chronologs TIRO STUPENS

Wann ist das Mittelalter - das Ende vom Anfang

von Max Gawlich, 24. April 2008, 14:34

Stefan Heidland hat in seinem Kommentar zu meinem Einführungsartikel gefragt, was ich über die chronologische Einordnung des Mittelalter denke. Ob und welche Zeitgrenzen und Fixpunkte hier vielleicht zu fassen sind will ich untersuchen und meine noch unstrukurierten Gedanken, die eher einer postmodernen Auffassung angehören, hier praktisch ausprobieren.

Wahrscheinlich ist sich Stefan der Kniffligkeit dieser Frage bewusst, ansonsten hätte er doch nicht das allzu vereinfachende Beispiel der 500 in der gemeinen Zeitrechnung angesprochen. Im Begriff "gemeine Zeitrechnung" zeigt sich schon eines der größten Probleme von Epochenbildung, insbesonderer jener, auf die wir uns in der westlichen Welt geeinigt haben.

the most resistant categories of Eurocentrism are those which are so deeply embedded that we     have come to think of them simply as parts of a natural geohistorical landscape; and probably none of the categories has a deader hand than that of historical periodization" (Peter Hulme, Beyond the Straights: Postcolonial Allegories of the Globe, in: Postcolonial Studies and Beyond, hg. von Ania Loomba, 2005, 41-61, hier 42)


Nicht nur Eurozentrismus scheint das Problem, in der Epochenbildung offenbart sich auch der ganze konstruktive Charakter unserer Geschichtsschreibung.

Nun zu den Epochengrenzen. Versuchen wir erst einmal das Mittelalter in seinen Beginnen zu fassen. Da ich mich hier auf Europa konzentriere, denke ich können wir in diesem Bereich Anhaltspunkte für einen epochalen Wandel in der Spätantike und im Frühmittelalter suchen.Münze Romulus Augustulus Da wären wie Stefan schon angedeutet hat das Auftauchen und die Verbreitung des Christentums in Europa. Geary hat in seinem Buch Europäische Völker im frühen Mittelalter. Zur Legende vom Werden der Nationen die Entwicklung des Christentums sehr aufschlussreich nachgezeichnet. Wenn wir nun der Prämisse folgen würden, würde in Island das Mittelalter im Jahr 1000 beginnen und in Rom und dem oströmischen Teil des Reiches wahrscheinlich schon im 4. Jahrhundert mit der Anerkennung des Christentums durch Konstantin. Ein ebenso schwammiges und divergierendes, prozesshaftes Bild ergibt sich für den Rest Europas. Und was machen wir mit Spanien in dem das Christentum im 8. Jahrhundert nach der muslimischen Eroberung erst einmal wieder marginal wird.

Ein ähnliches Bild ergibt sich für die sogenannte "Völkerwanderung", die ein ganz gruselig obsoletes Konstrukt aus dem 19. und 20. Jahrhundert und ihrer nationalistisch motivierten Geschichtsschreibung ist. Die Ethnogenese und die Entstehung der Nationes ist ebenso ein Prozess, der aufgrund seiner unterschiedlichen Stärke und Ausrichtung mehr schlecht als recht zur Definition von Grenzen gelten kann.

Was kein schlechter Fixpunkt in einem Prozess (der Niedergang der staatlichen Strukturen des weströmischen Reiches) sein kann, ist die Eroberung Roms durch Odoaker, womit der Niedergang manifest und beispielhaft wird. Das hierzu natürlich wieder schwammige Randbereiche etc. gehören muss ich kaum betonen.
Das wohl Wichtigste ist, dass Isidor von Sevilla (etymologiae  6.-7- Jahrhundert) sich der Welt eines Hieronymos (Vulgata-Fassung der Bibel, 4. Jahrhundert) oder Augustinus (4. Jahrhundert) noch recht nahe gefühlt haben dürfte und Karl der Große im 9. Jahrhundert, besser gesagt seine gebildete Umwelt sich dieser schon sehr weit entfernt sieht. Von Friedrich II Kaiser des Reiches von 1194-1250 und Friedrich III der Habsburger (1452–1493) ganz zu schweigen. Die Welt der Kreuzzüge hat mit den italienischen Städten des 15. Jahrhundert soviel gemein, wie wir mit Ihnen.

Natürlich gibt es einschneidende Wandlungen, wie zum Beispiel die Entwicklung des Buchdruckes, welche aber gleichfalls prozesshaft zu denken sind (auch wenn wir damit immer den Namen Gutenberg verbinden, war er keinesfalls der erste Drucker und keinesfalls gab es nach ihm keinen Handschriftenproduzierenden gelehrten Mönche mehr, die wohl einer der Inbegriffe des Mittelalters sind) und in ihrer Wirkung, oder jener welche wir ihnen zumessen, nur aus der Nachschau, als solche epochalen Wendungen konstruiert werden.


Dann auch noch der Name Mittelalter (mediaevum). Entwickelt von den frühen Humanisten, bezeichnet er die dunklen Jahrhundert (besonders hinsichtlich der Fähigkeit das Lateinische in schönen Phrasen zu produzieren) zwischen dem Leuchtfeuer der Antike und seiner "Wiederentdeckung" in der Renaissance. Als ob Vergil, Ovid und Cicero nicht in fast jeder Klosterbibliothek gestanden hätten und es den Humanisten deswegen möglich war sie zu lesen.

 
Soviel einmal zu den Problemen der chronologischen Einordnung des Mittelalters. Ich hoffe ich habe mehr Fragen aufgeworfen (die sich dann in Kommentaren niederschlagen!) als beantwortet.
Scharfe Grenzen zu fassen ist gar nicht nötig, zum einen erweitert es unseren Tellerrand, wenn wir nicht davon ausgehen alles vor 500 und alles nach 1500 geht uns nichts an. Zum zweiten macht es uns bewusst und zwingt es uns immer wieder neu zu bedenken, dass der Begriff des Mittelalters, und das meiste andere auch, in der Geschichtsschreibung konstruierte Geschichte ist, die einer steten Kritik ausgesetzt sein muss.

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