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Poetische Historiographie: Milan Kundera zum Thema Geschichte

von Yoav Sapir, 11. Januar 2010, 08:16

In einem alten Artikel, der sich mit einer österreichischen Sicht auf die deutsche Geschichtsschreibung befasste, stellte ich ein paar Zitate von Fritz Fellner vor. Diese haben mich damals in ihrer Klarheit und Genauigkeit so gerührt, dass ich das Ganze ziemlich übertrieben mit "historiographischer Poesie" betitelt habe. Nun kann ich mit einer wiederentdeckten Kundera-Stelle ein würdiges Pendant setzen.
 
Habe ich bei Fritz Fellner eine "Poesierung" des Historiographischen erblickt, so finde ich bei Milan Kundera, der im Nachstehenden keine Chronik schreibt, metahistorische Reflexionen in einem literarisch-poetischen Zusammenhang. Und so schreibt er in der "unerträglichen Leichtigkeit des Seins":
 

Und von neuem kam ihm ein Gedanke, den wir schon kennen: das menschliche Leben findet nur einmal statt, und deshalb werden wir niemals feststellen können, welche von unseren Entscheidungen gut und welche schlecht waren, weil wir uns in einer gegebenen Situation nur einmal entscheiden können. Es wurde uns kein zweites, drittes oder viertes Leben geschenkt, so daß wir verschiedene Entscheidungen miteinander vergleichen könnten.
 
Mit der Geschichte verhält es sich ähnlich wie mit dem Leben des Individuums. Es gibt nur eine Geschichte der Tschechen. Eines Tages wird sie zu Ende sein wie das Leben von Tomas, und sie wird sich nicht ein zweites Mal wiederholen können.
 
Im Jahre 1618 erkühnten sich die böhmischen Stände, ihre Religionsfreiheit zu verteidigen; sie waren wütend auf den in Wien residierenden Kaiser und warfen zwei seiner hohen Würdenträger aus einem Fenster der Prager Burg. So begann der Dreißigjährige Krieg, der zu einer fast vollständigen Vernichtung des tschechischen Volkes führte. Hätten die Tschechen damals mehr Vorsicht als Mut an den Tag legen sollen? Die Antwort scheint einfach, ist es aber nicht.
 
Dreihundertzwanzig Jahre später, im Jahre 1938, nach der Münchner Konferenz, beschloß die ganze Welt, das Land der Tschechen Hitler zu opfern. Hätten sie nun versuchen sollen, allein gegen eine achtfache Übermacht zu kämpfen? Im Unterschied zum Jahre 1618 zeigten sie dieses Mal mehr Vorsicht als Mut. Mit ihrer Kapitulation begann der Zweite Weltkrieg, der zum (endgültigen) Verlust der Freiheit ihres Volkes führte, für viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte [Kundera veröffentlichte den Roman 1984!]. Hätten sie jetzt mehr Mut als Vorsicht zeigen sollen? Was hätten sie tun sollen?
 
Könnte sich die Geschichte der Tschechen wiederholen, wäre es gewiß nicht schlecht, jedesmal die andere Möglichkeit zu erproben und dann die beiden Ergebnisse zu vergleichen. Ohne ein solches Experiment bleiben jedoch alle Überlegungen ein Spiel von Hypothesen.
 
Einmal ist keinmal. Die Geschichte Böhmens wird sich nicht ein zweites Mal wiederholen, und ebensowenig die Geschichte Europas. Die Geschichte Böhmens und die Geschichte Europas sind zwei von der fatalen Unerfahrenheit der Menschheit gezeichnete Skizzen. Die Geschichte ist genauso leicht wie ein einzelnes Menschenleben, unerträglich leicht, leicht wie Federn, wie aufgewirbelter Staub, wie etwas, das morgen nicht mehr sein wird.

 
In diesen Worten Kunderas enthüllt sich übrigens eine altbewährte Vorstellung: Wenn die Geschichte der Tschechen mit dem Leben von Tomas vergleichbar ist, so werden die Völker zu Personen, ja zu den Individuen der "Weltgeschichte", wie wir mit typisch abendländischem Hochmut unser tradiertes Gedächtnis nennen.

 

 



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Yoav Sapir

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Kommentare

  1. Dietmar Hilsebein kein Betreff
    09.01.2010 | 15:18

    "In diesen Worten Kunderas enthüllt sich übrigens eine altbewährte Vorstellung: Wenn die Geschichte der Tschechen mit dem Leben von Tomas vergleichbar ist, so werden die Völker zu Personen, ja zu den Individuen der "Weltgeschichte", wie wir in unserem Hochmut unser tradiertes Sammelbewusstsein nennen."

    Ob der Umkehrschluß auch richtig ist? Ist die Geschichte einer oder mehrerer Personen die Geschichte eines Volkes? Sind die Irrungen und Wirrungen eines Volkes, auf die Fehlbarkeit des Volkes Sohns zurückzuführen, ein Sohn, der in seinem Auf -und Abstieg nicht ausreichend geprüft wurde? Ein Sohn, der Gläubige, aber nicht Erkennende fand?

  2. Thilo 1982
    09.01.2010 | 15:49

    Das zitierte Buch ist übrigens von 1982, nicht 1984. (Was in der Sache natürlich keinen Unterschied macht.)
    Kundera greift dieses Thema 2000 in seinem (bisher) letzten Roman "Die Unwissenheit" wieder auf:
    "Alle Vorhersagen irren sich, das ist eine der wenigen Gewißheiten, die dem Menschen gegeben wurden. Doch wenn sie sich auch in Bezug auf die Zukunft irren, so sagen sie die Wahrheit über die, die sie aussprechen, sie sind der beste Schlüssel, um zu verstehen, wie diese ihre Gegenwart erleben." (Kapitel 3)

  3. Yoav Sapir @ Dietmar
    09.01.2010 | 17:30

    Ja, auch das ist ein Stück Wahrheit und gehört zum fast Mythischen an dem, was wir "Geschichte" nennen. Und wie es beim Mythischen immer ist: Das Schöne und das Schreckliche sind kaum voneinander zu trennen.

  4. Yoav Sapir @ Thilo
    09.01.2010 | 17:34

    Danke für das Zitat, ich mag seine Art, Wahrheiten "fußnotenlos" zu formulieren, ohne sich von Besserwissern einschüchtern zu lassen. Nicht jeder (auch nicht jeder Schriftsteller) wagt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

    1982 erschienen oder erstmals veröffentlicht?

  5. Walter Micke Todesurteil
    03.03.2010 | 14:45

    Die Soldaten,

    die unsere Politiker nach Afghanistan schicken,
    werden eine Menge Menschen umbringen und
    viele von ihnen werden selber dabei drauf gehen.
    Die Politiker, die das getan haben, haben wir
    gewählt, obwohl wir das Recht, Todesurteile
    zu fällen, schon lange abgeschafft haben.

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