chronologs TIRO STUPENS

Drogen im Mittelalter

von Max Gawlich, 17. Februar 2009, 12:27

Das Thema des Drogengebrauchs in der Zeitgeschichte ist wohl bekannt und wird häufig unter Begriffen der Sucht, der Zivilisationskrankheit oder auch der psychedelischen Erfahrung gefasst. Diese Geschichten haben meist einen moralisch/politischen Standpunkt, der entweder vom Übel des Drogenmissbrauchs spricht oder auf der anderen Seite die bewusstseinserweiternden Möglichkeiten, die dem Rausches inne wohnen.In beiden Argumentationslinien wird der Bezug zu einer imaginierten Vormoderne gesucht, die als Legitimationsgrundlage und Traditionsbildung dienen kann. Da wären auf der einen Seite der angebliche volkstümliche Gebrauch von rauschinduzierenden Pflanzen bei den Hexen, die ein antikes heidnisches Wissen, vorbei an der akademischen/elitären Kultur der Kirche tradiert hätten. Andererseits finden sich Beschreibungen, die Neros Flammenwahn als Folge einer Opiumsucht beschreiben. Versuchen wir uns ein bisschen anzuschauen was Drogen und Rausch im mittelalterlichen Kontext sein könnten.

Eine Erscheinung, die uns in den Quellen des Öfteren begegnet ist das sogenannte St. Antoniusfeuer oder das heilige Feuer. Es beschreibt die "Brandigkeit" der Extremitäten, dass nach der Einnahme von Mutterkorn als Hauptsymptom der körperlichen Erscheinungen des Mutterkornrauschs (Ergotismus) auftritt. "Mutterkornrausch"? Der Pilz (gerne schon als schmarotzend beschrieben, was er biologisch zweifellos ist, wird es trotzdem zur moralischen Verurteilung des Stoffes und seiner Konsumenten benutzt z.B. Camporesi, das Brot der Träume) der sich auf Roggen und anderen Getreidesorten findet, enthält ein Alkaloid Lysergsäure, dessen Derivat Lysergsäurediethylamid (LSD) recht bekannt ist.

Aber was können wir uns unter dem Rausch der mittelalterlichen Konsumenten vorstellen? Es gibt wohl zwei offensichtliche Betrachtungsweisen, zum einen dass die Berauschten ihren Zustand ängstlich und schmerzerfüllt und in Ahnung der Qualen des Purgatoriums durchgestanden haben, andererseits dass sie diesen Rausch suchten, um im halbsedierten Zustand das Leid ihres Alltags zu vergessen. Beide Perspektiven sind äußerst modern und es ist fraglich, inwieweit sie das Gefühl eines Bauern im 14. Jahrhundert beschreiben, der aus Hunger, das Getreide nicht so sehr gereinigt hat um mehr Ausbeute zu erlangen. Oder angenommener weise, die/der heilkundig Gebildete, der seinem Brot bewusst das "Tollkorn", wie es in zahlreichen romanischen Sprachen genannt wird, hinzufügt.

Hier begegnet uns das grundsätzlichste Problem der Rauschbetrachtung in anderen Zeiten. Es wurden vor der Moderne (hier bekanntermaßen Beaudelaire, les paradis artificiels oder Thomas de Quincey, Confessions of an English Opium-Eater) keine bewussten reflexiven Rauschbeschreibungen überliefert.

Aber was ist mit den Hexen, die durch die Gegend flogen und sich mit dem Teufel und seinen Dämonen lüstern vergnügten? Auch hiervon haben wir zum größten Teil gelehrte Traktate, deren Ziel die Stigmatisierung und Marginalisierung bestimmter randständiger Gruppen ist und die uns nur wenig über die erfahrenen Zustände gibt, dafür aber recht schöne Illustration der Phantasien von Inquisitoren und Medizinern. Aber es ist doch recht offensichtlich, abgesehen vom Kinderfett in den Salben, dass es die Beschreibung von Drogentrips sind, wenn sich Hexen mit Zaubertränken versehen und -Salben eingerieben haben, um zum Sabbat zu fliegen, oder dass es wenigstens eine Überlieferung dieser Zustände gab. Wir begehen zwei methodisch äußerst problematischen Vorannahmen, betrachten wir den Hexenflug als Drogentrip. Erstens erachten wir, angenommen es gibt eine volkstümliche abweichende Religiosität, die von fliegenden Frauen ausgeht (vgl. hierzu Ginzburg, der Hexensabbat), die religiösen Erfahrungen und das mystische Wissen jener als nicht authentisch, sondern nur aus dem Konsum von Halluzinogenen entspringend.

Das ist ein Problem, dem die aufklärerische Wissenschaft immer wieder begegnen muss, da sie Zustände abseits von Vernunft und "Realität" einfach nicht ernst nehmen kann. Ein weiteres Problem stellt die Projektion modernen medizinischen Wissens über die angenommene "wahre" Wirkung von bestimmten Stoffen auf das Mittelalter. Im Umkehrschluss muss es also möglich sein aus den beschriebenen Symptomen die Droge zu erkennen.

Das ist so einfach nicht. Betrachten wir zum Beispiel den Theriak, das legendäre Antidot. Es wurde in der Antike entwickelt, um eine Vorsorge gegenüber Vergiftungen zu treffen. Die Wirkung des Theriaks wird aus den überlieferten Rezepten erschlossen. Hier finden sich hauptsächlich das Fleisch oder Gift gefährlicher Tiere oder bekannte pflanzliche Gifte. Eines der Hauptbestandteile des Theriaks ist Opium, es ist in fast jedem überlieferten Rezept enthalten. Die Forschung geht nun davon aus, das die Wirkung der anderen Bestandteile placebohaft oder einfach unbekannt ist/war und sich die eigentlichen Wirkung des Theriak auf das Opium beschränkt. Wir können vielleicht pharmakologisch beschreiben, was ein Wirkstoff im Körper und Kopf eines Konsumenten anrichten kann oder soll, vergessen aber bei dieser Betrachtungsweise die Konstruktivität der Droge und des Rausches allzu leicht aus den Augen.

Eine der ersten Erkenntnisse der "Pathologie des Rausches", die nicht zuletzt hier in Heidelberg unter Kurt Behringer in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erforscht wurde, war, dass der Rausch bei der gleichen Person, am gleiche Ort, bei gleicher Dosis vollkommen anders gestaltet wurde.

Zu den vornehmsten Aufgabe des Historikers zählt das historisieren und gerade diese Handlung wird hier gerne übersprungen. Welche Erwartungen an die Wirkung, welche Konsummotive, welche diskursiven Regeln gibt es für die Rauschgestaltung und den Rauschinhalt? Wie wird eine Wirkung beschrieben und erfahren, wenn sie von der Säftelehre (Humoralpathologie) und nicht von der zellbiologischen der Moderne her gedacht wird. Das sind Fragen, die hier gestellt werden müssten, aber leider kaum beantwortet werden können.

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Kommentare

  1. Kai Hiltmann Fragezeichen
    18.02.2009 | 08:04

    Mindestens zwei Fragezeichen fehlen im Text:
    >Überlieferung dieser Zustände gab?
    >her gedacht wird?
    Ohne diese ist der Inhalt schwer verständlich.
    Im Übrigen habe ich nicht verstanden, was denn nun die Aussage genau ist. Dass wir einfach nicht wissen, wie der Rausch im Mittelalter empfunden wurde?

  2. Peter Müller Interessantes Thema, aber...
    18.02.2009 | 09:47

    Die Aussage des Textes lässt zu wünschen übrig. Im Grunde lautet sie "Nichts genaues weiß man nicht". Das ist ein bischen arg mager, um damit hier anzutreten. Dazu gesellt sich, dass der Satzbau arg verschachtelt daherkommt. Was habe ich z.B. unter "Konstruktivität der Droge und des Rauches" zu verstehen? Was will mir der Satz: "dass der Rausch bei der gleichen Person, am gleiche Ort, bei gleicher Dosis vollkommen anders gestaltet wurde" - soll das einfach heißen, jeder Rausch ist anders, oder liegt im Wörtchen "gestaltet" noch mehr verborgen? Kurzum: Interessantes Thema, dass es sicher noch eingehender aufzubereiten gilt. So bleibt der Text jedoch höchstens ein Denkanstoß.

    Schade, hatte mir mehr erhofft.

  3. Edgar Dahl "The War on Drugs"
    19.02.2009 | 11:02

    Wie weit reichen eigentlich die ersten Gestze gegen den Drogenkonsum zurück?

  4. Max Gawlich Drogengesetze
    30.03.2009 | 11:04

    Die ersten wirklichen Drogengesetze entstanden in Folge der Haager Konferenz 1912, die sich mit dem weltweiten Opiumkonsum und -Handel beschäftigt und die "gelbe Seuche" auf China eingrenzen wollte. Schnell kamen hier Kokain und Haschisch hinzu. Wichtig ist die Verankerung der Haager Beschlüsse im Versailler Vertrag und in den Statuten des Völkerbundes was zur Verbreitung der Drogengesetzgebung in der westlichen Welt führte. Die Vorrangstellung bei dieser Politik nahm die USA ein.

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