Gedankenjahr 2009: Eine Zeitreise durch "Deutschland"
Morgen wird gefeiert: 60 Jahre Grundgesetz, 60 Jahre Bundesrepublik. Aber keine 60 Jahre Deutschland.
60 Jahre, und davor? Und davor?
Man zelebriert die Form. Und der Gehalt? Ob es nach Auschwitz keinen mehr geben darf?
Jede Besinnung braucht eine gedankliche Stütze, die eine Bilanz
ermöglicht; einen historischen Bezugspunkt, einen "myth of origin". Man
denke etwa an den abendländischen Begriff "Mittelalter": Das, was sich
dadurch auszeichnet, dass es dazwischen liegt: zwischen einem selbst
und dem, womit man sich messen möchte, einem vergangenen (ob tatsächlichen
oder vermeintlichen) Höhepunkt, in diesem Fall nämlich der griechischen und römischen Antike.
Im Englischen taucht auch heute noch manchmal die Bezeichnung "dark
ages" auf.
Auschwitz als Bild und Sinnbild, Auschwitz als der absolute Tiefpunkt des deutschen Volkes, erfüllt im
heutigen Geschichtsbewusstsein vieler Deutscher - völlig zu Recht - eben diese negative
Funktion. Der Zweite Weltkrieg, der Krieg schlechthin, ist das
Mittelalter des heutigen Deutschland; er bildet die tiefe Zäsur, welche die
eigene Geschichte in ein Davor und ein Danach teilt. Jetzt wird in
Deutschland dieses Danach zelebriert: 60 Jahre Grundgesetz, 60 Jahre
erfolgreiches Danach (wenn man das Uhrschlagjahr 1949 als Ende der
Nachkriegszeit und somit als Beginn der neuen Epoche empfindet).
Doch wo im großen Davor kann, soll, darf der archimedische Punkt
liegen? Woran misst man die Stärken und Schwächen des jetzigen Danach?
Die Reflexion über diesen Staat und dessen Räson, über seinen
bisherigen und künftigen Weg führt einen daher in eine Zeitreise durch
jene deutschen Epochen, die vor der negativen Zäsur liegen. Es ist eine
Reise zu vergangenen Gipfeln hinauf, deren Bild bei der inneren,
inzwischen schon seit mehr als 60 Jahre andauernden Flucht aus dem
Todestal hinaus oft verschwommen wird.
Wie mir scheint, bietet der Rückblick auf die deutsche Geschichte jenseits des Tiefpunktes fünf bedeutsame "Erinnerungsorte",
auf die man für eine ganzheitliche, gehaltvolle Bewertung des heutigen
Deutschland zurückgreifen kann und welche nicht unbedingt einander
ausschließen.
1. Altes Reich
Seit der letzten Kriegskatastrophe ragt das Alte Reich vor allem durch
seinen Beitrag zum Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg (s. hierzu
Karl Otmar Freiherr von Aretin, "Das Reich. Friedensgarantie und
europäisches Gleichgewicht 1648-1806", Stuttgart: Klett-Cotta, 1986).
So durfte die Reichsarmee im Ausland nur zu Verteidigungszwecken
eingesetzt werden, was an das heutige Verbot eines Angriffskrieges
mittels der Bundeswehr erinnert.
Dies tat angesichts der geopolitischen Lage des Reichs in Europa auch
not, denn das Alte Reich kann auch als die damalige Manifestation der
heutigen Vorstellung von Mitteleuropa angesehen werden, insbesondere im
Hinblick auf die große Vermittlungsarbeit, die das Reich im Laufe der
Jahrhunderte zwischen dem romanischen Kulturkreis im Westen und Süden
einerseits und dem slawischen Osten andererseits leistete. Ob dem
heutigen Deutschland etwa im Hinblick auf den europäischen
Einigungsprozess eine wesentlich andere Rolle zusteht?
Ferner vermag das Alte Reich eine Brücke zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Zweiten Republik Österreich zu bauen, eine Brücke vom mythologischen Aachen, auf welches das Deutsche Historische Museum ganz bewusst zurückgreift, bis nach Wien, das seit 1945 zwar wieder "draußen", seit 1995 aber doch auch "drinnen" liegt.
Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der heilsgeschichtlichen
Bedeutung, die das Alte Reich als Heiliges Römisches Reich, d.h. als
Interim bis zur Wiederkunft Jesu innehatte. Damit verbunden ist auch
der Anspruch seiner Kaiser auf Weltherrschaft, symbolisiert im von den
Römern ererbten Reichsapfel. Diese Sinngebung findet heute keinen
Anschluss mehr, sodass die Bundesrepublik gerade durch ihre
erfolgreiche Überwindung dieses auch nach der Auflösung des Alten
Reichs noch sehr lange wirksamen Gedankens hervorsticht.
2. Deutscher Bund
Nach der Niederlegung der Reichskrone durch Franz II. im Jahre 1806
(und der Auflösung des kurzlebigen, von Napoleon durchgesetzten
Rheinbundes) bildete der 1815 ins Leben gerufene Deutsche Bund, wie uns
der Rückblick verrät, die erste Stufe im deutschen Vereinigungsprozess.
Wer weiß, wie sich die Geschichte entfaltet hätte, wenn die deutschen
Staaten damals je seinen eigenen Weg beschritten hätten? Sicher ist nur
eines: Die Vorstellung von einem "Deutschland", aufgrund deren man
heuer 20 Jahre Deutsche Einheit feiert, geht im Wesentlichen auf diesen
historischen Augenblick zurück.
Auch ohne das Band des Reiches und trotz ihrer nunmehr völligen
Souveränität fanden die deutschen Staaten freiwillig wieder zueinander.
Der damalige Bund mit Österreich im Vorsitz brachte in die europäische
Geschichte das Beispiel dafür, dass ganz Deutschland auch (und gerade)
ohne Einstaatlichkeit zusammenwirken und dadurch - abgesehen von inneren Auseinandersetzungen wie 1848 - auch weiterhin für relativ sehr lange währendes
Gleichgewicht und Frieden in Mitteleuropa sorgen kann; eine Periode, die erst mit der von Preußen initiierten Kriegsführung gegen Dänemark und deren von Bismarck "realpolitisch" geplanten Folgen endete.
Genauso wie mehr als ein Jahrhundert später die Bundesrepublik war der Deutsche Bund von studentischer Gärung gegen die Machthaber geprägt. Den Zeitgeist bestimmten die Burschenschaften: "Achtundsechzig" war zweiunddreißig, nämlich 1832, und von dort, aus dem Hambacher Fest, ging die bis heute noch wehende Trikolore der kleindeutschen Republiken hervor. Der Deutsche Bund - das waren also auch die Revolution, die Nationalversammlung und die erste Verfassung für Deutschland, die zwar nie verwirklicht wurde, aber deren Grundsätze über die Jahrhundertwende hinaus nachwirkten und teilweise auch heute noch gelten.
Einundfünfzig Jahre blieb der Bund am Leben: Abgesehen vom mythischen
Reich hat ihn also nur die heutige Bundesrepublik überdauert, und selbst
das erst seit kurzem. Im Rückblick zeichnet er sich vor allem durch die
ersehnte, aber nach der gescheiterten Revolution noch ausgebliebene
Einheit sowie durch die deutsch-deutsche Rivalität zwischen Österreich
und Preußen, also durch den Deutschen Dualismus aus; eine Erfahrung,
mit der die heutige Erinnerung an die bis 1989/90 unverwirklichte
Einheit und die innere Rivalität zwischen der BRD und der DDR
korrespondiert.
Jedoch muss man auch die negativen, antiemanzipatorischen Züge
bedenken, von denen zumindest die erste Zeit des Deutschen Bundes
begleitet war: Die Juden in jenen Rheinbundländern, wo der
napoleonische Code civil eingeführt wurde, zogen bisweilen als
gleichberechtigte Bürger in die Befreieungskriege mit und kämpften
Schulter an Schulter mit ihren christlichen Mitbürgern für die Freiheit
"Deutschlands", nur um im Rahmen der darauf folgenden Restauration mit
dem Entzug der kürzlich erworbenen Rechte belohnt zu werden.
Als Preußen mit seinen Verbündeten in einen aus "realpolitischen" Gründen gewollten Krieg gegen den Deutschen Bund, das damalige "Deutschland", zog und die österreichisch geführten Bundestruppen besiegte, fand der Bund sein Ende - und damit auch die Zeit des mehrstaatlichen Zusammenwirkens ganz Deutschlands. Mit dieser militärischen Niederlage des Deutschen Bundes begann das seitdem wichtigste Merkmal der deutschen Geschichte, welches noch bis in unsere Gegenwart hineinwirkt: Das große Schisma zwischen Österreich und Restdeutschlands. Ihren östlichen und südöstlichen Grenzverlauf schuldet die heutige Bundesrepublik jener Schlacht bei Königgrätz.
3. Deutsches Kaiserreich
Infolge der großen, tiefen Zäsur von 1866 mussten sich - bis auf Österreich - alle deutschen Staaten, die im Dieste Deutschlands gegen Preußen und seine Verbündeten kämpften, neuorientieren. Sie gaben dem von Berlin ausgehenden Einigungsdruck allmählich nach und schlossen sich dem entstehenden Nationalstaat in zwei Phasen an. Wer eben noch der Angreifer gewesen war, wurde nun zum neuen Führer: Es sind offensichtlich tatsächlich der Sieger, welcher die Geschichte schreibt.
Das
neue, eigentlich als großpreußisch zu bezeichnende Kaiserreich stellt
nach wie vor die Basis bzw. den Ansatzpunkt für das Selbstverständnis
der Bundesrepublik als völkerrechtliches Subjekt dar. Der 18. Januar 1871 ist mithin die Geburtsstunde des uns bekannten "Deutschland".
Damals bekam Deutschland seine Grundzüge, die nicht zufälligerweise
auch die heutige Bundesrepublik charakterisieren: Nationales Parlament
mit Sitz in Berlin, kleindeutsch bzw. ohne Österreich und mit
dezentraler Struktur. Zum Vergleich: 1848/49 tagte die
Nationalversammlung noch in Frankfurt/Main bzw. in der dortigen
Paulskirche, bei bedeutender Mitwirkung von Delegierten aus den
deutschen Landen Österreichs (so wurde etwa Johann von Österreich zum
künftigen Reichsverweser gewählt), und erarbeitete schließlich eine
unitarisch ausgerichtete Verfassung.
Das Deutsche Kaiserreich führte erstmals in der Geschichte die zwar nur teilweise, aber immerhin auf deutschem Boden real existierende Demokratie
ein, von der nicht nur die erste, sondern vor allem auch die heutige
Republik noch profitiert. Auch ihre besondere Form des Föderalismus, in der die
Exekutive der Länder Einfluss auf das Gesetzgebungsverfahren des Bundes
ausüben können, hat die Bundesrepublik dem Bismarckschen Kaiserreich zu
verdanken.
Diese gründerzeitliche Entwicklung war nicht zuletzt mit einer
weitgehenden Emanzipation der Juden auf Reichsebene verknüpft. In
wesentlichen Punkten (etwa Grenzen- und Währungspolitik) war das
Deutsche Kaiserreich eine Vorwegnahme der Europäischen Union, welche
aber in anderen Punkten (etwa Außenpolitik und Militär) noch meilenweit
von den Maßstäben dieser deutschen Union entfernt ist (mehr dazu in diesem Beitrag, unter "Deutsche und europäische Unionen").
Das Reich verkörperte damals einen Höhepunkt der Geschichte
schlechthin, schien das Alte Reich noch zu überbieten und inspirierte
zu einem Sendungsbewusstsein, mit dem das junge Hohenzollernreich gegen
die deutsche Kulturmission der etablierten Habsburger im Osten Europas
konkurrieren konnte und welches in allen Geites- und Lebensbereichen
zum Ausdruck kam. Der hegelsche "Weltgeist" - damals freilich ohne
Anführungszeichen - schien in Erfüllung zu gehen, die deutsche Kultur
gedieh wie kaum davor oder danach.
An dieser besonderen Stelle in der deutschen Geschichte liegt ein
kleiner Vergleich mit Israel nahe: Das politische System, die
bürgerliche Gesellschaft, die Kunst und das Denken scheinen damals vom
elitären Geist durchdrungen gewesen zu sein, der Israel, das sich die
Rolle von "Gottes auserwähltem Volk" zuschreibt und sich somit in den
Mittelpunkt der Schöpfung stellt, keineswegs fremd ist. Schließlich war
das deutsche Sendungsbewusstsein nicht so weit vom typisch jüdischen
Messiasgedanken entfernt: "An deutschem Wesen soll die Welt genesen"
als die moderne Inkarnation vom "Licht der Nationen"?
An diesen ersten deutschen Nationalstaat waren lange Zeit große, ja
immer größere Erwartungen gestellt, die 1918-19 bei vielen
Reichsdeutschen (wie auch bei Deutschösterreichern) umkippten und sich
notwendigerweise in genauso große Enttäuschungen verwandelten.
4. Die Weimarer Republik
"Weimar", das aufgrund des ererbten Föderalismus offiziell auch
weiterhin "Deutsches Reich" hieß, war die erste deutsche Republik und
ist somit das freilich nicht unproblematische Vorbild für ihr
Enkelkind, die Bundesrepublik.
Man sagt der ersten Republik einen besonderen Kultursprung, eine
goldene Zeit nach, obwohl sie die vorausgehenden Epochen qualitativ
nicht zu übertreffen scheint (technologiebedingt fällt freilich die
damals erstmals in der Geschichte boomende Filmkunst auf). Quantitativ
aber schon, denn vor allem breiter wurde die deutsche Kultur in der
Weimarer Republik, wo die Masse so stark war wie nie zuvor. Die
Erweiterung der von der Volksmasse ausgehende Macht aufkosten des noch
schwächer gewordenen Adels leitete einen neuen Zeitgeist ein, in dem
sich sinngemäß die Massenkultur entfaltete. Ein neues Maßstab begann
sich durchzusetzen, das auch für die Gesellschaft der Bundesrepublik
noch gilt: Je populärer, desto besser sei das Werk.
Diese vornehmlich horizontale Ausdehnung bereicherte die deutsche
Kultur um vieles, was vielleicht nicht so fein, doch bis heute noch
umso interessanter wirkt. Jedoch machte sich diese Entwicklung auch im
politischen Bereich bemerkbar, als die konservative und
sozialdemokratische Mitte zugunsten der Extreme schrumpfte. Erst die
weitgehende Beseitigung des adligen Pendants zur Macht der Volksmasse
konnte später dazu führen, dass Sozialismus und Faschismus in auf
deutschem Boden bis dahin noch nie geahntem Ausmaß sprossten. So war es
die jeder demokratischen Republik innewohnende Hinwendung zur Masse,
welche die Herrschaft eines wahnsinnigen, aber demagogisch hochbegabten
Proletariers denkbar machte - und unter bestimmten Umständen
tatsächlich hervorbrachte.
Demgegenüber war es erst diese Republik, welche die zumindest rechtlich
vollkommene Emanzipation der Juden erzwang. Auch in dieser Hinsicht war
die erste Republik ein Vorbild für die zweite und heutige. Das liegt
mir als Juden natürlich am Herzen, jedoch muss man zu gleicher Zeit
auch bedenken, was für Gegenwirkung dieser Zwangsfortschritt mit sich
zog (man denke an Rathenau), und sich die Frage stellen, ob er den
Juden letzten Endes eigentlich zugute kam.
5. Die Deutsche Demokratische Republik
Die DDR, die in der BRD aufging, liegt als Erinnerungsort zwar nicht jenseites von Auschwitz, wird indes von vielen zu einem nicht nur zwölfjährigen, sondern somit
bis 1989/90 verlängerten Tiefpunkt, nämlich jenem der diktatorischen Zeit auf deutschem Boden, noch dazugerechnet (man
denke etwa an die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur) und
folglich nicht als positiver Erinnerungsort wahrgenommen. Das mag
nicht zuletzt auch darin begründet sein, dass 1990 keine echte
"Wiedervereinigung" stattgefunden hat:
Zum Ersten wurde damals, wie uns bei der Einführung in die Arbeit im
Bundestag erklärt worden, der infolge der Niederlage von 1945 dreigeteilte
Vorgänger des heutigen Deutschland nicht wiedervereinigt; im Gegenteil,
die Oder-Neiße-Grenze wurde 1990 erst recht anerkannt und somit völkerrechtlich gültig,
sodass man im politischen Geschäft nur von einer "Wiederherstellung"
der deutschen Einheit, aber keiner Wiedervereinigung Deutschlands sprechen dürfe.
Zum Zweiten trat die DDR laut des (alten, inzwischen überschriebenen) Artikels 23 des damaligen Grundgesetzes
dessen Geltungsbereich bei - und nicht, wie man es sich 1949 noch
vorstellte, kraft Art. 146. Dies hätte die Ersetzung des provisorischen
Grundgesetzes durch eine richtige Verfassung bedeutet, auf deren
Entstehung das sozialistische Deutschland wohl noch mehr Einfluss hätte
ausüben können als nach dessen vollständiger Auflösung.
Daher hinterließ die DDR - im Gegensatz zu allen anderen Staaten, die
in die heute Bundesrepublik mündeten - relativ wenige Spuren. Dieses
Urteil gilt übrigens auch für die sozialistische Auffassung des Juden,
deren intellektuelle Herausforderung weitgehend unter den bekannten Machtverhältnissen der Berliner
Republik verloren gegangen zu sein scheint. Immerhin schied die DDR in einem für deutsche
Verhältnisse durchaus respektablen Alter von hinnen; ihre Existenz
dauerte sogar dreimal so lang wie jene der ersten kleindeutschen Republik.
Zum Schluss
Wo führt die Geschichte hin?
Mit 60 ist die Bundesrepublik eine für deutsche Verhältnisse schon sehr
alte Dame. Selbst wenn sie äußerliche Bedrohungen wie Brüssel überlebt
und innere wie die demographische Zersetzung, weiß niemand, wie lange
diese Form deutschen Volkslebens noch durchhält. Verfassungen kommen
und gehen. Was bleibt, ist allenfalls:
Deutschland.
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So ein Schmonzes! Deutschland ?
Wer, abgesehen von Politkern, die die Staatsangehörigen auf einer subtiel emotionalen Ebene zu etwas verleiten wollen, was ihren eigentlichen Interessen widerspricht, braucht Deutschland?
Wozu?Warum?Wofür?
Man könnte auch fragen: Wer braucht die Dreifaltigkeit? Wer braucht Europa? Wer braucht den Juden? usw.
Denn: Das sind ja alles nur Vorstellungen!
Tatsache ist aber, dass Vorstellungen eine der mächtigsten Kräfte sind, die unsere Welt, die Welt der Menschen mitgestalten.
Nur Vorstellungen zuliebe schreibt man Literatur, konstruiert Geschichten, schließt sich mit anderen Menschen zu Gruppen zusammen oder kämpft, um sich von anderen Gruppen zu trennen. Ohne Vorstellungen gäbe es keine großen Kriege, aber auch: keine Zivilisation, geschweige denn Kultur.
Und ganz spezifisch: Ohne "Deutschland" gäbe es in Mitteleuropa noch immer keine Deutschen, also kein deutsches Volk, das sich gegen die Tradition, d.h. gegen die Fürsten durchsetzen könnte. Denn es war die Vorstellung von "Deutschland", in deren Namen die bürgerliche Märzrevolution stattfand und das teilweise demokratische Kaiserreich 1871 gegründet wurde. Ohne "Deutschland" also hätte man hier vielleicht auch heute noch keine zumindest relative Freiheit. Um nur ein Beispiel zu geben.
Vielleicht darf ich dich in diesem Zusammenhang an einen Beitrag erinnern, den du eigentlich schon kennst? "Dream Wars": http://www.chronologs.de/...ale-im-21.-jahrhundert
Das Vorstellungen, Visionen, Utopien und Ideen die treibende Kraft des menschlichen Handels sind kann ich als freier Theatermacher nur unterschreiben. Aber, weil ich selbst mit Virtualität als Lösungsansatz konkreter Probleme tagtäglich arbeite, finde ich die Idee "Deutschland" kontraproduktiv und gefährlich. Da schwingt mir viel zu viel Unbewußtes und Dumpfes mit, mit dem man Menschen verleiten kann, und dementsprechend kann Deutschland und die Nation nie ein echtes Argument sein, wenn es um das Gemeinwohl der BRD und seine Zukunft geht.
Deutschland bleibt Manipulation, Agitation und Propaganda. Hier halte ich es für besser, rational zu bleiben, jede Deutschtümelei zu vermeiden, und vielmehr auf der Basis des Grundgesetzes in die weitere Zukunft zu schauen.
Im Sinne von: "Verfassungs"bewußte Staatsbürger statt dumpfe Volksgenossen.
Yoav, auf einen Seite ist Deutschland, die Deutsche Nation ein fester und wichtiger Topos bei Dir, was ich aber nicht verstehe, dass Du so unhinterfragt die Sicht der "Herrschenden" zu der Deinen machst. Da Du ja gerade in Berlin bist, kleiner Tip,
besorg Dir doch mal folgenden Bücher, setzt Dich an den Pappleplatz in Näher der Ackerstr. und lerne die andere sichtweise kennen!
Also, hier meine Literaturempfehlung:
1. Klaus Kordon: 1848
http://www.amazon.de/...;qid=1244056093&sr=8-5
2. Klaus Kordon: Fünf Finger hat die Hand
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3. Klaus Kordon: Die Rote Matrosen
http://www.amazon.de/...;qid=1244056196&sr=8-2
4. Klaus Kordon: Mit dem Rücken zur Wand
http://www.amazon.de/...;qid=1244056238&sr=8-3
5. Klaus Kordon: Der erste Frühling
http://www.amazon.de/...;qid=1244056262&sr=8-1
und last but not least:
6. Klaus Kordon:
Krokodil im Nacken
http://www.amazon.de/...;qid=1244056319&sr=8-4
Das sind zwar zusammen 60.- €, die aber nicht schlecht in eine Erweiterung der Perspektive investiert sind.
Gute Restwoche noch,
Dein
Shabbes-Goi
Yoav, auf einen Seite ist Deutschland, die Deutsche Nation ein fester und wichtiger Topos bei Dir, was ich aber nicht verstehe, dass Du so unhinterfragt die Sicht der "Herrschenden" zu der Deinen machst. Da Du ja gerade in Berlin bist, kleiner Tip,
besorg Dir doch mal folgenden Bücher, setzt Dich an den Pappleplatz in Näher der Ackerstr. und lerne die andere sichtweise kennen!
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1. Klaus Kordon: 1848
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Krokodil im Nacken
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Das sind zwar zusammen 60.- €, die aber nicht schlecht in eine Erweiterung der Perspektive investiert sind.
Gute Restwoche noch,
Dein
Shabbes-Goi
Danke für die Hinweise.
Es stimmt allerdings nicht, dass ich "so unhinterfragt die Sicht der 'Herrschenden' zu der" meinen machen würde. In dem inzwischen etwas älteren Beitrag zur Konstruktion deutscher Geschichte habe ich mich doch sehr kritisch mit dem Anspruch der Bundesrepublik auf "Deutschland" auseinandergesetzt:
»Deutschland? Aber wo liegt es?«
http://www.chronologs.de/...2008-06-12/deutschland
In dem obigen Beitrag aber habe ich mich auf die derzeitigen Festivitäten "eingelassen" und dabei die Frage gestellt: Wenn schon gefeiert wird, d.h. wenn schon "Deutschland", dann aber: worum geht es bei diesem Deutschland? Hat dieses Deutschland, was ihr heute habt, wirklich erst vor 60 Jahren angefangen? Welche früheren Errungenschaften wirken heute noch nach? Welche Vorbilder können den historischen Ort dieses Deutschland beleuchten?
Es geht mir also nicht darum, mir irgendeine Sicht zu Eigen zu machen, sondern um intellektuelle Übungen, bei denen ich bald gegen den Anspruch auf den deutschen Nationalstaat argumentiere, bald mich auf dieses Konstrukt einlasse und dessen Zusammensetzung untersuche.
Beispiel: „Auch voll assimilierte Juden, die sich nichts mehr gewünscht hätten als Anerkennung seitens der Nichtjuden, konnten bei Gelegenheit, etwa bei einer Provokation – wenn auch nur bei sich – das Wort Goi murmeln, jene verächtliche Bezeichnung für den Nichtjuden, den Außenstehenden, die stumpfe Seele.“ Fritz Stern: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder. Ullstein 1978. S. 573.
Kannst du vielleicht erklären, worauf du genau abzielst? Wofür wolltest du damit ein Beispiel geben?
Ich glaube jedenfalls, Shabbes-Goi nennt nur sich so und keinen anderen.
Hallo Yoav, ich wollte dich schon seit längerer Zeit etwas fragen. Auf der Buchvorstellung ("Die Deutschen und ihre Mythen") hat Herfried Münkler gesagt, ihm wäre es lieber gewesen, wenn der deutsche Nationalfeiertag am 9. November gewesen wäre.
Er meinte, natürlich habe man den 3. Oktober bevorzugt, weil unter dem 9. November nicht nur 1918 und 1989 (als äußerst wichtige Daten für Deutschland) zu verstehen sind, sondern auch 1938. Da möchte ich sehr gerne deine Meinung wissen.. Wäre der 9. November deiner Meinung nach der richtige(re) Nationalfeiertag für Deutschland gewesen?
Münkler sagte, gerade mit dieser Plurlität an Symbolen (die der 9. November enthält) hätte man "spielen können", während der 3. Oktober viel "trockener" sei.
Auch ich kann mit dem 3. Oktober nichts anfangen, wobei ich sicherlich nicht zur Zielgruppe gehöre.
Den 9. November fände ich ebenfalls gerade aufgrund dessen mannigfaltiger Geschichtsträchtigkeit tatsächlich besser. Es wäre somit auch der Holocaust in den deutschen "Nationalkalender" integriert.
Andere sprechen auch vom 17. Juni. Mit diesem Tag könnten sich zwar vornehmlich ehemalige DDR-Bürger identifizieren, aber selbst das wären wohl immerhin mehr Menschen als es mit dem 3. Oktober der Fall ist.
Eigentlich liegt aber der 18. Januar am nächsten. Das ist ja die Geburtsstunde des uns bekannten Deutschland, das in Form der Bundesrepublik bis in die Gegenwart fortbesteht.