Die Sezession verteidigt sich: ein Leserbrief
Auf meine Notizen zur »Lage der deutschen Nation« habe ich folgende Reaktion erhalten, in der sich Martin Lichtmesz, ein Vertreter der intellektuellen Gruppe um Götz Kubitschek (und offenbar ein Leser meines Blogs), ausführlich die »sezessionistischen« Standpunkte erläutert, wie er sie wahrnimmt.
Mit seinen Ansichten bin ich zwar nicht einverstanden, aber ohne seine Worte zu bewerten und im Bewusstsein, dass meine Feststellungen zur Session auch falsch gewesen sein könnten, veröffentliche ich hier Lichtmesz' Wunsch entsprechend wortgetreu seinen Brief:
Sehr geehrter Herr Sapir,
Als "Sezessionist" will ich dazu eine Stellungnahme abgeben. Ihre Bemerkungen zeugen von einer recht oberflächlichen Rezeption der publizistischen Arbeit der "Sezession", wobei für mich bei der Unterstellung eines "innerlich und insgeheimen" Wunsches, daß "Hitler den Krieg gewonnen hätte", eine zulässige Grenze überschritten ist. Es geht vielmehr darum, das Problem und die politischen, seelischen und kulturellen Folgen der Niederlage von 1945 komplexer zu betrachten als allein durch die Brille Hitler, was ja inzwischen zum staatsoffiziellen Mainstream geworden ist. Das sind natürlich Wunden und Fehlstellen, an denen stärker geschichts- und nationalbewußte Menschen mehr laborieren als andere. Dafür sollten doch gerade Sie einen Draht haben. Mit Hitler ist ja nicht bloß der Nationalsozialismus untergegangen, ebensowenig wie der Krieg von 1939-45 allein durch den Nationalsozialismus zu verstehen und erfassen ist. In einem weiteren Kontext könnten Sie genauso gut - und auch mit mehr Recht- sagen, daß sich die Sezessionisten "insgeheim" wünschten, der Kaiser Wilhelm hätte den Krieg von 1914 gewonnen. Aber derlei rückwärtsgerichtete Spekulationen sind ebenso sinnlos, wie das waswärewenn Stauffenberg & Co Erfolg gehabt hätten. Unser Punkt ist aber, daß das Land unmittelbar und bis in die kleinsten Verästelungen an dem unverarbeiteten Trauma von 1945 leidet, das weder mit den Geschichtsbildern der Sieger, noch mit Weizsäckerformel zu fassen war, und daß hier ein Weg eines neuen Verständnisses gefunden werden muß, sofern Deutschland eine Zukunft haben soll. Das wird aber nicht ohne eine gewisse "Sezessionen" von den Geschichtsbildern und damit verbundenen Interessenlagen anderer Player abgehen. Dazu verweise ich Sie auch auf das neue Buch von Thorsten Hinz, "Die Psychologie der Niederlage", der diese Dinge besser und klarer darzustellen vermag, als irgendjemand sonst.
Daß Sie als dezidiert wehrhafter israelischer Patriot und Nicht-Linker die Betonung von "Staatsmacht und Kampfschmiede verherrlichender Tendenzen" als "faschistisch" verdächtigen, erscheint mir merkwürdig und inkonsequent. Der Staat ist hier vor allem als der Staat im preußischen Sinne gefaßt, und als Staat, der im Gegensatz zum jetzigen Merkel-CDUSPD-Mafia-Netz auch die eigenen Interessen zu vertreten und durchzusetzen vermag, vom Schulsystem, über den Euro, bis zur Einwanderungs- und Geschichtspolitik. Und was wäre denn bitte Israel oder sonst eine Nation ohne ihre "Kampfschmieden", die Sie ja auch für Ihr Land bejahen?
Schließlich hat Ihre Behauptung: "Trotzdem widerstehen sie nur viel zu selten der Versuchung, die Geschehnisse im Namen Osten zu missbrauchen, um Israel mal wieder an den Pranger zu stellen und sich selbst zu "beweisen", dass die Juden "es" anderen doch auch antäten." keinerlei faktische Grundlage. Überzeugen Sie sich selbst, daß Israel eher selten und meistens nur en passant ein Thema der Sezession ist, sowohl im Blog als auch in der Printausgabe, und wenn, dann niemals in dem von Ihnen unterstellten Sinne:
http://www.sezession.de/?s=israel
Überhaupt müßten Sie eher mich allein dingfest machen, da die meisten aufgeführten Artikel von mir sind. Aber auch diese haben niemals die von Ihnen behauptete Stoßrichtung. Daß ich die Politik Israels eher mit Bauchschmerzen betrachte und (zusammen mit dem amerikanischen Imperialismus) für mitverantwortlich an der Eskalation des islamischen Terrors halte, habe ich immer wieder deutlich erkennen lassen. Dies aber interessiert mich vor allem im Hinblick und als Reaktion auf unsere vertrottelt-kritiklosen heimischen Israel-Fahnenschwenker von links bis rechts, deren seelische Verfassung und Motivationen mich weit mehr beschäftigen als Israel selbst. Ich schreibe ja für Deutschland, und nicht für (oder gegen) Israel. Israel interessiert mich eher als Projektionsfläche deutscher Befindlichkeiten, wozu Sie ja viel Scharfsinniges bemerkt haben. Denn typischerweise drückt sich hier eine deutsche Pathologie und Identitätschwäche aus, von den PI-Anhängern, die sich hinter der Israel- und USA-Fahne verstecken, weil sie es nicht wagen, eine eigene Position einzunehmen, bis zu den Dschungelweltlern und Antideutschen, die meinen, sich mit einer 1000% Parteinahme für Israel von ihren allzu deutschen Komplexen reinwaschen zu können. Beides ist ebenso dumm wie würdelos. Dabei haben die antideutschen Gruppierungen, nicht nur, wie Sie bemerken, nichts für Deutschland zu bieten, sondern zählen zum aktiven deutschen Selbstmord- und Abbruchkommando des nationalneurotischen Sumpfes .
Mit diesen Gestalten wird sich im Ernstfall jedenfalls keine Front in Neukölln halten lassen, so exzessiv sie auch ihre unterdrückten nationalen Rambo-Sehnsüchte und Identitätsprobleme auf Israel projizieren mögen, und nix anderes geschieht hier. Viel eher noch hier, als bei den "Sezessionisten", wie Sie unterstellen. Da diese wissen, wo sie stehen und wer sie sind, haben sie das nicht nötig. Denn wenn überhaupt, dann wird auch hier eine "Sezession" befürwortet, nämlich die Abstandnahme von Israel als Lacmus-Test, Gretchenfrage oder sonstwie komplexhaft aufgeladenes Moment. Ich möchte dezidiert die Sicht auf Israel als entweder positive ODER negative Projektionsfläche entmutigen, und stattdessen eine realpolitische Sicht und vor allem eine Besinnung auf den eigenen Standort ermutigen. Insofern trifft das genaue Gegenteil Ihres Vorwurfs zu!
Ich für meinen Teil kann Israel nicht guten Gewissens rückhaltlos unterstützen, wie das für Sie der Gradmesser zu sein scheint, was überhaupt nichts mit der Frage zu tun hat, ob man dem jüdischen Volk den Nationalstaat nun prinzipiell gönnt, denn da bin ich natürlich d'accord, und habe mit diesem Konzept im Gegensatz zu 99% der deutschen Linken nicht das geringste Problem. Das ändert aber nichts daran, daß meiner Ansicht nach Israel von Anfang an auf einer schiefen Ebene, nämlich als Kolonialistenstaat auf Kosten der Araber und durch Krieg, Terrorismus und Vertreibung errichtet wurde, und dieses Karma sich tragisch fortschreibt. Eine gerechte Betrachtung der Lage kann das nicht beiseite wischen, so wenig sympathisch mir die Gegenseite auch ist. Es liegt an Israel, das zu lösen (wenn sich Tragödien überhaupt lösen lassen), aber es kann nicht erwarten, daß ihm alle Welt dabei vorbehaltslos zujubelt und zugekniffenen Auges durch Gaza oder die Westbank spaziert. Angesichts bestimmter Maßnahmen Israels (Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten, Tötung von Zivilisten, Mauerbau, Ghettoisierung, etc) und so manchen unverblümten Kriegs- und Vertreibungsphantasien, die ich aus dem Munde rechtsgerichteter Israelis gehört habe, empfinde ich alles andere als "Neid" auf soviel nationales Selbstbewußtsein, sondern eher ein profundes Unbehagen und einen Grusel angesichts solcher Hybris, und das, Überraschung, exakt wegen der Erfahrung Hitler und der nationalistischen Exzesse in Deutschland. Israel ist in meinen Augen in seinem jetzigen Zustand ein absolut prekäres und problematisches Gebilde, ich fürchte gar ein moderner Samson, der sich selbst mit den Philistern unter den Trümmern begraben wird. (Nebenbei: Eher noch als auf Israel sind deutsche Konservative heute wohl eher Länder wie Polen oder sogar Italien neidisch.)
"Groll", "nationale Renaissance", "deutsche Selbstverachtung": Was für Gefühle soll ich denn als Deutscher haben, wenn ich mir die israelischen Kampfschmieden in Yad Vashem und anderswo angucke, wie etwa in dem "Defamation"-Film von Yoav Shamir gezeigt? Euer moderner Schlachtengott ist nicht mehr der gute alte Jahwe (der nun auch nicht zimperlich war), sondern seine späte Travestie, der säkulare Shoah-Gott, der wohl eure Kampfschmieden effektiv anheizen mag, die Deutschen aber vernichtet und von innen aushöhlt. Schon allein deswegen können wir uns ihm nicht in der Form unterwerfen, wie ihr es tut. (Ich bezweifle aber indessen auch nachhaltig, ob er denn EUCH gut tut, oder ob er euch nicht vielmehr blindlings in die Philisterhalle hetzt.) Über den Shoahkult sind heute Deutsche und Juden Rücken und Rücken aneinander gekettet, und was den einen bei der "nationalen Renaissance" Auftrieb geben mag, ist für die anderen nur Grund für ein weiteres Abwracken und Abhalftern, für Neurotisierung und Selbsthaß. Verbunden mit anderen psychologischen Momenten, wird es hier nicht nur einen fortgesetzten (und völlig nachvollziehbaren) "Groll" geben, sondern auch Ressentiments, Machtspiele, Konflikte, Polarisierungen, psychologische Fehlleistungen, Teufelskreise, Komplexproduktionen und vor allem eine unheilvolle Verstrickung, die niemals eine positive Verständigung finden wird, von welcher Sie mir glauben können, daß sie die Mehrheit der Deutschen zutiefst ersehnt und dazu auch den guten Willen hat. Für dieses Dilemma sind Ihre Sympathien bzw. Parteinahmen ausgerechnet für die Jungles und die Antideutschen bezeichend. Wie bei einem Schachspiel landet man offenbar Zug um Zug in diesem Eck. Aber muß das so sein? Es muß, es wird auch hier dritte Wege geben.
Mit freundlichen Grüßen
Martin Lichtmesz
Soweit der Brief. Vielleicht kommt später wiederum auch ein Kommentar meinerseits, vielleicht auch nicht. Jedenfalls lasse ich hier diese Rede erst mal einfach zur Kenntnis genommen werden, mehr nicht. Man weiß ja nie, wann man selber den Sokrates spielen muss; meistens wohl früher als erwartet.
PS.
Neulich hat der Besuchszähler auf meinem Blog die 150.000-Grenze überschritten; diese Zahl ist das Resultat fast vierjähriger Schreiberei und als solches enthält sie auch die Abrufe auf meinem ersten, privaten Blog (»Ein Jude in Deutschland«), das mir Anfang 2008 die Einladung in die »Scilogs« verschaffte.
Ist das viel? Wenig? So oder so bedanke ich mich bei euch - wohl wissend, dass Quantität kein gutes Maßstab für Qualität ist - für die mir geschenkte Aufmerksamkeit. Auch wenn ich hier vornehmlich schreibe, um meine intellektuelle Gesundheit zu erhalten, ist es natürlich angenehmer, zu wissen, dass man immerhin nicht nur für sich selbst schreibt, sondern dass seine Erzeugnisse auch für andere von Interesse sind.
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