wochen den halben Himmel in Beschlag genommen hat.
Doch erst im Spätmittelalter wird wieder über den Kometen berichtet. Dann sogar bei Begegnungen die viel weniger spektakulär waren als die Passagen von 1066 oder 837. Das berühmte Bild von Giotto di Bondone, das heute in Padua besichtigt werden kann, ist ein Beispiel dafür.
Ist es so, wie Fontane sagt: "Man sieht nur das, was man weiß"? Was wusste der Mensch im Mittelalter über besondere kosmische Ereignisse? Was wollte er überhaupt wissen?
Schon sehr gespannt auf die Antwort verabschiede ich mich hier von meiner Stippvisite bei den Chronologs, ihr/euer
Eugen Reichl (Astra)
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lieber Eugen, die Du hier stellst, habe ich mir auch oft gestellt. Bei mir lief es letztlich auf die Frage hinaus: Was trieben die Gelehrten im Mittelalter überhaupt? Und dann wird es eher eine Religionsgeschichte als das, was wir heute unter Wissenschaftsgeschichte verstehen.
Ich glaube, dass es tatsächlich im Mittelalter in Gelehrtenkreisen verpönt war, an den Himmel zu schauen. Gelehrte taten das nicht, sondern die Scholastik bestand aus Kopisten des Aristoteles und Gottesbeweisen. Sehr schön dargestellt ist das übrigens in Umberto Ecos historischem Roman "Der Name der Rose" und dessen ebenfalls super recherchierter Verfilmung von Jean-Jacques Annaud (1986, mit Sean Connery in der Hauptrolle). Den Sextanten benutzt der Mönch nur heimlich.
Wer kann also solche Himmelsereignisse überhaupt gesehen haben? - 1. Soldaten & Seefahrer (daher ist es wohl auch auf der Tapisserie de Bayeux erhalten, die von der Schlacht zur Eroberung Großbritanniens durch die Normannen unter Guillaume le Conquerant (Wilhelm dem Eroberer) erzählt). 2. Bauern und einfach Leute eventuell, die nicht schreiben konnten.
Ich glaube nicht, dass ein "zu enges Gottesbild" daran Schuld ist, weil man die Ereignisse vertuschen wollte. Vielmehr ist der Komet von 1066 ja als "Botschaft Gottes" erhalten. Man hatte also damals bereits an vielen Stellen Möglichkeiten, derartiges ins monotheistische Weltbild einzuordnen: nämlich als "Zeichen" der anbetenen allmächtigen Wesenheit.
Vielmehr ist eine andere Eigenschaft der damaligen Grundeinstellung der Kirche Schuld an der Misere: Abschreiben alter Autoritäten war damals wissenschaftliche Mode und nicht das Lesen des "Buches der Natur" - das war der Verdienst des Galilei und seiner Vorgänger. Die Renaissance setzte m.E. wissenschaftshistorisch damit ein, dass italienische Sterngucker wie Novara festellten, dass die ptolemäischen Rechnungen nicht mit den Beobachtungen übereinstimmen. Der junge Kopernikus war als Student Assistent von Novara in Padua (wohnte evtl sogar in dessen Haus) und kam so mit dem antiken heliozentrischen Weltbild (der Pythagoräer) und dem Zweifel an der Richtigkeit Ptolemaios' in Kontakt. Sein Leben lang ließ er diese Erkenntnis in sich reifen und sammelte mathematische Beweise dafür, die in seinem berühmte Buch "De revolutionibus orbium coelestium" veröffentlicht wurden.
Jedenfalls scheint sich die Wissenschaftsgeschichte in meinen Augen relativ einig zu sein hinsichtlich der Interpretation: D a s war neu! (Nicht nur das Weltbild erlebte eine Re-naissance, eine Wiedergeburt, sondern auch das Himmelgucken.)
[Anm.: Ich bin keine Expertin für christliches Mittelalter und Renaissance, sondern meine Forschungsschwerpunkt liegen eher in der Zeitgeschichte, d.h. 20. Jh. Allerdings beschäftigt man sich schließlich während des Studiums auch mit den älteren Sachen. Daher ist das die "oberflächliche Sicht" eine äußeren Beobachterin auf diese Epoche.]
nicht Padua, sondern Bologna - war sowieso nur ein Exkurs
Wie so schreibst du hier nicht mehr?
Schade...