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Der Holocaustkult: Skizze einer Analyse

von Yoav Sapir, 08. März 2008, 00:10

Inwiefern ist die Holocaustaufarbeitung in den letzten Jahrzehnten Religion bzw. Zivilreligion geworden?

Der Sinn der obigen Fragestellung besteht nicht darin, ihren Gegenstand zu bewerten, geschweige denn auf eine negative Art und Weise; die zentrale Bedeutung des Holocaust fürs heutige Abendland halte ich für gerechtfertigt. Nichtsdestoweniger - wenn nicht gerade deswegen - tut es aus meiner Sicht Not, diese Bedeutung, ja diese fundamentale Funktion in all ihren nur scheinbar jeweils alleinstehenden Manifestationen begreiflich zu machen, nämlich als ein Phänomen.

Handelt es sich um ein zivilreligiöses Phänomen, so muss dieses Phänomen durch entsprechende Merkmale charakterisierbar sein. Die öffentliche Vergangenheitsbewältigung weist m. E. folgende Charakteristika auf, die auf eine solche Entwicklung in Richtung Zivilreligion hinweisen:

1. Kultstätten bzw. Heiligtümer: Museen, Gedenkstätten, Mahnmale etc., in denen man sich zum Holocaust bekennt bzw. sein Bekenntnis durch passive Teilnahme bestätigt (in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem brennt im Einklang mit Tempeltraditionen sogar eine ewige Flamme).

2. Theologische Seminare: Unzählbare Forschungsinstitute, Lehrstühle usw.

3. Credo: Während im Christentum die Dreieinigkeit die zenrale Rolle spielt, steht im Mittelpunkt des Holocaustkultes die (offensichtlich aufgerundete) Sechs-Millionen-Zahl, die in allen Heiligtümern, aber auch anderwärts, etwa in Gedenkreden bzw. Predigten u. Ä. postuliert wird.

4. Märtyrer und Heilige: Anna Frank, Selma Meerbaum-Eisinger, Henryk Goldszmit bzw. Janusz Korczak und, und, und... Durch die beim Opferkult stattfindende, rituell verfestigte Identifikation mit solchen Gestalten integriert man sich in das Narrativ der "guten" Opfer bei gleichzeitiger Selbstabgrenzung von den "bösen" Tätern.

5. Kanonische Texte: Jede Menge, sogar in filmischer Form (etwa Claude Lanzmanns Shoah, Frankreich 1985).

6. Festtage: Offiziell wird der Holocaust als zentrale Erscheinung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (Befreiung von Auschwitz) gefeiert. Insbesondere in Deutschland kreist das Jahr auch um den 9. November (Reichskristallnacht). In Berlin wird sogar der 28. Februar (Fabrikaktion) festlich begangen. Mit den Festtagen hängt das Ritual eng zusammen.

7. Gaben: Die Heiligtümer und die theologischen Seminare müssen ja finanziert werden, sei es durch Steuergelder oder auch durch freiwillige Spenden.

8. Geistlichkeit: Und zwar hierarchisiert, von den Wärtern in den Heiligtümern über die Guides als Vermittler des Katechismus bis hin zu den oberpriestlichen Forschern und Dozenten. Der ganze Klerus lebt praktisch von den Gaben, die die Gesellschaft dem Holocaustkult entrichtet.

9. Monopol auf die legitime Interpretation: Wie überall geht es auch bei dieser Religion vornehmlich um Macht, die die Priester- und Levitenzunft nicht zuletzt auch zur Bewahrung der finanziellen Basis benötigt. Anders Denkende werden mithin, wie damals von der katholischen Kirche, zum Schutze des eigenen Kultgegenstandes durch dogmatische Gesetzgebung verfolgt (vgl. David Irving, Ernst Zündel).

10. Internationalismus bzw. Ökumenismus: Im Gegensatz zu nationalstaatlichen Zivilreligionen ist die Ausbreitung des Holocaustkultes nicht geographisch - und schon gar nicht ethnisch oder konfessionell beschränkt. Ganz im Gegenteil: Der Klerus erhebt Anspruch auf "Katholizismus" im wahrsten Sinne des Wortes (alle betreffend, alles umfassend); der Kult wird demzufolge immer weiter verbreitet; es entstehen dort neue Heiligtümer, wo es bis vor kurzem noch keine gegeben hat (z. B. in Washington D.C., Paris, Berlin, Warschau, Budapest, Japan und an zahlreichen anderen Orten); seine heiligen Texte erfreuen sich, insbesondere in filmischer Form, grenzüberschreitender Rezeption; und auch seine Feste, vor allem der 27. Januar, werden international gefeiert.

11. Kritikscheu: Der numinose Charakter, der dem Gegenstand des Holocaustkultes anhaftet und ihn zu umgeben scheint, führt, wie es etwa in Fall "Binjamin Wilkomirski" ersichtlich wurde, oft zur Aussetzung des kritischen Umgangs mit dem, was zu diesem Gegenstand gerechnet wird und demzufolge implizit als sakrosankt gilt.

12. Narrative Bedeutung: Der Gegenstand des Holocaustkultes ist wichtiger (im Abendland sogar fundamentaler) Bestandteil unseres heutigen Weltbildes. Der Holocaustkult vermittelt uns bereits bei der Sozialisierung die angeblichen notwendigen Koordinaten zur Deutung unserer politischen und historischen Umgebung in einer Welt, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist. In diesem Narrativ bildet die nationalsozialistische Judenverfolgung und -vernichtung "a negative myth of origin for the post[-]war world" (Avishai Margalit and Gabriel Motzkin, "The Uniqueness of the Holocaust", Philosophy and Public Affairs 25 (1996), pp. 65-83, here 80-81). Ähnliches meint auch mein früherer Betreuer, Moshe Zimmermann: "Daß die Shoah zum Fundament der Welt geworden ist, kann man nicht bestreiten." ("Globalisierte Erinnerung", in: Zeichen, 2/2000; verfügbar auch im Internet)

Fazit: Diese Problematik stellt für die Forschung eine Herausforderung dar. Genau so, wie die Geschichte des Christentums nicht identisch ist mit der Geschichte des Lebens Jesu, der noch nichts vom "Christentum" wusste, gehören zur Geschichte des "Holocaust" eher die Manifestationen dieses Begriffs (sinngemäß außerhalb des nationalsozialistischen Herrschaftsbereiches bzw. nach dem Untergang dieses Regimes) als die tatsächlichen Geschehnisse an einem beliebigen Tag in diesem oder jenem Ghetto. Eine Chronik des Phänomens "Holocaust" darf daher grundsätzlich keine Chronik der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung mehr sein (zur Differenzierung zwischen Chronik und Geschichte siehe den Beitrag "Was heißt eigentlich 'Geschichte'?").

 

Soweit die Skizze. Und jetzt: eure Kritik daran?

 

 





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Yoav Sapir

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Kommentare

  1. Jürgen vom Scheidt StarkerToback
    10.03.2008 | 20:31

    (schluck) - das muss man erst mal im Hirn wälzen, um es dann distanziert cool wissenschaftlich zu betrachten.
    Die These hat viel für sich, überzeugt mich mit den vielen Details sofort. Dennoch bleibt ein "G´schmäckle", wie die Schwaben sagen, wenn etwas ein wenig seltsam "riecht" - weil es einem nicht in den Kram passt?
    Ich denke, man sollte diese kühne These zulassen - ohne dass man gleich der Ungeheuerlichkeit des historischen Geschehens damit seine Realität mindert: "Ist ja nur eine religiöse Angelegenheit - muss mich ja nicht betreffen". -
    Zusatz-Einfall: Die These "zündet" doppelt, weil es ja letztlich bei der von den Nazis (immerhin die Generation meiner Eltern!) angestrebten totalen Vernichtung der Juden wirklich um den Versuch der Auslöschung einer "anderen Religion" ging - die man nicht verstand und nicht verstehen wollte. Ein antisemitischer Onkel hat sich sofort ereifert, wenn sich Gelegenheit bot, den Talmud zu dämonisieren und die (Fälschung) der "Weisen von Zion" mit ihren Weltherrschaftsbestrebungen war rasch zur Hand - wenn man die eigenen Größenwahnideen in dieser Richtung kaschieren wollte (Hitler hat sie ja sehr unverblümt ausgesprochen - s. Ralph Giordanos "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte"). Und mein Onkel war ein recht gebildeter Mann - aber eben auch "ver-bildet", was Kenntnisse des Judentums anging.
    Danke jedenfalls für den "sting"!

  2. Yoav Sapir Vielen Dank
    11.03.2008 | 00:02

    ...für den positiven Kommentar.

    Eines habe ich aber nicht verstanden: Was hatte der Hang des Onkels zum nat.-soz. Gedankengut mit mangelhaften Kenntnissen des Judentums zu tun? Das Problem lag ja schon am allgemeinen Menschenbild bzw. daran, dass der Mensch eben nicht als solcher begriffen, sondern in Unterkategorien aufgeteilt wurde.

    Erst auf der Basis solch falscher Differenzierung konnte ein pejoratives Verständnis jüdischer "Rasse" entstehen. Ob man sich nun gut mit dem Judentum auskennt (oder nicht) und dieses folglich positiv (bzw. negativ) beurteilt, kann das grundsätzliche Problem nicht lösen: Dass man vom Juden redet und nicht vom Menschen.

    Ich jedenfalls glaube nicht, dass Antisemitismus bekämpft werden kann, indem man positiv dargestellte Informationen zum Judentum verbreitet. Vielmehr ist davon zu überzeugen, dass es sich hierbei um Menschen handelt, die genau so sind wie alle anderen: Manche sind gut, andere böse, die meisten aber beides, sodass man gar nicht von "den Juden" reden kann. Und notabene: auch nicht von "dem Judentum" als Religion.

    Daher gibt es keinen Widerspruch zwischen des hohen Bildungsgrades des Onkels und dessen Hang zum Nationalsozialismus. Denn leider erzwingt Bildung nicht, dass der Mensch schlicht und einfach als solcher begriffen wird. Dieses Menschenverständnis ist nämlich eine schon ziemlich spezifische Bildungsrichtung.

  3. ake positives Selbstverständnis?
    11.03.2008 | 08:34

    Das, was Du schilderst, ist ja samt und sonders auf der kultischen Ebene angesiedelt ("Holocaustkult", s.o.)

    Aber zu einer Religion gehört ja normalerweise ein bisschen mehr als nur Kultus.

    Mir stellt sich die Frage, was diese von Dir dargestellte Kultusreligion an eigenem Selbstverständnis zu bieten hat außer der Aussage "wir sind die Guten und keineswegs die Schlechten" - und ob die Bezeichnung als "Zivilreligion" evtl. doch einen Schritt zu weit geht bzw. eine recht enge [oder auch weite] Definition von Religion voraussetzt.

    Ich würde als Basis einer Religion im weitesten Sinn jedenfalls eine grundsätzliche, auf alle Lebensbereiche anwendbare Lebenshaltung erwarten und nicht ausschließlich eine mononlinear installierte Abwehrhaltung.

    Das ist allerdings eine Frage der Definition des Begriffes "Religion".

  4. Fischer Säkuläre Religion...
    11.03.2008 | 12:59

    Die Kritik von ake trifft meines Erachtens einen ganz wesentlichen Punkt. Ich denke, dass das, was du als "Holocaust-Kult" bezeichnest, nur ein Nebenaspekt ist. Praktisch der kultische Teil der Zivilreligion.

    Der Kern der Lebenshaltung, den ake zu Recht einfordert, liegt woanders, nämlich in den "aufgeklärten" Kernwerten der modernen westlichen Gesellschaften.

    Meines Erachtens geht es bei den von Dir beschriebenen kultischen Aspekten gar nicht so sehr um Juden oder Holocaust, sondern primär um eine rituelle Überhöhung/Bestätigung der säkulär-aufgeklärten Werte.

  5. Yoav Sapir Was ist Religion?
    11.03.2008 | 14:21

    Wie ake richtig gesagt hat, ist es schließlich eine Frage der Begriffsbestimmung.

    Freilich stecken hinter allen Religion bestimmte Werte- und Moralvorstellungen, d.h. ideologisches Gedankengut. Jedoch gäbe es längst keine neue Religion, wenn ich mich etwa zu Disneys Bambi bekennte und dies mit spezifischen Vorstellungen vom erhabenen Leben im heiligen Walde in Verbindung brächte.

    Denn "Religion" bedeutet die Festlegung und Konkretisierung, Ritualisierung und Institutionalisierung dessen, wozu sich die Gemeinschaft bekennt. Dass in Kultformen der späten Neuzeit oft eine transzendente Gottesvorstellung fehlt, obwohl sie sonst durchaus religiöse Funktionen erfüllen, führt zu Neologismen wie "Zivilreligion" (Bellah in Anlehnung an Rousseau).

    Im Obigen habe ich versucht, eben diese soziologischen Aspekte zu beleuchten, was keineswegs dagegen spricht, dass die dahinter steckende Ideologie über das identitätsstiftende Kernereignis hinausgeht, wie es tatsächlich in vielen, wenn nicht allen Religionen ist.

    Auch beim Christentum handelt es sich ja nicht *nur* um die Kreuzigung Jesu, obwohl diese die große Zäsur christlicher Heilsgeschichte bildet. Genau so begnügt sich auch der Holocaustkult nicht mit der bloßen Vermittlung von Informationen über die (seinem Geschichtsverständnis nach) große Zäsur, die inzwischen "a negative myth of origin for the post[-]war world"[1] geworden ist, sondern bemüht sich darüber hinaus um die Verbreitung eines bestimmten Evangeliums, einer meist menschenrechtlich geprägten Ideologie.

    [1] Avishai Margalit and Gabriel Motzkin, "The Uniqueness of the Holocaust", Philosophy and Public Affairs 25 (1996), pp. 65-83, here 80-81. Siehe auch: Moshe Zimmermann, "Globalisierte Erinnerung", in: Zeichen, 2/2000 (verfügbar unter: http://www.asf-ev.de/zeichen/00-2-08.shtml), wo er schreibt: "Daß die Shoah zum Fundament der Welt geworden ist, kann man nicht bestreiten." – was ja wenigstens auf den so genannten Westen zutrifft.

  6. ake Was will uns dieser Ritus sagen?
    12.03.2008 | 08:33

    Mir ist aber noch nicht klar, was uns eine Zivilreligion sagen will, die so einen Ritus hervorbringt.

    Welche säkular-aufgeklärten Werte werden da konkret überhöht und bestätigt?
    Wozu bekennt sich die Gemeinschaft, die so einen Kult (und evtl. auch andere?) ritualisiet und institutionalisiert?

    Das einzige Bekenntnis, das ich aus den von Dir genannten Punkten herauslesen kann, ist "So lange wir bestimmte Regeln einhalten, ist es bewiesen, dass wir nicht böse sind."

    Das kann, muss aber nicht menschenrechtlich motiviert sein. Und das kann, muss aber nicht säkular begründet werden.

    In diesem Sinne: Wer pflegt diesen Kultus warum?

  7. Yoav Sapir Sinn und Zweck
    12.03.2008 | 12:50

    Es geht nicht nur darum, dass man sich von den bösen Tätern abgrenzt, sondern vor allem auch darum, dass man sich mit den guten Opfern identifiziert und sich zu "ihrem" Narrativ bekennt (das aber eigentlich eines der heutigen Bekenner ist).

    Identifikationsriten lassen sich auch in anderen Religionen finden (z. B. Abendmahl, die Diskussionen über die Bedeutung von "hoc est"). Zwar ist die Identifikation mit den "sechs Millionen", wie es sich im 21. Jh. auch gehört, sehr sublimiert; aber ihre Bedeutung ist nicht zu unterschätzen:

    Dass die Opferstellung im heutigen Westen, wohl erstmals in der Geschichte, so sehr (und ausgerechnet) mit politischem Rechthaben verknüpft wird (Palästina, Tibet, der Kosovo...), ist eine der Auswirkungen des im Westen fast allgegenwärtigen Holocaustkultes und dessen Moralvorstellungen, die oft, wenn auch nicht immer, eng mit dem Menschenrechtskonstrukt bzw. Selbstverständnis unserer heutigen Gesellschaft zusammenhängen (inwiefern die Gesellschaft diesem Selbstverständnis gerecht wird, bleibt dahingestellt).

    Eine wichtige Ausnahme ist Israel, bspw. die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, in welcher der Opferkult vornehmlich zur Rechtfertigung des Zionismus herangezogen wird (ob zu Recht oder zu Unrecht, beurteile ich hier nicht). Dies ist z. B. im Jüdischen Museum in Berlin nicht der Fall; dort erscheint Palästina bzw. das Land Israels als eines unter sehr viel anderen Exilländern, sodass die Zwangsemigration und Entwurzelung von Menschen schon als solche verurteilt wird.

    Allerdings haben Religionen nicht immer sehr viel mit dem Evangelium (sofern sie einen "globalen" bzw. katholischen Anspruch erheben) zu tun, dem sie entsprungen sind. Früher oder später verwandelt sich jede Religion in Machtstrukturen, deren Hauptfunktion ist es, für den Lebensunterhalt der Geistlichkeit zu sorgen.

    In Deutschland z. B. werden weit mehr Judaisten gebildet als die Forschungsgemeinschaft später finanzieren könnte (Nebenbemerkung: die "jüdischen Studien" als akademisches Fach sowie die kürzlich entstandenen "jüdischen Museen" hängen sehr eng mit dem Holocaustkult zusammen). Wo sollen sie alle hin? Viele werden das tun, was frische Absolventen anderer theologischen Seminare tun, die sich keine akademische Laufbahn zu erhoffen wagen: Sie suchen sich eine Kirche, in der sie praktische Arbeit leisten könnten.

    Und wenn die vorhandenen Kirchen voll sind, müssen neue gegründet werden, z. B. in Warschau, wo neben dem Jüdischen Historischen Institut, das mehrere Ausstellungen beheimatet, nun auch ein richtiges Museum entsteht, das "selbstverständlich" mit deutschen Geldern finanziert wird (insider information, die auf der Website wohl nirgendwo steht). Oder man gründet halt neue Seminare, um neue Stellen vergeben zu können...

    Irgendwann gerät das ganze Gefüge aber in große Schwierigkeiten. Heute lässt sich schon eine gewisse Sättigung beobachten. Die Ausbreitung des Kultes geht nun viel langsamer vonstatten. Aufgrund der Konkurrenz mit neuen Einrichtungen müssen einige der bereits bestehenden Kultstätten und theologischen Seminare um ihre Existenz kämpfen, d.h. für sich selbst lobbyieren und ihre politische Macht in Bares umtauschen, zumeist aber (noch) mit Erfolg.

    Die Hauptaussagen scheinen mir also zu sein:
    1. Sechs Millionen Juden sind ermordet worden (Credo bzw. die Große Zäsur).
    2. Der Opfer muss gedacht werden (Kultritus), um die Grundlagen unserer Gesellschaft zu bewahren (Menschenrechte, Minderheitenschutz usw., oder aber Zionismus, je nachdem).
    3. Wir leisten das, was dazugehört, damit das Feuer der Erkenntnis nicht erlischt (Geistlichkeit).
    4. Finanziert uns bzw. unsere "Zunft"! ...damit es euch besser geht und ihr ruhiges Gewissen haben könnt (Gaben bzw. Grundlage des Fortbestehens).

  8. mike Sehr provozierend...
    12.03.2008 | 21:09

    Neben der Tatsache, dass ein notorischer Holocaust Leugner wie David Irving natürlich mit seinen Thesen provozieren will, gibt es aber aus meiner Sicht vor allen Dingen 2 Punkte, die das Gedenken an die Shoa eher an die 3-Welt-Hilfsindustrie erinnern lässt, als an eine Religion.
    Zum Einen ist da das Fehlen einer "Erlösung" für die "Gläubigen". Die Schrecken des Nationalsozialismus anzuerkennen verspricht dem Menschen keine Transzendierung seines Daseins auf eine höhere Ebene oder gar ein ewiges Leben. Im Gegenteil, es zeigt uns die ungeheuerlichen Abgründe zu denen menschliches Handeln fähig ist. Und spätestens seit den Experimenten von Milgram müssen wir uns eingestehen, dass wohl ein jeder von uns zu ungeheuerlichen Akten der Gewalt fähig wäre.
    Zweitens, beschert das Holocaustgedenken zwar einer Menge Menschen ein Auskommen, und darüber hinaus auch einige willkommene Begründungen für politische Forderungen, aber Religion war und ist immer auch ein Instrument der Macht. Diese Macht bezieht sie normalerweise aus dem Alleindeutungssanspruch seiner Vertreter gegenüber dem göttlichen Prinzip. Hier finden wir aber in der Holocaustforschung, trotz aller Einschränkungen, eher das Prinzip der Wissenschaftlichkeit.
    Martin Walser hatte 1998 bei der Verleihung des Freidenspreises des deutschen Buchhandels schon von der "Instrumentalisierung" des Holocaust gesprochen. Zwar denke ich, dass das Gedenken an den Holocaust auch ausgeschlachtet wird, um sich damit einen Vorteil zu verschaffen, aber für eine Religion reicht das nicht.

  9. Michael Blume Zivilreligion
    03.04.2008 | 21:26

    Ich bin durchaus der Meinung, dass die Erinnerung an die Schoa in der deutschen Zivilreligion eine große Rolle spielt - mit je anderen Akzenten übrigens auch in Israel, den USA, Frankreich, Polen etc. Nur ist Zivilreligion an sich etwas absolut Normales und sie wird überall auf der Welt praktiziert - und alle Nationen diskutieren, definieren und zelebrieren mit Hingabe zentrale Ereignisse und Mythen ihrer jeweiligen Geschichte.

    Die Verbrechen sind geschehen und die Erinnerung daran muss jedem Menschen nahe gehen, der noch seine Sinne beieinander hat. Was wäre denn die Alternative zu einer Kultur des Gedenkens gewesen? Das Verdrängen? Wir brauchen nur auf das Verhältnis Japans zu seinen Nachbarstaaten zu schauen, um zu erkennen, wie sehr unaufgearbeitete Geschichte und nie eingestandene Schuld über Jahrzehnte hinweg Selbstgerechtigkeit, Wut und Spannungen schüren kann. Ich bin froh, in einem Land zu leben, das diesen Weg nicht gegangen ist.

    Ja, auch die deutsche Zivilreligion und das Schoa-Gedenken in ihr brauchen immer wieder kritische Erneuerung, sollen sie nicht in inhaltsleeren und letztlich zynischen Pflichtübungen erstarren. Dennoch bin ich dankbar, dass Deutschland nach seinem Versagen die Kraft dazu hatte, den Weg des Erinnerns und Lernens zu gehen. Die Erschütterung vieler Menschen auch der nachgeborenen Generationen über das, was eben keine Monster, sondern Menschen wie Du und ich zu tun in der Lage waren, diese Erschütterung war und ist echt und viele der daraus gezogenen Lehren sind gut.

    Heute gehört Deutschland zu den weltweit beliebtesten und geachtetsten Nationen der Erde - von den USA bis Russland, von Israel bis in die islamische Welt, von Kanada bis Afrika sprechen uns Menschen das Vertrauen aus. Dies wäre m.E. nicht möglich, wenn diese Menschen nicht den Eindruck gewonnen hätten, dass unser Land zu seinen Fehlern gestanden und aus ihnen gelernt hat.

  10. Marie Religion und Politik
    17.04.2008 | 17:12

    Ersteinmal möchte ich sagen: Hoch interesanter Beitrag - und wen verwundert es, dass es einer der meist kommentiertesten ist, geht es hier doch um "unsere" böse Vergangenheit.
    Nehmen wir nur den Begriff des "Holocaust" hat es wohl schon mehrere "Holocausts" auf der Welt gegeben, das Dritte Reich prägte diesen Begriff dann nur als "die Vernichtung der Juden"

    Eine Parallele zwischen Katholizismus und dem sog. "Holocaustkult" haben sie jedoch noch vergessen (sofern ich es nicht überlesen habe):
    Die Erbsünde oder eher: Kollektivschuld des Deutschen Volkes.
    Bitte beachten Sie, dass ich hier nichts schön reden oder verharmlosen will!
    Doch was hat die dritte, mittlerweile sogar vierte Nachkriegsgeneration (deutsche wie jüdische Nachkommen) noch wirklich aktiv damit zu tun?
    Zudem werden immer nur "die Juden" in die Opferrolle gedrängt - was war mit anderen? Sinti und Roma, Bolschewisten, Homosexuelle, diverse christl. Sekten usw?
    Sicher habt der jüdische Teil die Mehrheit ausgemacht - doch wer gedenkt den anderen?

    Zudem werden immer nur Widerstandkämpfer in ihre Märtyrerrollen gepresst - aber sind wir doch mal objektiv:
    Wer gedenkt heute noch den gefallen Soldaten, die für Deutschland gekämpft haben (was im übrigen nicht nur Deutsche waren..)?

    Kann man bei ganzen Völkern wirklichen von "guten" und von "bösen" Völkern reden?
    Wäre es nicht ebenso falsch die "bösen Chinesen" zu bennen - oder würde daraus sogar ebenfalls ein kleiner Kult entstehen, der die Tibeter ehrt?

    Diese ganzen Überlegungen die Sie angebracht haben sind interessant, provokant - aber vorallem regen sie zum nachdenken an!

  11. Thilo Holocaust-Erinnerung
    30.12.2008 | 15:38

    Ich bin nur zufällig durch den Artikel im Fischblog auf diese Diskussion gestoßen. Ich finde, daß man diesen Artikel und vor allem die Diskussion dazu nicht einfach so stehen lassen kann und will deshalb ein paar (laienhafte und unvollständige) Bemerkungen dazu einschieben.

    Bei der Erinnerung an den Holocaust geht es natürlich in erster Linie um die Erinnerung an die industrielle Ermordung von Millionen Juden, also an ein singuläres Verbrechen. Ich nehme an, in diesem Punkt sind wir uns alle einig.

    Damit zusammen hängt der Antisemitismus als extremes Beispiel eines kollektiven Wahns. Auch diesen Punkt muß ich in dieser Diskussion wohl (hoffentlich) nicht weiter ausführen.

    Darüber hinaus ist, für die deutsche Gesellschaft, die Erinnerung an den Holocaust aber auch mit einer besonderen moralischen Verpflichtung verbunden.

    Daß Menschenrechte (gerade eben auch die von Minderheiten) heute in Deutschland einen höheren Stellenwert haben als irgendwann sonst in der Geschichte, hat sehr direkt mit der Erinnerung an den Holocaust zu tun.

    Es geht eben bei der Erinnerung an den Holocaust nicht einfach um einen inhaltsleeren "Holocaust-Kult". Es geht um die Universalität der Menschenrechte.

    Es geht darum, daß die Rechte des Individuums heute genauso wichtig sind wie die Interessen der "Volksgemeinschaft". Darum, daß es Gruppenselektion vielleicht im Tierreich, aber nicht in menschlichen Gesellschaften gibt. Darum, daß wir uns nicht in einem weltweiten Wettbewerb der Völker befinden, in dem nur der fitteste überlebt. Darum, daß es keine Untermenschen gibt und darum, daß Menschenrechte kein Luxus sind, den man in Krisenzeiten mal schnell über Bord wirft.

    Ich finde, daß diese Aspekte in der Diskussion in bißchen zu kurz gekommen sind.

  12. Michael Blume @ Thilo: Wg. Vorwurf an Yoav Sapir
    30.12.2008 | 23:44

    Wenn Du andeuten wolltest, dass Yoav irgendwie Defizite im Hinblick auf das Gedenken an die Opfer der Schoah aufweist, kann ich nur widersprechen. In einem anderen Beitrag hier kannst Du von ihm z.B. einen Artikel zum 9. November (der Reichspogromnacht) lesen, den er zum Jahrestag in einer Kirche vorgelesen und in einer jüdischen Zeitschrift veröffentlicht hat.

    Und ich weiß ja nicht, wo Du Dich konkret für das Erinnern engagierst - ich gehöre zum Beispiel ehrenamtlich dem Rat einer KZ-Gedenkstiftung an. Und kann gerade deswegen die o.g. Beobachtungen (und auch problematischen Aspekte), auf die Yoav zu Recht hingewiesen hat, nur unterstreichen!

    Viele Konflikte zwischen zivilreligiösen und jüdisch-religiösen Gedenkritualen (z.B. Fragen der zivilreligiösen Kranzniederlegung an Gräbern vs. jüdischem Verbot oder der Geltung der Sabbatruhe auf jüdischen Grabstätten vs. den Terminen von Politikern, dem Nebeneinander von 27. Januar und Yom HaSchoah bzw. Volkstrauertag und 9.November etc.) werden seit Jahren in Wissenschaft und Praxis - und gerade auch von Seiten der jüdischen Gemeinden - diskutiert. Und dass das Gedenken nicht in erstarrten Ritualen ersterben darf (was teilweise zu beobachten ist), ist ein wichtiges Anliegen gerade im Hinblick auf kommende Generationen!

    Yoavs Artikel habe ich gerade deswegen als herausragenden Wissenschaftsbeitrag im Fisch-Blog nominiert, weil er diese (in Fachkreisen längst diskutierten)Problematiken auch im Blogformat aufzeigt und damit Möglichkeiten eröffnet, neu und kritisch-konstruktiv über angemessene Formen der Erinnerung und Verantwortung nachzudenken. Und letztlich zeigt ja auch Dein Interesse und unsere Diskussion, dass das auf diesem Wege durchaus geschieht! :-)

  13. Yoav Sapir Hallo Thilo
    31.12.2008 | 02:51

    1. Meine Analyse bzw. Skizze einer Analyse befasst sich mit der Form, nicht mit dem Inhalt. Mit anderen Worten: Die Thesen sind aus einer strukturalistischen Perspektive aufgestellt.

    2. Ich habe nicht behauptet, der Holocaustkult wäre "inhaltsleer". Das hast du fälschlicherweise hineininterpretiert. Also, ganz im Gegenteil: Ein inhaltsarmer (geschweige denn -leerer) Kult könnte längst nicht so erfolgreich sein wie der Holocaustkult, der offensichtlich in der Lage ist, zahlreichen unterschiedlichen menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.

    3. Was für Inhalt nun konkret aus dieser Form hervorgeht, kommt großteils darauf an, was für Inhalt man jeweils da drin erblicken möchte. Ich finde jedenfalls nicht, dass man hier verallgemeinern und hinter allen Kultstätten ein und dieselbe Botschaft vermuten kann.

    4. Apropos Belege (bzgl. deines Kommentars im Fischblog): Als Belege sollen die Beispiele fungieren, die im Anschluss an jede These angeführt sind. Es sollte sich eigentlich von selbst verstehen, dass dieser kurze Blogeintrag keine ganze Abhandlung ist. Deshalb will ich den Lesern zumuten, die Beispiele selber zu Ende denken zu können. Zudem darf ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei um ein Konzept handelt, und zwar um eines zur Auffassung und zum Verständnis eines bestimmten Phänomens unserer Zeitgeschichte. Und weil es um ein allgemeines Konzept geht, darf man nicht erwarten, dass ich in irgendeinem Archiv irgendein Dokument finde, wo ein Plan zur Durchführung eines wörtlich so betitelten "Holocaustkultes" dargelegt würde. Es hat ja auch kein Nationalsozialist je was von einem "Holocaust" gehört, jedenfalls nicht im hiesigen, übertragenen Sinne. Und trotzdem sind wir auf dieses Konstrukt angewiesen, um die Fülle von Vergangenem begreifen zu können.

    5. Auch die Menschenrechte, die du beschwörst bzw. zu denen du dich bekennst, sind notabene ein Konstrukt, eine Erfindung unseres Zeitalters. Die bloße Natur kennt ja nicht einmal den "Menschen" als solchen, geschweige denn die kategorische Differenzierung zwischen diesem und anderen Lebewesen. Damit will ich nicht sagen, dass dieses Konstrukt in irgendeiner Weise "falsch" ist; sondern nur darauf hinweisen, dass sich hier eine kritische Distanz gebührt.

    6. Welch zentrale Rolle der Holocaustkult heutzutage spielt, lässt sich an seiner Vorbildfunktion in Osteuropa erkennen, wo man sich dem Holocaustkult eigentümliche Formen zunutze macht und diese in Museen, Filmproduktionen etc. einsetzt, um damit neben holocaustbezogenen Themen oft auch ziemlich andere, etwa antikommunistische Inhalte effektiv darzustellen. Ob zu "Recht" oder zu "Unrecht", bleibt dahingestellt; m. E. gilt es das Phänomen nur festzustellen und zu analysieren, nicht zu beurteilen.

  14. Edgar Dahl Der Kult um den Holocaustkult
    31.12.2008 | 16:55

    Ich gebe Dir recht, dass man aus dem Holocaust inzwischen eine eigene Religion gemacht hat - mit Heiligen wie Eli Wiesel und Ketzern wie David Irving sowie Dogmen wie die "6 Millionen Opfer" und Anathemata wie die "Auschwitzlüge". In meinen Augen gibt es kaum ein anderes Thema, bei dem buchstäblich alle Beteiligten so viel heucheln wie beim Holocaust. Man weiß gar nicht, wo man beginnen soll. Ein möglicher Anfang ist aber sicher die Evangelische Kirche, die sich im vermeintlichen Ruhm der "Bekennenden Kirche" sonnt und sich zu einer antifaschistischen Bewegung verklärt.

  15. Edgar Dahl Die Holocaust-Industrie
    31.12.2008 | 17:59

    Habe erst eben die Kommentare zu Deinem Eintrag gelesen und bin nun etwas verunsichert: Ich hatte Dich so verstanden, als wolltest Du auf die "Holocaust-Industrie" hinweisen, von der nicht nur, wie Finkelstein gezeigt hat, viele Juden leben, sondern auch andere zu profitieren suchen - Politiker, Talkmaster und leider auch viele Wissenschaftler. Aufgrund des Holocausts und der NS-Euthanasie ist es nahezu unmöglich, DFG-Gelder für ein Projekt zur Sterbehilfe zu bekommen, während Kollegen, die über den Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen "forschen", DFG-Gelder nachgeschmissen bekommen.

  16. Yoav Sapir @ Edgar
    31.12.2008 | 18:10

    Deine Gedenken und die meinigen widersprechen sich nicht. Du hast einfach gleich einen kritischen Schluss gezogen, während meine Analyse sich als neutral versteht.

    Was die DFG angeht, so ist das Tabu, wie Freud erklärt hat, eine unausbleibliche Begleiterscheinung zum Totem. Und genau so verhält es sich mit den Tabuzonen, die im Fall des Holocaustkultes um den Kultgegenstand herum entstanden sind.

  17. Edgar Dahl @ - Yoav
    31.12.2008 | 19:42

    Ich denke, der Kult um den Holocaust hat gute und schlechte Seiten. Über die guten Seiten brauchen wir uns nicht weiter unterhalten. Denn abgesehen von den Holocaustleugnern möchte wohl niemand, dass die Shoah in Vergessenheit gerät. Weit wichtiger scheint es mir daher zu sein, endlich einmal auf die negativen Seiten aufmerksam zu machen - eben auf die Heuchelei, die Vereinnahmung und die "Holocaust-Industrie". Dabei kann man aber die Instrumentalisierung des Holocausts durchaus auch neutral zu beschreiben suchen.

    Was würdest Du als die negativste Seite des Holocaustkultes betrachten?

  18. Yoav Sapir @ Edgar
    01.01.2009 | 04:49

    Ich neige grundsätzlich nicht dazu, die Sache bzw. ihre verschiedenen Seiten zu bewerten. Das ist jedenfalls nicht der Zweck der obigen Analyse.

    Aber wenn du schon die Frage gestellt hast:

    Mir scheint, dass der Holocaustkult viele Menschen dazu bringt, die Juden mit dem Opfer schlechthin zu identifizieren (das deutet übrigens schon die griechische Etymologie des biblischen Begriffs "Holocaust" an: ein auf dem Altar gänzlich zu verbrennendes Opfer). Diese Menschen glauben irgendwie, wenn auch nur unbewusst, dass ein "guter" Jude immer das Opfer sein muss. Denn im Holocaustkult ist es in der Regel die betonte Schwäche der Juden, welche ihnen Legitimität verleiht.

    Diese Korrelation wird - wenn auch unabsichtlich - im sozusagen allgegenwärtigen (s. Punkt 10) Holocaustkult so oft wiederholt, dass man sie verinnerlicht. Diese bodenlose Erwartung an die Juden bzw. Vorstellung von den "richtigen" Juden hat dann zur Folge, dass die Juden ihre in der Opferstellung verankerte Legitimität[1] verlieren, sobald sie den Rahmen dieses eingebildeten Judenbildes überschreiten und Gewalt anwenden. Dies führt wiederum zu manch sehr negativen Phänomenen wie etwa der europäischen "Israelkritik", sodass die Juden im Endeffekt abermals unter dieser Geschichte leiden müssen.

    [1] Ich rede hier notabene von keiner "fälschlicherweise in X oder Y verankerten Legitimität", weil die Juden sich gar nicht zu legitimieren brauchen - egal, in welcher Form und mit welcher Begründung. Das Problem besteht eben darin, dass der Holocaustkult - ob absichtlich oder nicht - genau das tut und zwar durch Betonung der Schwäche etc., wie oben erklärt.

  19. Edgar Dahl @ - Yoav
    01.01.2009 | 18:30

    Mein Kompliment, wenn Du die politische Instrumentalisierung des Holocausts ohne jede normative Bewertung hinnehmen kannst! Ich selbst kann nicht anders, als mich zu ärgern, wenn ich beispielsweise sehe, wie die deutsche Medienlandschaft ein viel zu undifferenziertes Bild vom Holocaust zeichnet. Zwischen dem, was Historiker wie Raul Hilberg oder Saul Friedländer beschreiben und dem, was Leute wie Guido Knopp vermitteln, scheinen mir Welten zu liegen. Kennst Du zufällig eine Umfrage, die demonstriert, dass die meisten Menschen ein recht verzerrtes Bild vom Holocaust haben?

  20. Yoav Sapir @ Edgar
    01.01.2009 | 18:49

    Eine solche Umfrage ist mir nicht bekannt. Aber der Holocaust ist ja selber ein historisches Konstrukt, ein Bild von Vergangenem, das wir uns im Kopf malen und welches sich dann als Idee verbreitet. Insofern kann es wohl kein "verzerrtes Bild" vom Holocaust geben, sondern nur alternative Bilder, die höchstens von dem abweichen, was man jeweils für richtig hält bzw. was in einem bestimmten, etwa dem geschichtswissenschaftlichen Milieu als richtig gilt. Dass den Abweichlern kein alternatives, sondern ein geradezu "verzerrtes" Bild zugeschrieben wird, scheint ebenfalls die Existenz eines Holocaustkultes zu bezeugen.

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