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Die Konstruktion des Österreichischen

von Yoav Sapir, 17. März 2009, 22:56

Sei es über die EU-Wörterliste (das berühmte bzw. berüchtigte Protokoll Nr. 10) oder über die zahlreichen Werke, die sorgfältig nach Unterschieden zwischen dem "österreichischen" und dem "deutschen" bzw. angeblich bundesrepublikanischen Deutsch suchen: Den Österreichern ist es zum persönlichen Anliegen geworden, sich von den Deutschen auch in sprachlicher Hinsicht abzugrenzen.

Zu einer Zeit wie der heutigen, wo im Oberrahmen der EU unterschiedliche Grenzen an Bedeutung verlieren oder, wie etwa die monetären, gar aufgehoben werden, richtet der Mensch sein Augenmerk auf andere Kriterien, die ihm zur Feststellung der eigenen Lage in der unüberschaubaren Welt verhelfen. So können z. B. der Heimatsort, der Beruf, der Bildungsstand, die politische Orientierung, aber auch Gruppierungen der Alltagskultur (wie Nationalmannschaften und andere Sportvereine) die Ersatzkoordinaten bilden, die zur ersehnten Selbstidentifizierung benötigt werden.

Jedoch zeichnet sich das neue Europa in erster Linie durch seine sprachliche Vielfalt aus. Dabei kann dem Menschen gerade die Muttersprache, die ja jenseits des Einflussbereiches der großen Politik liegt, Kontinuität und Sicherheit bieten: So z. B. in Belgien, wo die Sprachzugehörigkeit eine zentrale Rolle als Identifikationsmittel spielt, und so auch in Österreich, wo man sich abgrenzungshalber darum bemüht, eine sprachliche Nationalidentität zu stiften.

Doch prozentuell bemessen, d.h. im Vergleich mit der Gesamtzahl der Wörter in der (seit eh und je multinationalen) deutschen Sprache, ist die Zahl der Abweichungen des "Österreichischen" vom "Bundesrepublikanischen" völlig bedeutungslos. Noch wichtiger ist aber, dass das einheitlich konstruierte "bundesrepublikanische Deutsch" eigentlich gar nicht existiert. Wenn schon, so sind die Unterschiede (im Großen und Ganzen) zwischen dem norddeutschen und dem süddeutschen Sprachraum (etwa Sonnabend vs. Samstag, gestanden haben vs. gestanden sein) weit häufiger als die eher feinen Unterschiede innerhalb des süddeutschen Sprachraums, etwa zwischen dem Allemanischen und dem Bairischen oder innerhalb des Bairischen, welches Österreich entzweit. Diesen Unterschieden wird die pluriareale Sichtweise gerecht.
 
Umso deutlicher werden die Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland sowie die Ähnlichkeiten innerhalb des süddeutschen Sprachraumes im Hinblick auf die Aussprache bzw. den Dialekt. Doch selbst das kleine Österreich lässt sich nicht ganz einer Dialektengruppe zuordnen, weist doch auch Ausnahmen von den bairischen Dialekten auf: Man denke ans alemannische Vorarlberg im Westen (dessen Bevölkerung sich 1919 mit klarer, überwältigender Mehrheit in der Tat die Aufnahme in die Schweizerische Eidgenossenschaft wünschte) sowie an die fremdsprachigen Minderheiten im Süden und Osten der Republik.

Auch der Nachkriegsopportunismus, der die österreichische Politik sonst über Jahrzehnte hinweg geprägt hat, scheint gerade in sprachlicher Hinsicht fast spurlos verschwunden zu sein: In den ersten Nachkriegsjahren, als Felix Hurdes der Bundesminister für Unterricht war, wurde die Schulfachbezeichnung "Deutsch" zwar durch "Unterrichtssprache" ersetzt, jedoch erwies sich dieser Ansatz bald als eine wirklichkeitsfremde Episode. Seit dem 1. Mai 1945, als die Verfassung von 1929 wieder in Kraft setzt wurde, ist Österreich abermals das (noch) einzige Land der Welt, in dessen Verfassung, nämlich in Art. 8 Abs. 1, dem Deutschen die Rechtsstellung als Landessprache vorbehalten ist: "Die deutsche Sprache ist, unbeschadet der den sprachlichen Minderheiten bundesgesetzlich eingeräumten Rechte, die Staatssprache der Republik." Die deutsche Sprache ist es also - und nicht etwa eine "österreichische" Sprache oder Sprachenvarietät (das soll man sich merken, denn gleich kommen wir darauf zurück).

Trotz dieses verfassungsrechtlichen Bekenntnisses zum Deutschen werden noch Versuche unternommen, das "Österreichische" zu postulieren. Das 23 Wörter starke Protokoll Nr. 10, das die Zweite Republik sich wörtlich erkämpft hat und welches deren Beitrittsverträgen gemeinschaftsrechtlich gleichgestellt ist, bildet hierfür ein freilich lustiges und dennoch ernst zu nehmendes Beispiel. Doch nicht nur die Politik, sondern auch die Wissenschaft scheut sich nicht vor diesem großen Ziel. Dies zeigt etwa Peter Wiesingers Das österreichische Deutsch in Gegenwart und Geschichte (Wien: LIT, 2006): Eigentlich ein Sammelband bereits anderwärts veröffentlichter Beiträge, in denen der Autor die Existenz einer österreichischen Nationalsprache nachweisen möchte.
 
Sein Hauptargument ist, dass es ja einen Staat namens Österreich gibt, weshalb es eine österreichisch-nationale Varietät des Deutschen geben müsste, wie es etwa im Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich, den USA und Australien ist. Dabei tut er so, als lägen zwischen diesen drei englischsprachigen Ländern nur die Staatsgrenzen und nicht etwa ganze Ozeane. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es ihm lieber wäre, wenn zwischen Österreich und Bayern ein ähnlich großer Ozean läge.
 
Zum Zwecke der Identitätsstiftung geht er also von einer vermeintlichen Kongruenz zwischen "Nation, Staatsterritorium und Sprache" (S. 5) aus, damit "nationale Varietäten des Deutschen in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz als deutsches (oder deutschländisches) Deutsch, österreichisches Deutsch und Schweizerdeutsch (oder genauer Schweizer Hochdeutsch [...])" entstünden, als ob sich Niederbayern weniger von Schleswig unterschiede als von Oberösterreich und als ob Konstanz mehr mit Greifswald zu tun hätte als mit dem eidgenössischen Kreuzlingen.
 
Wiesinger bekennt sich zum plurizentrischen Modell, das sich, wie oben beschrieben, nach den angeblichen Nationalstaaten richtet (s. hier zu etwa das Kapitel [Kursivschrift im Original:] "Nation und Sprache in Österreich", S. 385-423). Er distanziert sich vom pluriarealen Modell, "[d]a damit [...] ein österreichisches Deutsch in Frage gestellt wird [...]" (S. 414), d.h. er setzt ganz eindeutig das Gesuchte voraus. Da aber ein "österreichisches Deutsch" - bei allem Respekt vor den insgesamt doch sehr wenigen Austriazismen - sich empirisch kaum nachweisen lässt, rührt sein Ansatz wohl von den oben erwähnten Gründen der absichtlichen Identitätsstiftung her. Demgegenüber schlägt das pluriareale Modell im Hinblick auf Österreich ein geographisch südliches, Staatsgrenzen überschreitendes Oberdeutsch bzw. "oberdeutsches Deutsch" vor (worunter wohl das Bairische, das Allemanische und das Schwäbische subsumiert sind). Dieser Ansatz wird v. a. von Norbert Richard Wolf, Hermann Scheuringer u. Heinz Dieter Pohl vertreten.

Es lässt sich also Folgendes beobachten:

1. Ein normaler, unverkrampfter Umgang mit der deutschen Muttersprache, bei dem sowohl die gemeinsame Basis als auch regionale Unterschiede widerspruchsfrei anerkannt werden, scheint in Österreich noch immer nicht ganz möglich bzw. salonfähig zu sein. Im Gegensatz etwa zum Verhältnis zwischen englischsprachigen Ländern, aber auch zu den anderen Regionen im deutschsprachigen Mitteleuropa, wird in Österreich die "nationale Varietät" deutlich überschätzt, um damit eine klare Sprachgrenze zu fingieren.

2. Das "Österreichische" ist, wenn auch rein gedanklich, immerhin schon deswegen vorhanden, weil bei vielen Österreichern einfach das Bedürfnis nach diesem sprachlichen Konstrukt besteht. Diese Österreicher wollen ihre junge Nationalidentität bewahren, und zwar erst recht dann, nachdem andere Grenzen zum Großen Nachbarn praktisch weggefallen sind (und wenn z. B. nicht wenige ehemalige Ostdeutsche in Österreich arbeiten). Der verstärkte Abgrenzungswunsch geht in Erfüllung, indem eine sprachliche Ersatzgrenze zwischen den beiden Staaten postuliert wird.

3. Damit es das "Österreichische" überhaupt geben kann, wird die Existenz eines ebenfalls fingierten "deutschen Deutschen" vorausgesetzt, dem das "Österreichische" gegenüberzustellen und gleichzusetzen sei. Zu diesem Zweck wird einerseits von der sprachlichen Vielfalt innerhalb des Hoheitsgebiet der Bundesrepublik, andererseits von den Ähnlichkeiten abgesehen, die viele Regionen im Süden und insbesondere im Südosten der Bundesrepublik mit Österreich aufweisen. Stattdessen wird der norddeutsche Sprachgebrauch zur vermeintlichen Standardsprache der BRD erhoben. Im Übrigen wird auch der Mangel an sprachlicher Einheitlichkeit innerhalb des deutschsprachigen Österreich verdrängt.

4. Gerade an dieser Praktik der sprachlichen Abgrenzung manifestiert sich die entscheidende Bedeutung der BRD für die österreichische Identitätsstiftung. In ihrer Rolle als "Deutschland" fungiert die BRD noch immer als erster Bezugspunkt des neuen Nationalbewusstseins Österreichs.

Ansatzpunkt zur weiteren Lektüre: Cillia, Rudolf de, und Wodak, Ruth. Ist Österreich ein »deutsches« Land? Sprachenpolitik und Identität in der Zweiten Republik. Innsbruck, Wien und Bozen: Studienverlag, 2006

 

PS.

Ob die Altbayern bei ggf. wiederkehrender Nationsbildung nicht einen ähnlichen (ernst gemeinten bzw. wissenschaftlich untermauerten) Anspruch auf eine bayerische *Nationalvarietät* hätten? Und ob das nicht auch heute, d.h. als Teil der Bundesrepublik, geltend gemacht werden dürfte? Und ob Letzteres die armen Österreicher nicht wieder in ihren realen Zusammenhang rücken würde, da sie dann mit dem Anspruch aufs "Österreichische" nicht mehr so stark auffallen könnten?

 

 





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Kommentare

  1. Marianne Müller Die Konstruktion....
    06.04.2009 | 21:52

    Wundervoll! Sehr treffend.

  2. E. Eich kein Betreff
    13.04.2009 | 03:08

    Bleibt nur noch anzumerken, dass es

    1. schon Sprachvarietäten gibt, besonders in Bezug auf staatliche Begriffe. 'Landeshauptmänner' zum Beispiel sind in Deutschland nicht anzutreffen. Gleiches gilt beispielsweise für Belgien, wo es den französischen Begriff 'bourgmestre' gibt, der in Frankreich eher ein 'maire' wäre. Dazu kommen vor allem ein teilweise anderer Gebrauch von Fremdworten und

    2. ich gelesen habe, dass der Trend vermehrt Schweizerdeutsch zu gebrauchen, sowohl im alltäglichen Leben als auch im Fernsehen oder sogar in politischen Zusammenhängen, gleichfalls Abgrenzungsbedürfnissen zum großen Deutschland (mit-) geschuldet ist.

    Sprache und ihre Klassifizierung ist also viel zu oft eine politische Angelegenheit und keine linguistische. Letzeburgerisch bspw. verstehe ich deutlich besser als Kölsch, aber das eine ist eine Fremdsprache und das andere nur ein Dialekt.

    Schöne Grüße.

  3. Yoav Sapir @ E. Eich
    13.04.2009 | 10:49

    Freilich, aber wie gesagt, gibt es insgesamt nur sehr wenig Austriazismen, geschweige denn richtige (wie etwa die Landeshauptmänner oder die Putzerei etc.). Im Süden kann man keine "Schrippen" erhalten, jedoch hat Berlin deswegen noch keine eigene Sprachvarietät.

    Dass in Österreich offensichtlich so viel Wert auf die regionale Färbung gelegt wird, hat in der Tat politische bzw. "nationalpsychologische" Gründe.

    Das mit der Schweiz ist richtig, vor allem unter Jugendlichen. Die Nachrichten etc. werden nach wie vor in der Standardsprache vermittelt. Im Bayerischen Rundfunk ist es übrigens nicht viel anders (nur wird dort das Ostschwäbische unterdrückt).

    Schließlich besteht der sprachpolitische Hauptunterschied zwischen der Eidgenossenschaft und den Niederlanden (einschl. Flandern) in der Tatsache, dass die Eidgenossen, obwohl ihre Unabhängigkeit ebenfalls erst im Westfälischen Frieden 1648 anerkannt wurde, aus ihren Dialekten keinen richtigen Nationaldialekt schufen und folglich - im Gegensatz zu den Niederländern - keinen Dialekt zur schriftlichen Standardsprache erhoben.

    Dir auch schöne Grüße!

  4. Yoav Sapir @ Marianne
    13.04.2009 | 10:50

    Danke sehr!

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