chronologs TIRO STUPENS

Die frühe Geschichte des jüdischen Regensburg

von Max Gawlich, 20. April 2008, 01:43

Im Jahre 981 nach der Fleischwerdung des Herrn (1) wurde der Verkauf des Gutes Schierstatt vom Juden Samuel an die Mönche des Klosters St. Emmeram in Regensburg durch Kaiser Otto II. bestätigt. Abt Ramwold jenes Klosters  und Bischof Wolfgang von Regensburg, als auch der schon im nächsten Jahr in Italien fallende Herzog Otto von Schwaben und Bayern erbaten diese Bestätigung dringendst vom Kaiser.

 

Wenige Jahrzehnte, ein Augenzwickern in jenen "dunklen" Epochen  (2) geradezu, später, 1020 begegnen wir den ersten Juden im Stadtkern von Regensburg.  Als kleine Gruppe empfanden sie es wohl angenehmer nahe beieinander zu wohnen, inmitten dieser wilden barbarischen Bayern. Deswegen kann  in dem Testament des Riziman auch von habitacula judeis gesprochen werden, in dessen Nähe sich das Grundstück befindet, das er dem Kloster St. Emmeram zu seinem Seelenheil vermacht.

 

Warum begegnen uns zu Beginn des 11. Jahrhunderts erst und dann auch noch so plötzlich Juden in der Innenstadt Regensburg, obwohl sie doch als Fernhändler (was könnten sie denn auch sonst anderes sein) und "Russenreisende" schon so viele Jahre und Jahrhundert das Handelsleben der Stadt mitgestalten. Schließlich führen sie, wenn wir allen Aufsätzen (3) zu diesem Thema Glauben schenken wollen, seit dem 7. Jahrhundert, aber aller spätestens seit dem 8. Jahrhundert Sklaven, Pelze, Wachs und Salz aus dem östlichen Europa ein und verkaufen sie bis nach Spanien weiter. Und im 9. und 10. Jahrhundert betreiben sie sogar Handel mit den Chazaren (ist ja klar internationale Solidarität aller Juden) und über deren Grenzen hinweg mit Gütern aus Asien und Arabien.

 

Was sich hier für schöne träumerische Dimensionen auftun. Naja zurück zu dem was wir wissen können.

 

920 wurde das, was vom römischen Regensburg bis zu diesem Zeitpunkt noch stehen geblieben ist, die Stadtmauer, insofern erweitert, dass das Kloster St. Emmeram in den schützenden Ummauerung einbegriffen wurden konnte. Der Westen dieser älteren Stadt weist für das 10. Jahrhundert noch eine 1 Meter dicke Humusschicht auf, die auf starke landwirtschaftliche Nutzung schließen lässt. Gewerbliche also und nicht wohnliche Nutzung, wenn man auch nur in gewissen Grenzen, denke ich,  beides trennen kann, hier bietet es sich aber in gewisser Form an. Und diese Flächen werden wohl im Laufe der Zeit stärker an die neuen Grenzen der Stadt verlegt werden, um im Zentrum der herzoglichen, bischöflichen und kaiserlichen Metropole Raum zu schaffen.  Und da wird Wohnraum frei, für Bürger der Stadt, die vielleicht bisher noch keine Veranlassung sahen sich in Regensburg niederzulassen  (weil Mainz, Magdeburg und Prag eh viel toller sind) oder außerhalb der Stadt lebten, besser gesagt in Scierstatt (wie unser Samuel), was nach einem jüngeren Aufsatz, nicht mehr als das moderne Stadtamhof identifiziert werden sollte (4). Auch geben die paar Wohnungen, was habitacula nun mal bedeutet, auch wenig Hinweise auf eine "voll durchstrukturierte" jüdische Gemeinde mit Synagoge und Schule (was übrigens meistens das gleiche Gebäude ist) und Mikwe und  und und.

 

Und das ganze ohne 3 Jahrhunderte quellenlose jüdische Besiedelung in Regensburg annehmen zu müssen.

Natürlich machen die Geschichten von den durch Europa reisenden Händler die aus Samarkand Gewürze und aus Kiew prächtige Sklaven mitbringen, um sie in Regensburg oder Mainz oder Metz feilzubieten mehr Spaß. Aber ich hoffe doch ermöglicht zu haben, dass vieles, was über frühe jüdische Stadtbesiedlungen (nicht nur in Regensburg werden diese Geschichten gerne erzählt, ebenso in Köln in Rouen und Reims etc.) kritischer betrachtet werden kann und trotzdem ein bisschen angenehmen Zeitvertreib geboten.

 

 

 

 

 

 

1. nur zum in Stimmung kommen

2. Gerne verweise ich auf den tollen Titel und die geradezu witzige Debatte, die sich in dem Aufsatz Lotter, Friedrich, Totale Finsternis über "Dunklen Jahrhunderten", in: Aschkenas 11/1, 2001, S. 215-232 "manifestiert". Natürlich ist das ernsthafte und wichtige Forschung!!!

3. Eigentlich würde ich mich gerne darum drücken irgendwelche Literatur darüber zu erwähnen, da ich der Meinung bin, dass sie vollständig tendenziös ist, in der Hinsicht, dass sich hier Heimatpatriotismus ganz arg die Bahn bricht. Nun gut in Auswahl ein paar Titel "Stadt und Mutter in Israel", oder

Regensburg – Archäologie des mittelalterlichen Judenviertels.

4. Die Schierstatt von Regensburg: Frühe jüdische Siedlungsspuren / Dirmeier, Artur

Ähnliche Artikel:


antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. Bob Eibl Juedische Haendler in der Roemer Zeit
    10.09.2008 | 10:07

    Da waren ja schon juedische Haendler unter der Roemer Zeit in Regensburg ( Ratisbona). Da gab es angeblich nicht viele Germane sogar suedlich von Regensburg bis nach Rom. Erwaehnebn die Roemer die juedischen Haendler etc. in ihren Schriften? koennten Sie bitte helfen, entweder in Deutsch oder English.
    Vielen Dank
    Bob Eibl
    Box 57, Little River 3211, Vic.Australia

szmtag