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Der moderate Antisemitismus

von Yoav Sapir, 01. Februar 2009, 00:33

Der moderate Antisemitismus ist eine Form von de facto akzeptiertem Antisemitismus, also gezielter und unrechtfertigbarer Aggression gegen das jüdische Volk. Er ist nicht latent, sondern deutlich erkennbar. Da er andauert, wird er hingenommen, geduldet und nicht neben antisemitischen Ausbrüchen thematisiert.
 
Im Gegensatz zum mörderischen Antisemitismus greift er nicht mit Messern, sondern mit Politik an, verliert deswegen aber nicht an Wirkung. Der moderate Antisemitismus ist nicht deutschlandspezifisch, sondern weltweit präsent. Er gilt als salonfähig. Es ist der Antisemitismus der Eliten.
 
Wie jede andere Form des Antisemitismus bekundet sich der moderate Antisemitismus genauso bei Juden wie bei Nichtjuden. Ein Beispiel hierfür ist die Verdrängung der wesentlichen Unterschiede zwischen Israel und den Religionen, die - ob explizit wie das Christentum oder implizit - auf Israel aufbauen. So spricht man heuchlerisch von den "abrahamitischen" Religionen oder von den "Urenkel" Abrahams und reduziert Israel auf eine Religion, um es dann mit dem Christentum und dem Islam vermeintlich gleichsetzen zu können. Das antisemitische Moment besteht aber vor allem darin, dass man dabei so tut, als ob das Christentum und der Islam ohne Israel überhaupt auf die Figur Abrahams gekommen wären. Damit versucht man - vergeblich - die Usurpation der israelischen Mythologie zu legitimieren.
 
Denn die Usurpation ist ein wichtiges Mittel des moderaten Antisemitismus. Ein anderes Beispiel ist die Darstellung von Jerusalem, dem Zentrum und der Hauptstadt des jüdischen Volkes, als "den drei Religionen heilig", als ob es eine Frage der subjektiven Heiligung wäre. Wer solche schwachen Aussagen macht ist nicht dumm. Die moderaten Antisemitien wissen sehr wohl, dass das Christentum nur durch seine Usurpation des Israeliten Jesus von Nazareth mit Jerusalem verbunden ist (wobei hier auch auf das Vorhandensein zurückhaltender Herangehensweisen wie etwa beim Theologen Karl Barth hinzuweisen ist). Genauso gut wissen sie, dass auch der Islam keinen direkten Bezug zu Jerusalem hat, welches im Koran nicht einmal erwähnt wird und erst nachträglich durch Exegese usurpiert wurde (mir sind leider keine islamischen Religionsgelehrten bekannten, die nach innen ausdrücklich gegen die Expansion auf Kosten Israels agieren).
 
Der moderate Antisemitismus wird in Jerusalem auch auf der Ebene der internationalen Politik sichtbar, etwa durch die Unsichtbarkeit fremder Botschaften (eine Ausnahme: die Internationale Christliche Botschaft, welche jedoch keinen Staat vertritt). In diesem Fall kommt die antisemitische Aggression in der illegitimen Weigerung zum Ausdruck, Jerusalem als Hauptstadt anzuerkennen, während man vom jüdischen Staat erwartet, die jeweils eigene Hauptstadt doch anzuerkennen.
 
In einem Gespräch hat mir 2007 der damalige Handelsattaché Israels in Berlin erzählt, dass ca. 80% der Tätigkeit (aufgrund von Hightech etc.) mit Bayern zu tun hat. Wäre die Botschaft in München oder zumindest in Frankfurt a. M., so müsste man weit seltener in die Berliner Provinz als es heute umgekehrt der Fall ist. Aus politischen Gründen ist es nun mal so, wie es ist. Ob es aber legitim ist, Berlin als die neue Hauptstadt der BRD anzuerkennen und somit das zweierlei Maß in Bezug auf das eigene Land zu "verkoschern"? In den USA musste es 1995 sogar zu einem vom Kongress verabschiedeten Gesetz kommen, das die Verlegung der US-amerikanischen Botschaft in die Hauptstadt erzwingt, aber bis heute nicht umgesetzt worden ist.
 
Freilich gibt es seit Jahrhunderten nichtjüdische Minderheiten in Jerusalem, was durch die Vertreibung der Juden aus der Altstadt 1948 und die Verbrennung der Synagogen neue Ausmaße angenommen hat. Aber damit lässt sich keine politische Usurpation rechtfertigen. Die lautere Diskriminierung, die der Position innewohnt, die Engländer hätten Anspruch auf London, die Franzosen auf Paris, die Polen auf Warschau etc., aber nur die Juden müssten in der eigenen Hauptstadt auf volle Souveränität verzichten - diese Diskriminierung entspringt keiner objektiven Begriffsbestimmung von "Hauptstadt", welche Usurpation durch Fremde rechtfertigen könnte.
 
Dass das irdische Jerusalem der Eckstein des jüdischen Volkes ist, ist den moderaten Antisemiten durchaus bekannt. Sie wissen genau, dass das Judentum ohne diese real existierende Grundlage zu einer "Weltreligion" würde und somit erst recht zum ewigen Wandern von New York über Tel Aviv bis nach Berlin (oder umgekehrt) verdammt wäre. Deswegen greifen sie die Juden gerade in Jerusalem an: eben dort, wo die Unterminierung wirksam ist.
 
Ich gebe zum Schluss zu, das ich mich ebenfalls mit dem moderaten, salonfähigen Antisemitismus abfinde. Diesen Beitrag habe ich aber zu einem bestimmten Zweck geschrieben, nämlich um damit deutlich zu machen, dass man aus solch weitverbreiteter Resignation auf keine Rechtfertigung des moderaten Antisemitismus und dessen Methoden wie etwa der Usurpation schließen darf.

 

 





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Yoav Sapir

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Kommentare

  1. Joachim Roth Keine brauchbare Analyse
    01.02.2009 | 06:31

    Ich kann der Argumentation in diesem Artikel leider nicht zustimmen. Würde ich dieses Argumentationsmuster übernehmen, könnte mir das als Usurpation ausgelegt werden. Damit würde ich wider Willen zum Antisemiten.

  2. Yoav Sapir @ Joachim
    01.02.2009 | 14:46

    Wenn du meine Urheberrechte an diesem Text nicht anerkenntest und vielleicht sogar den Anspruch erhöbest, selber diese zu besitzen, wäre dem tatsächlich so. Desgleichen mit Literatur: Ein Roman über Liebe geht, aber man darf sich nicht des Inhalts eines bereits vorhandenen Romans bemächtigen, zumal der Urheber - in diesem Fall: Israel - leider Gottes noch da ist...

    Darum: Einen Kult oder eine Religion zu gründen und von Göttern zu reden ist ja wunderbar, aber da soll man sich gefälligst was Eigenes einfallen lassen. Und selbst wenn man Ideen kopiert, was früher ja ganz normal war (obwohl der jeweilige Ausmaß der Übernahme im Fall des Christentums und in dem des Islams schon ganz besonders ist), soll man zumindest in der materiellen Welt die Finger davon lassen, was einem nicht gehört. Es gibt ja genug Städte auf der Welt, da muss man sich doch nicht unbedingt ausgerechnet Jerusalems bemächtigen.

  3. Peter Bosshard Legitime Kritik oder Antisemitismus
    01.02.2009 | 17:59

    Der Kern der Sache ist doch : Wann ist Kritik an den Juden oder an Israel als dem Staat der Juden antisemitisch, und wann ist er es nicht.
    Der von dir moderat genannte Antisemitismus unterscheidet sich vom mörderischen gemäss deiner Kategorisierung dadurch, dass der mörderische sich offen zu erkennen gibt, während der moderate nicht ohne weiteres als Antisemitismus erkennbar ist.

    Ohne Zweifel gibt es einen moderaten Antisemitismus, der sich in einem rationalen Schleier verhüllt.
    Gemäss meinem Verständnis hat Antisemitismus immer irrationale Beweggründe, einen irrationalen Kern, eine böswilliges Motiv, das sich gegen die Juden insgesamt richtet.

    Die von dir angeführten Beispiele sind nicht zwingend antisemitisch. Es wäre doch möglich, dass die Kritik, die du als ungerechtfertigt einstufst, lediglich einem Mangel an politischem Verständnis entspringt.

    Grundsätzlicher ist die Frage, wie der moderate Antisemitismus als solcher erkannt werden kann. Es ist dies die Frage nach der Gesinnung. Deine Beispiele können daher im konkreten Fall lediglich als schwaches Indiz gelten. Eine und diesselbe Aussage, die du anführst, kann in einem Fall antisemitisch motiviert sein, im andern Falle nicht.

    Kurz gesagt : Wenn zwei das Gleiche tun, so ist es noch lange nicht Dasselbe.

    Du dehnst den Begriff Antisemitismus zu sehr, was den Verdacht der politischen Instrumentalisierung des Antisemitismus zu nähren vermag.

    Ich habe, so glaube ich zumindest, einiges Verständnis für jüdische Sensibilitäten in Sachen Antisemitismus. Ich wünsche mir aber von jüdischer Seite Zurückhaltung mit dem Antisemitismusvorwurf, eine Zurückhaltung, die anhält, bis grösstmögliche Gewissheit über die böswilligen Motive des Beschuldigten herrschen.

    Manchmal kommt es mir so vor, als renne ich über ein Minenfeld, sobald Thematiken mit jüdischem Bezug zur Sprache kommen. Jedes Wort muss wohl abgewogen sein, wohlüberlegt und unmissverständlich. Die Diskussionen haben einen zwanghaften Charakter. Um die Fallstricke zu umgehen, wird dann oft ein sinnentleertes Mantra runtergeleiert und dem Holocaustkult gefrönt, die routinierte Empörungs - und Betroffenheitsrituale. Eine unpräzise oder missverständliche Formulierung, vielleicht auch eine unüberlegte oder gar dumme, und die Mine geht hoch.

    So wie es den moderaten Antisemitismus gibt, so gibt es auch die politische Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs, übrigens durchaus nicht nur von Juden erhoben.

  4. Yoav Sapir @ Peter
    01.02.2009 | 18:36

    Ich habe am Anfang doch geschrieben: "Er ist nicht latent, sondern deutlich erkennbar."

    Ansonsten ist die (ob explizite oder implizite) Legitimierung von Usurpation, unterstützt durch die zahlenmäßig eindeutige Überlegenheit der Usurpierenden, böswillig. Desgleichen die Nichtanerkennung der Hauptstadt eines Volkes, während man von diesem Volke doch erwartet, die jeweils eigene anzuerkennen.

    Was das alles mit Kritik am jüdischen Staat zu tun hat, müsstest du noch erklären. Dann käme es eben darauf an, ob dieser objektive Maßstäbe - etwa eine objektive Begriffsbestimmung von "Hauptstadt", die auch auf die eigene angewandt wird - oder eher böswillige Motive zugrunde liegen.

  5. Peter Bosshard Legimität des Staates Israel
    01.02.2009 | 23:29

    Reden wir doch Tacheles, Yoav !

    Um was geht es denn bei den von dir angeführten Beispielen ? Es ist die Frage, ob der Staat Israel Legimität beanspruchen kann. Das ist der Kern, der tabuisierte Kern, tabuisiert zumindest für die Mehrheit der Europäer und insbesondere für viele Deutsche.

    Die Tabuisierung der Legimitätsfrage führt zu Angriffen auf anderen Schauplätzen der öffentlichen Auseinandersetzung. Da werden dann die Kriegshandlungen im Gazastreifen als Holocaust bezeichnet, die Israelis und das israelische Militär mit dem deutschen Faschismus verglichen, der Gazastreifen als Warschauer Ghetto verklärt oder gar gleichgesetzt und der Teilung Jerusalems das Wort geredet.

    Radikalmuslimische Organisationen wie beispielsweise die Hamas sprechen ganz offen aus, was viele auch hier in Europa denken, aber nicht auszusprechen wagen, dass nämlich der Staat Israel keine Legimität besitze, dass Juden im amerikanischen Finanzsystem grossen Einfluss besässen und dadurch amerikanische Aussenpolitik im Sinne Israels beiflussen können ( siehe auch " Die Israellobby" ).

    Jerusalem und der Tempelberg ist das Herz, ohne das Israel einen wesentlichen Teil seiner Identität verlieren würde. Die Bedeutung des Tempelberges ist für den Atheisten nicht wirklich nachvollziehbar, da sich die besondere Bedeutung auf mythisch - religiöse Quellen stützt.

    Es ist wichtig zu erkennen, aus welchen Gründen, aus welchen Motiven heraus die Legimität des Staates Israel verneint wird.

    Der politisch relevante Antisemitismus in Europa ist der linke Antisemitismus. Die braunen Glatzköpfe sind unbedeutend, der religiös begründete in einer zunehmend atheistischen Gesellschaft im Schwinden begriffen, auch wenn die Wurzeln im Religiösen liegen.

    Was zeichnet die real existierende Linke in Deutschland aus ? Es ist Antikapitalismus, Antiamerikanismus ( im Grunde auch Antikapitalismus, da USA als der kapitalistische Staat schlechthin gilt ) und Atheismus. Dazu gesellt sich ein gerütteltes Mass an Selbstgerechtigkeit, verbunden mit einem tiefsitzenden Schuldkomplex aufgrund des von ihren Vätern und Grossvätern verschuldeten Weltkrieges und der damit einhergegangenen Greueltaten.

    Die Existenz des Staates Israel erinnert sie immer an ihre historische Schuld. Der Staat Israel und die Juden ganz generell werden als die Archetypen des Kapitalisten wahrgenommen. Israel wird als ein auf Religion und Glauben begründeter Staat verstanden, der eng mit dem weltwirtschaftlich dominanten amerikanischen Finanzsystem verbunden ist.

    Israel und seine Juden werden als die wahrhafte Antithese zum linken, säkularen Glaubensbekenntnis erkannt.

    Jetzt, so meine ich, sind wir ganz bei der Sache. Deshalb ist es für einen grossen Teil der Linken in Deutschland unerträglich, dass eine in ihren Augen so anachronistische Antithese, der Staat Israel, zu ihrem säkularen Glauben existieren kann.

    Da ihr säkularer Glaube Antirassismus beinhaltet, umgibt sich ihr antisemitischer Kern mit einer rationalen Hülle. Inwiefern sich diese Leute ihres Antisemitismus bewusst sind, das lass ich mal dahingestellt.

  6. Fischer An diesem Punkt
    01.02.2009 | 23:42

    muss ich einmal auf die Geschichte mit dem usurpierten Israelischen Nationalgericht verweisen, die letzten Oktober durch die Blogosphäre gewandert ist.

  7. Michael Blume @ Yoav: Wow, das nenne ich mal...
    05.02.2009 | 06:43

    ...ne Antisemitismuskeule! Schon die bloße Existenz stellt also den gemeinen Christen unter Antisemitismusverdacht (schließlich "usurpiert" er Jesus und Teile der jüdischen Überlieferung) und wer es auch nur wagt, zur Jerusalemfrage anderer Meinung als Du zu sein, wird (auch wenn er selbst z.B. Jude ist) flugs zum "moderaten Antisemiten"...

    Lieber Yoav, gerade weil es so viel wirklichen Antisemitismus (und Hass gegen Christen, Muslime sowie weitere Minderheiten) gibt, gegen den und die es anzugehen gilt, kann ich dieser nationalreligiösen Semantik nicht viel abgewinnen. Wenn Du jeden Andersdenkenden von vornherein von oben herab abwertest, wirst Du nicht in den ehrlichen Dialog mit anderen finden. Schade.

  8. Yoav Sapir @ Michael
    06.02.2009 | 17:44

    Es geht nicht um bloß "andere" Meinungen. Denn man kann sehr wohl darüber diskutieren, welchen Platz Fremdlinge im Allgemeinen und Angehörige jener Religionen im Besonderen, die (ob explizit oder implizit) auf Israel aufbauen, in Jerusalem einnehmen dürfen. Ich bin in diesem Punkt für Religionsfreiheit, solange das keine Fortsetzung von Gewaltausübung gegen das Judentum (wie etwa auf dem Tempelberg) bedeutet. Das heißt: Genau so wie bei der Redefreiheit, ist es auch in diesem Fall eine Frage der Grenzsetzung. Ich setze also die Grenze dort, wo die Bezugnahme auf Israel im Allgemeinen oder auf Jerusalem im Besonderen umkippt und sich in Beanspruchung verwandelt. Nur solche extremistischen Meinungen liegen jenseits des Dialogischen, denn ich bin nicht bereit, ideologische Gewalt zu tolerieren, geschweige denn, diese durch Dialog legitim erscheinen zu lassen.

    Dass man sich zu Jesus quasi als Alternative zu Israel anstatt zu Israel und erst dadurch auch zu Jesus bekennt, muss also - theoretisch betrachtet - nicht unbedingt heißen, dass er gleich Anforderungen an Israel stellt. Allerdings ist das oft doch der Fall, denn diese gedankliche Prämisse ist bester Nährboden für antisemitische Beanspruchung, etwa im Hinblick auf Jerusalem, das - demagogisch formuliert - ja "auch den Christen" heilig ist.

    Vor solchen gefährlichen Denkmustern gilt es zu warnen, was ich bei dialogischen Gelegenheiten auch tue. Weit bedeutsamer ist aber, dass es in Deutschland auch Pfarrer gibt, die heutzutage in Barths Fußstapfen treten und die Hoffnung auf ein echtes Zusammenleben ermöglichen, in dem ideologische Gewalt à la "Urenkel Abrahams" und sonstige Fälschungen keinen Platz hat.

    Allerdings wird es sicherlich noch dauern, bis das zur Norm wird. Denn heutzutage ist der moderate Antisemitismus leider noch sehr weit verbreitet. Schade ist eigentlich nur, dass es Menschen gibt, die ideologische Gewalt zu verharmlosen und, wenn ich dich recht verstehe, sogar zu rechtfertigen suchen.

  9. Shabbes-goi Glubbibulgar
    07.02.2009 | 13:42

    Lieber Yoav, ich glaube, Du schmeisst da Sachen in einen Topf,
    die sich leider nicht zusammen verdauen lassen.
    Gut, Christen und Muslime verstoßen fortgesetzt gegen das grundlegende Gebot "Du sollst nicht stehlen!", denn sie stehlen sich andauernd Adoshem. Ich gebe Dir Recht, dass sie sich erst auf Awraham berufen könnten, wenn sie Giur gemacht haben. Aber nicht alle Gottesdiebe sind dadurch automatisch Antisemiten. Deine Ableitung zu Jerusalem kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Gut, Jerusalem ist die Hauptstadt Israels, aber die es souveränen demokratischen modernen Staates Israel, den man nicht mit Eretz Israel in einen Topf werfen sollte. Die nicht ausreichende Anerkennung muß nicht unbedingt im Antisemitismus wurzeln. Zu Jesrusalem als Stadt des Tempels: Wenn es Adoshem wichtig gewesen wäre, dass der Tempel besteht, hätte er ihn 70 n.d.Zeitenwende nicht zerstören lassen.

  10. Yoav Sapir @ Schabbesgoi
    07.02.2009 | 14:24

    Ich glaube, im Beitrag überhaupt nicht theologisch an die Sache herangegangen zu sein. Ob man sich etwa in die Rolle Ismaels versetzt, um sich tatsächlich oder vermeintlich auf Abraham berufen zu können, ist eine Frage des *Umgangs* mit der israelischen Mythologie (anders ist es natürlich, wenn man unwillentlich in eine solche Rolle, etwa in die Esaus, hineininterpretiert wird). Weit wichtiger erscheint mir aber die Voraussetzung für *jeglichen* Umgang, nämlich dass man sich dieser Mythologie *überhaupt* bemächtigt, d.h. - ob explizit oder implizit - auf Israel aufbaut.

    Wie oben in der Antwort an Michael erklärt, muss die Usurpation Israels durch Fremde - theoretisch betrachtet - noch keine antisemitischen Anforderungen bedeuten, aber in der Praxis ist das oft doch der Fall. Die Unterminierung von Jerusalem als Hauptstadt des *jüdischen* Staates (eine gesetzlich festgeschriebene Definition) und somit aller, die sich zum jüdischen Volke (im Gegensatz zu einer "jüdischen Religion") bekennen, fungiert hier als ein Beispiel dafür, wie Usurpation in der Praxis als Methode zur Durchführung antisemitischer, weil gezielt gegen das jüdische Volk gerichteter Agitationen.

    Ob die Nichtanerkennung der Hauptstadt keine judenspezifische und daher auch keine antisemitische Agitation sei, könnte sich alleine am Vorhandensein eines anderen Falls zeigen, wo so viele westliche Völker volle diplomatische Beziehungen zu einem Volk "X" - ob im Sinne eines staatstragenden Volkes wie etwa in Deutschland und Israel oder im Sinne einer vom Staat deduzierten Bürgerschaft wie etwa in den USA (s. dazu hier) - unterhalten und dabei die Hauptstadtfrage mit zweierlei Maß messen würden, sodass die Anerkennung der "x"-ischen Hauptstadt durchgehend ausbliebe, obwohl die jeweils eigene im Rahmen dieser Beziehungen vom Volk "X" mittels seines Staates doch anerkannt wäre.

    Vielleicht irre ich mich, aber momentan ist mir nur ein einziger Fall bekannt, wo eine solche Agitation stattfindet, nämlich: Israel und sein Staat.

  11. Michael Blume @ Yoav: Usurpation
    08.02.2009 | 06:30

    Lieber Yoav,

    wie Du weißt, habe ich nie ein Problem damit gehabt, Dir auch bei Positionen zuzustimmen - hier kann ich Dir aber beim besten Willen nicht folgen.

    Das geht schon bei der m.E. willkürlichen Verwechslung von Usurpation je im theologisch-religionshistorischen und geografischen Bezug los. Dass sich Religionen (ebenso wie z.B. Sprachen, Musiken etc.) teilweise auf Vorgänger beziehen, ist ein völlig normaler Vorgang und hat m.E. nichts mit Usurpation zu tun. So hat z.B. das Judentum aus dem (babylonischen) Zoroastrismus u.a. Vorstellungen eines Endgerichtes und einer messianischen Rettergestalt übernommen - aber damit doch nicht "usurpiert"! Ebenso geht das Hebräische auf äygptische Alphabetvorläufer zurück - und wir führen diese Diskussion hier gerade mittels lateinischer Buchstaben und arabischer Ziffern. Nichts davon ist Usurpation, sondern ein völlig legitimes, ja schönes Neukombinieren kultureller Elemente.

    Ebenso mit der Geografie: Natürlich könnten z.B. Indianer mit einigem Recht einfordern, alle Nichtindianer hätten Amerika zu verlassen. Griechen könnten Istanbul zurückfordern und Muslime auf muslimische Gründungen in Andalusien bestehen. Mit Realismus und Menschlichkeit hätten und haben solche Absolutheits- und Überlegenheitsansprüche aber nichts zu tun. Wer ein gutes Zusammenleben der Menschen und konkret Frieden für Israelis und Palästinenser will, sollte m.E. dringend vom hohen Roß herunter - auf allen Seiten.

  12. Yoav Sapir @ Michael
    08.02.2009 | 10:27

    Du verwechselst Anlehnung und Inspiration mit Usurpation bzw. dem, was das Heidenchristentum und der Islam mit Israel gemacht haben und m. E. eben deswegen so problematisch ist, *weil* diese Usurpation nicht nur in der Geisteswelt erfolgt, sondern eng mit politischen und territorialen Ansprüchen verknüpft ist. Eine Analogie zu deinen Beispielen - etwa die Annahme arabischer Ziffern - bestünde folglich nur, wenn:

    1) Es das arabische Volk gäbe und dieses in der realen Welt seinen arabischen Staat (etwa namens "Arabien") hätte, den man direkt bekämpfen könnte und dessen Hauptstadt etwa Mekka wäre;
    2) Ziffern (als solche) politische Auswirkungen in der physischen Welt hätten;
    3) Diese politischen Auswirkungen mit viel abendländischer Gewaltausübung verknüpft wären;
    4) Abendländer würden die Araber für Fälscher der "wahren" Ziffern erklären;
    5) Abendländer erhöben territoriale Ansprüche auf Arabien und insb. auf Mekka, würden sich dort ansiedeln und die Araber zu verdrängen suchen.
    6) Die Welt würde Mekka nicht als die arabische Hauptstadt anerkennen, teilweise sogar nicht als Teil Arabiens.

    Auch deine Gleichsetzung mit Konstantinopel/Istanbul kann ich nicht nachvollziehen. Abgesehen von der Frage, ob die Griechen damit Recht hätten, erheben sie ja keinen Anspruch gegen die Türken auf Konstantinopel. Aber gegen die Juden werden doch Ansprüche auf Jerusalem erhoben!

    Man darf also die Tatsachen nicht mit Beispielen hoher Quantität und niedriger Qualität wegretuschieren: Nicht Israel erhebt Ansprüche gegen andere, sondern es werden Ansprüche gegen Israel erhoben. Nicht die Juden möchten sich Mekka bemächtigen, sondern Muslime möchten sich Jerusalem bemächtigen. Nicht Israel weigert sich, Berlin als die neue Hauptstadt der BRD anzuerkennen, sondern die BRD weigert sich, die Hauptstadt Israels anzuerkennen. Nicht jüdische Palästinenser erheben Anspruch auf Ostpalästina, sondern muslimische Palästinenser erheben Anspruch auf Westpalästina usw. usf. Ich glaube, du erkennst schon das Muster.

    Mit Friedensstiftung hat dieses gezielt judenfeindliche und daher ausgesprochen (wenn auch moderat) antisemitische Muster nichts zu tun. Denn in diesen Angriffen steckt das hohe Ross, nach dem du suchst. Wer auf Israel aufbaut, kann neben Israel zwar (vielleicht nur theoretisch) in Frieden leben, muss aber darauf achten, dass seine ideologische Usurpation zumindest in der physischen Welt nicht zulasten Israels geht. Oder meinst du, ich hätte gute Chancen auf Frieden mit dem Iran, wenn ich die Teilung Teherans zwischen rabbinischen Juden und schiitischen Muslimen verlangen würde? Wer mit Israel wirklich in Frieden leben will, lässt seine Finger von Jerusalem weg.

  13. Walter Schwarz Usurpation??
    08.02.2009 | 12:37

    Es ist immer gefährlich, Politik, Religion und Kultur zu vermischen.
    Aus meiner Sicht ist es Teil des Problems, dass sich Israel gleichzeitig als demokratischer Staat und andererseits als religiös begrenztes Gebilde sieht... Müssen die "Juden" in ihrer Hauptstadt auf Souveränität verzichten, oder die "Israeliten"? London "gehört" den Briten, diese sind keine Religionsgemeinschaft. Mekka und Medina "gehören" den Muslimen, es sind aber keine Hauptstädte mit politischer Bedeutung.
    Jerusalem ist nun einerseits für 3 Parteien ein Ort mit historisch gewachsener religiöser Bedeutung, die welcher Legitimation auch immer sein kann; man muss anerkennen, dass die Bedeutung gewachsen ist und nicht mehr weggezaubert werden kann. (Als Atheist sehe ich das von aussen und kann dem Ganzen nur ein deprimiertes Kopfschütteln abgewinnen, aber das steht ja hier nicht zur Debatte.) Wenn ich jetzt eine neue Religion gründen würde mit dem Mythos, dass Jerusalem die heilige Stadt des Gottes "Max des Schafschlächters" ist, und sich innert 200 Jahren meine Religion zu Weltbedeutung ausweitet, ist dieser Anspruch nicht mehr oder weniger legitim als der der jüdischen oder der christlichen oder muslimischen Religion. Da religiöse Legitimation letzten Endes willkürlich ist, muss man sie mindestens zu einem gewissen Grad von politischer Legitimation trennen.
    Andererseits ist Jerusalem eine von Bürgern bewohnte Stadt, in einem Staat, der unter speziellen Bedingungen entstanden ist und wo spezielle Bedürfnisse berücksichtigt werden müssen. Wäre es legitim, mir und ein paar Kollegen die politische Kontrolle über Zürich zuzugestehen, nur weil ich in einem Buch gelesen habe, dass das meine Verheissung ist, und alle bisherigen Bewohner zu verjagen? Weiter müsste Ihnen sicherlich bekannt sein, dass Jerusalem nie vollständig Israel zugesprochen wurde. Ein einseitiger Anspruch macht noch keine Legitimation. Wenn Jerusalem für alle unbestritten zu Israel gehören würde, wäre Israel natürlich frei, ihre Hauptstadt wo auch immer zu platzieren und auch zu erwarten, dass Botschaften der anderen Länder auch dorthin ziehen.
    Zur Usurpation nur soviel, auch das Judentum ist nicht aus dem Nichts entstanden; ich verweise mal auf Wikipedia: http://en.wikipedia.org/...ncient_Semitic_religion . Ich finde es ziemlich anmassend, einer Religion (und/oder Kultur) vorschreiben zu wollen, von wo sie sich beeinflussen lassen darf und welche Mythen sie übernehmen darf, und erst recht mit dem heiklen Begriff von Antisemitismus um sich zu werfen. Wenn ich behaupten würde, Pizza sei zu einem normalen Gericht geworden, wäre das italienerfeindlich? Es würde die Herkunft der Pizza sicherlich nicht würdigen, und in einem strengen Sinne könnte man es auch kulturelle Usurpation nennen wollen, aber ein feindseliger Akt gegenüber einem Volk wäre es unter keinen Umständen.
    Ich habe selber hier Religion, Kultur und Politik bis zu einem gewissen Grad vermischt, aber im Grunde genommen kann man auf allen 3 Stufen unabhängig argumentieren. In der heutigen polyreligiösen und multikulturellen Welt ist die Aufforderung an das Judentum und an den israelischen Staat, in einer komplizierten politischen Situation diese Dinge auseinanderzuhalten, kein Antisemitismus, sondern unbedingte Notwendigkeit und Vorbedingung zur Lösung des Konflikts. Dasselbe gilt übrigens natürlich auch für die arabische Seite.
    Ich firmiere übrigens nicht mit meinem echten Namen. Ich traue mich nicht mehr, einen solchen Beitrag zu veröffentlichen, ohne nachher als Antisemit verschrien zu werden; und das Internet merkt sich alles. Soweit sind wir schon gekommen.

  14. Yoav Sapir @ Walter
    08.02.2009 | 14:13

    Vielen Dank für deinen Kommentar, in dem sich im Grunde genommen genau jenes Denkmuster bekundet, das ich im obigen Beitrag analysiert habe:

    1. Du reduziet Israel auf eine Religion, um es dann mit dem Christentum und dem Islam vermeintlich gleichsetzen zu können.

    2. Du retuschierst die realen Verhältnisse (wer baut auf wen auf) vollkommen weg, um den Sachverhalt pauschalisiert (vgl. "welcher Legitimation auch immer") betrachten und die (nicht nur) ideologische Gewalt gegen die Juden verharmlosen zu können.

    3. Den (inzwischen pauschalisierten) Sachverhalt stellst du zudem auf den Kopf, in dem so tust, als ob die Juden die Welt davon überzeugen müssten, dass Jerusalem die Grundlage ihrer realen, eben nicht nur religiösen Existenz ist... Es gibt ein talmudischer Grundsatz, der lautet: Wer von seinem Nächsten etwas haben will, der tragt die Beweislast. In diesem Fall bedeutet das: Nicht die Legitimation Israels, sondern die Legitimation der anderen, die auf Israel aufbauen, müsste gerechtfertigt werden.

    Ansonsten:

    1. Ich hätte kein Problem mit der Religion von "Max des Schafschlächters" - aber eben nur solange die Anhänger dieser Religion keine Anforderungen gegen das jüdische Volk stellen. Touristen sind in Jerusalem sehr willkommen, aber politische, geschweige denn territoriale Ansprüche müssen jedoch aufs Schärfste verurteilt werden.

    2. Überleg es dir mal: Wenn es gar nicht darauf ankommt, ob die Seite, von der man etwas haben möchte, die Anforderung für legitim hält oder nicht, kann sich ja jeder dessen bemächtigen, was ihm so alles gefällt. Unterm Strich erwartest du vom jüdischen Staat, dass er jedem in der Usurpation Israels begründeten Anspruch gerecht wird und somit die ideologische Aggression gegen Israel eigenhändig in die Tat umsetzt, und diese Erwartung stellst du nur deswegen, weil die Usurpation zumindest auf der ideologischen Ebene erfolgreich vollzogen ist. Was wäre denn judenfeindlich, wenn nicht so eine Anforderung?

    3. Natürlich wurde die israelitische Religion teilweise von anderen Kulten beeinflusst. Aber dabei ist es eben zu keinen Anforderungen gegen Ägypten (etwa wegen Echnaton) gekommen! Das ist doch genau der Punkt: Inspiration (Aufnahme einer allgemeinen Denkrichtung) ist vollkommen in Ordnung, wohingegen Usurpation (Übernahme von Form und Inhalt) sehr problematisch werden kann. Dazwischen gibt es aber Handlungsspielraum, wie etwa Karl Barth gezeigt hat.

    4. Es wird keinem vorgeschrieben, was er übernehmen darf. Aber man darf auch nicht dem jüdische Volke vorschreiben, allen in Übernahme verankerten Anforderungen gerecht werden zu müssen.

    5. Wenn du es mit der Pizza so weit triebest, dass du Anforderungen gegen Italien stellen und territoriale Ansprüche auf Rom erhöbest, dann ja, so etwas wäre schon ziemlich italienfeindlich...

    6. Die wichtigste Vorbedingung zur Lösung des Konflikts ist vielmehr die Verurteilung von Usurpation. Nur das kann zu gegenseitigem Respekt führen, in dem keine nichtjüdischen Ansprüche auf Jerusalem, keine nichtägyptischen Ansprüche auf Kairo, keine nichtislamischen Ansprüche auf Mekka usw. gestellt würden.

  15. Walter Schwarz kein Betreff
    08.02.2009 | 15:22

    Wenn ich resümieren darf: das antisemitische Denkmuster besteht darin, nicht von vornherein den alleinigen territorialen Anspruch Israels auf Jerusalem anzuerkennen. Habe ich dich so richtig verstanden?
    Auf was gründet denn dieser Anspruch? War es etwa immer so, dass Jerusalem zum Staat Israel gehörte? Jerusalem gehörte seit etwa 3000 Jahren abwechslungsweise Arabern, Römern, Juden, Christen und Türken. Warum haben jetzt ausgerechnet die Juden heute den territorialen Anspruch? Weil ihre Religion zuerst da war? Dann könnten jetzt Wodan- und Freya-Jünger in Deutschland ihr Territorium beanspruchen.

    Übrigens habe ich ausdrücklich erwähnt: Israel und das Judentum sind drei Sachen: ein Staat, eine Religion und eine Kultur. Worin habe ich Israel auf eine Religion reduziert? Die Religion des Judentums ist aus meiner Sicht tatsächlich mit der Religion des Christentums oder des Islams gleichzusetzen. Die Kultur ist mit der Kultur etwa von Schweizern oder von Ungarn gleichzusetzen, sie überschneidet sich zum Teil mit der Religion, aber nicht vollständig. Der Staat ist mit Österreich oder mit England gleichzusetzen. Alles andere entbehrt jeder Grundlage. Oder was unterscheidet denn Israel von diesen anderen Konstrukten? Diese Frage zu stellen, ist doch nicht Antisemitismus, sondern nur fair gegenüber allen anderen Kulturen, Religionen und Staaten, die alle ihre Geschichte haben.

    Vielleicht denken Menschen, die als Juden aufgewachsen sind, diesbezüglich so total anders, dass wir aneinander vorbeireden...

  16. Yoav Sapir @ Walter
    08.02.2009 | 16:32

    1.

    Du hast ja geschrieben: "London 'gehört' den Briten, diese sind keine Religionsgemeinschaft. Mekka und Medina 'gehören' den Muslimen, es sind aber keine Hauptstädte mit politischer Bedeutung."

    Diese Worte habe ich wiederum so verstanden, dass das britische Beispiel im Gegensatz zum jüdischen herangezogen worden und dass Letzteres eher mit den Muslimen gleichgesetzt wird. Wenn dem so ist, kommt es einer Reduzierung des Judentums aufs Religiöse gleich.

    Aber wenn deine Differenzierung zwischen Israel und seinem Staat *nicht* darauf abzielt, das eine *grundsätzlich* vom anderen zu trennen, sodass diesem Staat - im Gegensatz zu anderen Nationalstaaten - seine Funktion als das politische Handlungsmittel des ihn tragenden Volkes abgesprochen würde - dann habe ich mich in meinem Veständnis deiner Worte geirrt.

    2.

    Naja, die Assyrer, die Babylonier, die Perser, die Seleukiden, die Römer, die Byzantiner, die arabischen Dynastien, die Kreuzritter, die Mamelucken, die Osmanen und die Briten waren alle fremde Imperialisten, desgleichen die Haschemiten, die ja aus der arabischen Wüste stammen und Ostpalästina (wie auch damals den Irak) als Dankeschön geschenkt bekommen haben.

    Mit Verlaub möchte ich hier aber keine Diskussion über die Legitimation des Zionismus als Rückkehrbewegung starten - und darauf liefe eine Diskussion über das Schicksal Jerusalems unter fremder Herrschaft sicher hinaus.

    Das sage ich übrigens nicht, um ein - m. E. vermeintlich - unanfechtbares Bild des Zionismus zu bewahren. Ganz im Gegenteil: Auch heute noch reiße ich ab und zu die zionistische Argumentation nieder, wenn es sich im Gespräch gehört. Aber schließlich kommt es immer wieder nur darauf an, ob man überhaupt historische Legitimation akzeptiert oder nicht.

    Wenn nicht, geht Macht vor Recht und die ganze Diskussion erübrigt sich. Wenn doch, ist es eine reine Ansichtssache, wie man die Vergangenheit interpretiert und welches Narrativ man daraus konstruiert. In der Regel gewinnt jenes Narrativ, dass sich als stärker erweist, sodass auch in diesem Fall Macht (wenn auch argumentative Macht) vor Recht geht.

    Wie du wohl schon sehen kannst, gehört etwa der obige Beitrag zu dem Narrativ, das ich zu Zeiten konstruiere, wenn ich dem Zionismus wohlgesinnt bin. Seine Stärke prüfe ich hier an euren Einwänden.

    3.

    Ich würde sagen, dass das (moderat) antisemitische Moment - in diesem Punkt - eher in der Verharmlosung, ggf. sogar Rechtfertigung der Usurpation besteht, und zwar unter Wegretuschierung der qualitativen Unterschiede zwischen Israel und den Religionen, die (ob explizit oder implizit) auf diesem Volke aufbauen. Dass diese Form der ideologischen Aggression heutzutage in politischen und territorialen Ansprüchen zum Ausdruck kommt, ist nur das Ergebnis des antisemitischen Moments.

    Ich nehme übrigens die große Herausforderung, der Israel in der Behandlung von Fremden mit besonderem Verhältnis zu Jerusalem gegenübersteht, durchaus wahr, kann aber jeden Extremismus, der über diese Herausforderung hinausgeht, nicht akzeptieren.

    Die große Problematik bei der Behandlung der Fremden besteht darin, dass dieses Phänomen, wo ein kleines Volk so stark herausgefordert wird, nirgedwo auf Erden eine Parallele hat. Allgemein gesehen bin ich dafür, die Anhänger der fremden Religionen als unsere Gäste zu betrachten, deren usurpatorischen Ansatz zwar nicht gut geheißen, aber freundlich verkraftet wird. Diese freundliche Herangehensweise wird allerdings unmöglich, sobald die Gäste ihre Stellung ableugnen und sich anmaßen, in Israels Hause Herren zu sein.

    Die Situation ist m. E. mit den biblischen Regelungen zu den ansässigen Fremdlingen vergleichbar, die Israel demnach v. a. in sozialer Hinsicht unterstützen soll. Das gilt aber nur, solange die ansässigen Fremdlinge sich nicht anmaßen, die Besitzer geworden zu sein. Ich glaube, dieses logische Prinzip, das in jeder Wohnung in jeder Stadt in jedem Land auf dieser Erde ganz automatisch angewandt wird, ist vollkommen nachvollziehbar. Dass man ausgerechnet von den Juden erwartet, von diesem Prinzip abzusehen, ist eine Messung mit zweierlei Maß, womit wir wieder beim antisemitischen Moment ankommen.

    4.

    Deine Aufteilung in ein Staat, eine Religion und eine Kultur wäre richtig, wenn es sich beim jüdischen Volke um das bloße Zusammentreffen dieser Teilaspekte handeln würde, wie es etwa in der deutschen Schweiz tatsächlich mehr oder weniger der Fall ist.

    Bei Israel hingegen handelt es sich um ein Volk, von dem Verschiedenes abgeleitet wird, wie etwa die universelle Nationalsprache, die facettenreiche Kultur, das Land, den Staat und ja, auch gewisse Gottesvorstellungen und eigene Kulttraditionen (ich glaube nicht, dass man hier wirklich von "Religion" sprechen kann, aber das tue ich bequemlichkeitshalber zugegebenermaßen auch).

    Das alles trifft nicht auf die deutsche Schweiz zu, deren Dialekte eindeutig Teil des deutschen Sprachraums sind, deren Kultur eindeutig Teil des deutschen Kulturraums ist, deren Religionen nicht schweizspezifisch sind (auch nicht die reformierte Kirche) und sowieso nicht als Nationalreligionen erdacht sind.

    Überhaupt ist das Selbstverständnis des israelitischen Narrativs eines eigenen Beitrages wert, was ich auch in intersubjektiv nachvollziehbarer Weise zu verwirklichen vorhabe.

  17. Michael Blume @ Yoav: Jerusalem in der Bibel
    09.02.2009 | 21:09

    Lieber Yoav,

    nationalreligiöse Weltanschauungen mögen verführerisch eindeutig erscheinen, sind aber bei näherer Analyse stets voller Widersprüche. Nehmen wir nur Jerusalem.

    1. Auch nach der Bibel wurde Jerusalem nicht durch Juden und nicht einmal durch Abraham gegründet - dieser entrichtete vielmehr dem bereits in Salem ansässigen König Melchisedech ausdrücklich den Zehnten! (Genesis bzw. Bereschit 14,18 f.) Selbst wenn, was ich für abwegig hielte, also Territorialansprüche direkt aus der Bibel hergeleitet werden könnten, könnten also wohl Nachfahren Melchisedechs die gesamten abrahamischen Religionen rauswerfen... Mir scheint hier die Lesart viel schlüssiger, die gerade hier erkennt, dass Jerusalem schon immer die Stadt vieler Völker und Religionen war! Und die gebotene, realistische Position geht m.E. schlicht von den Menschen aus, die heute in der Stadt leben und sich in überwältigender Mehrzahl persönlich nichts zuschulden haben kommen lassen.

    2. Du schreibst zu Recht, dass Israel nicht auf das Judentum reduziert werden darf. Ja, genau - ein erheblicher Anteil der israelischen Staatsbürger sind z.B. muslimischen und christlichen Glaubens. Gehört auch diesen Jerusalem? Dann ist es bereits eine multireligiöse Stadt. Oder sind nichtjüdische Israelis für Dich doch weniger echte Israelis? Sind sie ein gleichberechtiger Teil Israels?

    3. Selbstverständlich gibt es Griechen, die von der Rückerobung Istanbuls träumen, Muslime, die Andalusien wiederhaben wollen und Deutsche, die den Verlust Schlesiens an Polen oder des Elsaß an Frankreich nicht akzeptieren wollen. Aber solche Eiferer werden in Europa als unrealistisch und letztlich schädlich auch fürs je eigene Land erkannt - was ich mir in Nahost auch wünschen würde, auf allen Seiten.

    So, wie ich jenen palästinensischen und muslimischen Freunden hartnäckig widerspreche, die immer noch von der "Rückeroberung" des ganzen Gebietes und also der Vernichtung Israels träumen, widerspreche ich auch jenen israelischen und jüdischen Freunden, die letztlich weitere Besetzungen und Vertreibungen einfordern. Und es macht mich besonders traurig, wenn Vertreter beider Seiten behaupten, sie hätten ganz sicher Gott auf ihrer Seite...

    Es sind schon viel zu viele unschuldige Menschen auf beiden Seiten getötet worden und dieser Konflikt hat schon viel zu viele Menschen weltweit vergiftet. Wir - sowohl Israelis und Palästinenser wie letztlich die Menschheit insgesamt - brauchen nicht noch mehr Gewalt und Absolutheitsansprüche, die sich angeblich aus Koran oder Bibel rechtfertigen, sondern endlich Realismus und Frieden!

  18. Yoav Sapir @ Michael
    09.02.2009 | 22:38

    1.

    Es wird hier doch nichts aus der Bibel hergeleitet. Es geht schlicht um die uns bekannte Geschichte. Ob alles, was in der Bibel steht, wirklich so gewesen sei, ist weniger wichtig als die Entstehungsgeschichte dieser israelitischen Texte v. a. am Jerusalemer Hofe...

    Ob das mit Malkizedek keine israelische Rückprojektion ist, muss dahin gestellt bleiben. Sicherer erscheinen die Angaben zur unmittelbar vorisraelischen Geschichte der Stadt, die damals Jebus hieß. Hätten die Jebusiter die Frühantike überlebt und wäre es so gewesen, dass nicht das israelitische Jerusalem, sondern das eigentlich wirkungslos verschwundene Jebus die Weltgeschichte geprägt hätte, dann bestünde heute die hypothetische Möglichkeit, dass dieses Volk auf die Stadt Anspruch erhöbe, welchen von Israel wirklich ernst genommen werden müsste. Allerdings gäbe es in diesem kontrafaktischen Szenario sowieso nicht jenes Israel, das in der uns bekannten Weltgeschichte seinen Weg in die Gegenwart beschritten hat, geschweige denn ein "Christentum" oder einen "Islam". Mit anderen Worten: In diesem Szenario gäbe es nicht nur das uns bekannte Israel nicht, sondern auch keine Religionen, die auf ihm aufbauen und usurpatorische Anforderungen gegen ihn stellen, sodass wir bei dieser Diskussion nach wie vor auf die Problematik angewiesen ist, die die heutige Wirklichkeit aufweist und in welcher die Juden, die doch keine Ansprüche auf Kairo, Mekka oder den Vatikan erheben, trotzdem mit usurpatorischer Aggression gegen ihre Hauptstadt konfrontiert werden.

    Übrigens verstehe ich nicht, warum du die fremden Minderheiten "verteidigst", gegen die doch keinerlei Vorwürfe meinerseits gemacht worden sind. Wie schon mehrmals erklärt, habe ich gar kein Problem mit diesen Minderheiten - solange natürlich sie keinen Terror von sich hervorbringen, was leider immer wieder doch der Fall ist. Fremde Minderheiten gibt es seit sehr langer Zeit in Jerusalem - jedenfalls seit dem Beginn osmanischer Statistik - und wenn sie unsere Gäste bleiben wollen, können sie es gerne tun.

    2.

    Du musst zunächst zwischen Israel und seinem Staat differenzieren, bevor ich deine Frage beantworten kann. Allgemein gesprochen glaube ich nicht, dass der Staat als solcher einen religiösen Charakter zu haben braucht: Der Kult und der Staat sollen m. E. als geistige bzw. politische Manifestationen Israels nicht per definitionem aufeinander bezogen sein, sondern vielmehr nebeneinander bestehen. Aber als das politische Handlungsmittel Israels, d.h. des ihn tragenden Volkes, muss natürlich einer der Zwecke dieses Nationalstaats in der Sicherung des israelischen Kultes bestehen, zumal kein anderer Staat diese Aufgabe erfüllen kann. Was fremde Religionen im Allgemeinen und jene im Besonderen angeht, die auf Israel aufbauen, so dürfen diese m. E. Religionsfreiheit genießen, sofern sie keine kultische Aggression ausüben (womit wir wieder bei der Usurpation des Tempelbergs ankommen) und kein gegen Juden gerichtetes Gewaltrisiko aufweisen (s. hier: http://www.chronologs.de/...m-wo-steckt-die-gefahr). Ich schreibe hier bewusst "gegen Juden" (obwohl etwa islamische Grundschriften auch Christen gefährden), weil der jüdische Staat in erster Linie Juden beschützen muss und keine ideologische oder sonstige Gewalt im eigenen Lande tolerieren darf. Wenn er diese Grundaufgabe irgendwann richtig erfüllen würde, könnten weitere in Betracht gezogen werden.

    3.

    Bzgl. Istanbul etc. wiederholst du denselben logischen Fehler wie vorher. Wenn du gegen "Rückeroberungen" bist, warum unterstützt du die islamischen Ansprüche auf Jerusalem? Das heißt: Selbst wenn du vom Sachverhalt absehen willst, um diese Ansprüche vermeintlich rechtfertigen zu können, ist es doch *dein* formales Kriterium, das dich dazu bringen sollte, selber die aggressiven Ansprüche gegen die Juden in Bezug auf Jerusalem abzulehnen und die fremden Minderheiten zu friedlichem Leben im jüdischen Staat aufzurufen.

    Ich bin (auch) Historiker und du ja (auch) Politikwissenschaftler. Insofern ist es nachvollziehbar, dass ich nicht mit deinem Ansatz einverstanden bin, aber wenn du ihn hier schon vertrittst, dann sei doch bitte konsequent...

  19. Alecks Aantisemitismus
    10.02.2009 | 14:23

    ciao Yoav,

    ein buch mit dem sich eine menge leute einmal auseinandersetzen sollten. vielleicht kennst du es ja schon: Bernard Lewis, die Geschichte des Antisemitismus.
    Ich fand die "Friedensdemonstrazionen"nach den Angriffen im Gazastreifen etwas bedenklich, nicht das demonstriert wurde viel mehr wie.Fuer den Frieden o.k. aber gegen Israel?wie kann man gegen ein Land demonstrieren? Was ist das fuer eine Meinung, ich bin gegen Italien, Russland finde ich bloed.Wo waren die Demonstrationen im Sommer nach der Offensive der Tuerkei im Nordirak,oder bei den Massakern in Dafur? so weit ich richtig informiert bin hat die pkk noch nicht einmal Racketen auf "tuerkische Siedlungen" geschossen. ich meine nicht eine einzige brennende Tuerkeiflagge gesehen zu haben. Vielleicht ist das die Meinung eines relativ ungebildeten Menschen aber nach der ganzen Juedischen Geschichte...gerade in deutschland sollten wir nicht vergessen was fuer eine Verantwortung wir tragen.Und selbst wenn wie soviele Leute gerne behaupten die Staatsgruendung nicht kosheer gewesen sein sollte, na und? jetzt sind diese Menschen dort seit Generazionen die Muttersprache ist Heabreisch nicht Englisch Deutsch Russisch oder Franzoesisch. Alle nach Amerika schicken? Ins Meer treiben? Das hoert sich fuer mich nachn einer groesseren Menschlichen Tragodie an als ein "paar" Muslimsche Araber in einen Muslimischen Arabischen Nachbarstaat einzubuergern oder aehnliches. Soweit mir bekannt ist haben die israeis nichts gegen Muslime in Israel so lange sie friedlich sind, die Hamas will alle Juden Raus fuer immer! Hass hin oder her meiner Meinung nach ist es relativ offenkundig wer seine einstellung endern muss damit es frieden geben kann.

    (meine Rechtschreibung ist katastrofal entschuldigung)

  20. Anne nachdem ich lange gelesen hab',
    11.02.2009 | 14:02

    habe ich jetzt vielleicht doch eine Idee, was genau Yoav gemeint haben könnte (ich brauche meist eine Weile, um hinter deine Argumentation zu kommen).Oder auch nur, was ich da hineininterpretiere!

    Israel ist ein Staat und hat dementsprechend das Recht sich seine Hauptstadt auszusuchen, die auf seinem Territorium liegt- in diesem Fall Jerusalem. Dass Jerusalem die Hauptstadt Israels ist, verbietet aber niemandem, dort auch seine eigenen Heiligtümer zu besichtigen/in Stand zu halten oder sich einfach nur dort auf zu halten. Christen/ Muslime/ Juden können also alle gemeinsam in Jerusalem wohnen, so weit sie sich an israelische Gesetze halten, denn ihre Heiligtümer stehen auf staatlichem Booden von Israel! Jetzt kommt der Knackpunkt- jetzt sprechen aber anscheinend einige dieser Einwohner oder Gläubigen Christen und Muslime diesem Staat das Recht ab, Jerusalem als seine Hauptstadt an zu sehen. Und zwar mit der Begründung, dass Jerusalem auch ihnen gehöre- das mag ja teilweise stimmen, trotzdem ist Israel immer noch ein Staat
    und sie Gläubige einer Religion, die zwar Besitzheitsansprüche auf ihre Heiligen Stätten haben dürfen, doch aber niemals auf den Boden auf dem diese stehen- denn der scheint israelisch zu sein.( wenn doch dann sind ja Heiligtümer wie Botschaften an zu sehen- dummerweise hat der Islam aber keinen eigenen Staat, dem dieses Gebiet zugesprochen werden könnte; der Vatikan existiert zwar, wird aber in der internationalen Politik nicht als Staat im eigentlichen Sinne angesehen.)
    Wenn man international also Jerusalem nicht als Hauptstadt eines säkulären Staates ansieht, weil es dort auch muslimische und christliche Kultstätten gibt und somit beiden Religionen ein Anrecht auf Jerusalem haben, dann verkennt man den Unterschied zwischen dem Staat Israel und den Religionen Judentum, Islam, Christentum.

    Das Problem liegt also nicht im Religiösen, sondern anscheinend einfach nur darin, dass sich Israelis und Palästinenser nicht entscheiden können, wem Jerusalem nach Staatemrecht gehört. Und da beide Völker keinen Kompromiss finden, wird dann in der Geschichte/Historie/Religion nach Beweisen gesucht, wer denn zuerst von diesen 3 in Jerusalem war- und die Frage kann man ironischerweise leicht beantworten (das Judentum, da es die älteste Religion der 3 ist; das ändert aber nichts an der Arugumentation, da Israel ein säkulärer Staat ist und somit keine Besitzheitsansprüche pflegen darf, (nur) weil ein Grossteil seiner Bevölkerung jüdisch ist- das wäre dann nämlich mit den Besitzheitsansprüchen der anderen Religionen gleich zu setzten- die ich gerade widerlegt habe.

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