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Die Prominenz der neuen Juden

von Yoav Sapir, 28. Mai 2009, 17:06

Wer beobachtet, dem fällt es auf: In Deutschland gibt es sehr viele neue Juden.

Ob angehende oder schon amtierende Rabbiner und Kantoren, Religionslehrer, Professoren und sonstige Funktionsträger: Nicht nur, aber besonders in der jüdischen Prominenz, d.h. unter den "Berufsjuden", sind hierzulande gerade diejenigen deutlich überrepräsentiert, die mit sonstiger Volkszugehörigkeit geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind. Selbst in der jüdischen Blogosphäre in deutscher Sprache sind die meisten Blogger m. W. keine geborenen Juden, sondern Israel erst als Erwachsene beigetreten (was ich natürlich ganz in Ordnung finde und hier keineswegs negativ bewertet wird).

Zum jüdischen Volk, jüdischer Politik, jüdischem Denken etc. haben von jeher auch Proselyten beigetragen. So sollen etwa Schma'aja und Awtaljon, zwei frührabbinische Weise, Proselyten gewesen sein (was allerdings umstritten ist). Ab einem gewissen Punkt stellt sich aber die Frage: Wer assimiliert sich eigentlich in wen? Die neuen in die Eingeborenen oder eher umgekehrt? Denn gerade im Hinblick auf die unaufhörliche Konstruktion jüdischer Identitäten spielt die regionale sowie die überregionale Prominenz eine entscheidende Rolle.

Irgendwann hört man also auf, die Prominenz der neuen Juden als eine lustige Anhäufung von Zufällen beiseite zu schieben. Es zeigt sich dann ein Phänomen, und zwar ein anscheinend spezifisch deutsches, das es in anderen Ländern (etwa in den USA, Frankreich, England etc.) entweder nicht gibt oder sich dort erst langsam abzuzeichnen scheint (Polen, Rumänien u. Ä.).

Ein anderer Aspekt dieses Phänomens ist die relativ sehr hohe Zahl von Nichtjuden, die sich an den Universitäten den jüdischen Studien widmen. Da bilden nämlich die nichtjüdischen Studierenden die Mehrheit, m. W. überall in Deutschland, wo das Fach angeboten wird. Dass die Nichtjuden in diesem Lande sowieso die Mehrheit bilden, ist eine Korrelation, die noch keine Kausalität bedeutet: Auch in den USA sind die Nichtjuden die eindeutige Mehrheit, doch sind es da vor allem Juden, die sich diesem (eigenen) Themenbereich widmen, sowohl als Studenten wie auch später als Forscher und Dozenten.

Das heißt natürlich nicht, dass all diese deutschen Studenten gleich dem jüdischen Volk beitreten wollen (obwohl nicht wenige in diesem Fach ihre Identität suchen odar gar einen intimen Wunsch nach Übertritt zum Ausdruck bringen). Es deutet aber auf großes Interesse hin, das hierzulande ausnahmsweise gerade bei Nichtjuden besteht. Von diesen Deutschen, die sich (ob im Rahmen des Studiums oder sonstwie) für diese Thematik interessieren, treten manche dann tatsächlich über. Mir liegt natürlich keine Statistik vor, aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass es hierzulande im Vergleich mit anderen Ländern überdurchschnittlich viele Übertritte gibt. Die Auffälligkeit der Neuankömmlinge in der jüdischen Prominenz lässt sich zwar nichr nur, aber vielleicht auch vor diesem zahlenmäßigen Hintergrund erklären.

Als solches hat dieses Phänomen nichts mit Spiritualität zu tun. Diese ist bei vielen, hoffentlich sogar den meisten Übertritten ein wichtiges Moment, aber sie vermag nicht zu erklären, warum es dieses große Interesse gibt - und warum dieses Interesse relativ oft nicht Privatsache bleibt, sondern in die Öffentlichkeit führt.

Und nicht zuletzt fragt man sich auch, was jene neuen Juden, die es trotz des Übertritts erst als Erwachsene ausgerechnet in die Öffentlichkeit zieht, von denjenigen erwarten dürften, in deren Mitte sie nach dem Übertritt aufgenommen werden wollen. Ob es dabei aber überhaupt um die Eingeborenen geht?

Diese irritierenden Fragen kann ich nicht beantworten, sondern nur zwei analytische Ansätze skizzieren, die sich bei meinen Gesprächen mit anderen Beobachtern dieses Phänomens herauskristallisiert haben. Der eine Ansatz ist wohlwollender, der andere eher kritischer Natur:



1. Der Drang zur Wiedergutmachung

Diese Hypothese geht davon aus, dass das Jüdische als eines der Fundamente der abendländischen Kultur auch nach seinem Verschwinden spürbar bleibt, und zwar eben in seiner als schmerzvoll empfundenen Abwesenheit. Inbesondere dort, wo die Juden viel leisteten und von wo aus deren Verfolgung ausging, erzeugt das Fehlen dieses lebenden Kulturgutes ein tiefes, unbewusstes Unbehagen (man denke in diesem Zusammenhang an das vom deutsch-kanadischen Soziologen Michal Bodemann entwickelten Konzept von "ideological Labor", die die Juden als solche im heutigen Deutschland zu leisten haben). Dieser empirisch freilich unerfassbare Missstand wird dann von manchen Deutschen als Defizit empfunden.

Das vom kollektiven Unbewussten gesendete Signal wird empfangen - und bewegt nicht nur zum Übertritt, sondern auch zur Teilnahme am öffentlichen Diskurs. Es geht also darum, den Verlust der jüdischen Elite zu kompensieren, in dem man das, was man als intelligenter Mensch beitragen kann, eben nicht als das beiträgt, was man nun mal (gewesen) ist, sondern als Jude.

Der Übertritt ist dann ein zwangsmäßiges Resultat daraus; der Weg, den man beschreiten muss, um dem geistigen und kulturellen Defizit, das man in seinem Land spürt, als Berufsjude entgegenzuwirken.



2. Der Drang zur Selbstdarstellung

In Deutschland scheinen gerade neue Juden "prominenter" zu sein als Eingeborene. Vermutlich verfügen die prominenten Übergetretenen nicht nur über einen besseren Sinn für Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache, sondern sie haben in erster Linie auch ein relativ sehr hohes Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit, welches sie dorthin drängt, wo eine solche Begabung sich vorteilhaft auswirken kann.

In diesem Fall handelt es sich also um Selbstdarstellung, und zwar vor den eigenen Landsleuten, unter denen man als Deutscher aufgewachsen ist und welche in diesem Fall auch weiterhin eine für die eigene Person extrem wichtige Bezugsgruppe bilden. "Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland", hat in Israel vor zwei Millennia ein junger, seitdem ziemlich berühmt gewordener Jude gelehrt. Wenn man aber trotzdem im eigenen Lande eine Autorität werden will, kann man sich geschickt entfremden, indem man für sich eine Position in Anspruch nimmt, die in seinem Lande als fremd empfunden wird.

Gute Erfolgsaussichten hat man auf diesem Weg allerdings nur, wenn die Minderheit, der man beitreten will, einerseits qualitativ gewichtig genug ist ("ideological Labor"?), damit man seine Geltungssucht überhaupt auf dieser Bühne verwirklichen kann, und andererseits quantitativ nur spärlich vorhanden ist, damit man auf dieser Bühne noch genug Platz findet. Mit dem Jüdischen in Deutschland erfüllen sich beide Voraussetzungen, sind also beide Seiten dieser Medaille vorhanden. Somit stellt auch diese zweite Möglichkeit ein spezifisch deutsches Moment dar, das bei diesem spezifisch deutschen Phänomen eine Rolle spielen kann.

In diesem Erklärungsansatz erscheinen die Eingeborenen, in deren Reihen man als Proselyt übergehen will, mithin als die notwendige Kulisse, ohne die die eigene Show vor der angeblich alten, aber vielleicht doch noch eigentlichen Bezugsgruppe nicht möglich wäre.



Nun darf man natürlich nicht davon ausgehen, dass diese beiden Momente in exklusiver Weise vorkommen. Denn sie schließen sich gegenseitig nicht aus, und selbst wenn sie bei einer beliebigen Person gemeinsam wirken, kann das eine Moment stärker sein als das andere.

Welcher der obigen Motivationstypen eher auf einen zutrifft bzw. ob diese für einen überhaupt von Bedeutung sind, können jedoch höchstens die Prominenzproselyten selbst wissen.

Sicherlich gibt es unter den prominenten Proselyten auch solche, die sich bei ihrem Aufstieg in der regionalen oder gar überregionalen Öffentlichkeit sozusagen "nichts gedacht haben". Das dürfte allerdings die Minderheit sein, denn sonst wäre dieses Phänomen gar nicht zustande gekommen - oder es würde sich um eine sehr seltsame Anhäufung zahlreicher Zufälle handeln.

Noch wichtiger ist es aber zu bedenken, dass selbst bei einer Person, die ganz stark von den oben skizzierten Momenten bewogen wird, nichtsdestoweniger auch die ganz "normalen" Momente vorhanden sein können, nämlich das nationale und das spirituelle. In Israel beginnt heute weltweit Schawuot, das jüdische "Pfingsten", an dem das Buch bzw. die Buchrolle Rut gelesen wird:

"[W]o du hingehst, dort gehe ich auch hin, und wo du weilst, dort weile ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!", soll die Moabiterin (das Beitrittsverbot für Ammoniter und Moabiter - s. Deut. 23:4-7 - gilt demnach und im Einklang mit der biblischen Betonung des väterlichen Stammbaums nur für männliche Angehörige dieser beiden Völker) ihrer israelischen Schwiegermutter gesagt haben. Dein Volk ist mein Volk - und erst demzufolge - dein Gott ist mein Gott: Selbst der kultisch-ideologische Aspekt soll bei der Motivation zum Beitritt zweitrangig bleiben.

Von dieser vorbildlichen Proselytin soll sogar König David gestammt haben (und folglich auch der künftige Messias). Ich glaube, dass dieses Vorbild auch in jenen Proselyten nachwirkt, die es - natürlich im Gegensatz zu anderen - vielleicht doch auch mit der zweiten der oben skizzierten Motivationsarten in die jüdische Prominenz zieht: Denn ohne Wahrhaftigkeit kann wohl keiner lange dort bleiben, wohin man sich hochgearbeitet hat.



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Yoav Sapir

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Kommentare

  1. Christine @ Yoav
    29.05.2009 | 09:53

    „denn ganz ohne Wahrhaftigkeit schafft es selbst der beste Schauspieler nicht“ – hier bin ich anderer Meinung.
    Nur der Durchschnittsschauspieler braucht unbedingt Wahrhaftigkeit, um es zu schaffen. Der gute Schauspieler schafft es auch ohne Wahrhaftigkeit. Der Geniale aber, der schafft es ohne Mühe, dort wo sich die Guten quälen.
    Wenn also ein „Neuer“ erscheint, der es nicht vollkommen schafft, sein Publikum zu überzeugen, gibt es folgende Varianten (unter anderen): entweder ist er ein Durchschnittsschauspieler, oder ist er ein Wahrhaftiger, der aber Fehler macht (irgendwie „verständlich“, wenn er noch am Lernen ist, als „Neuer“; wenn er aber noch so sehr am Lernen ist, sollte er vielleicht nicht vor eine Gemeinde gehen wollen, mit der Absicht, sie zu leiten!). Und noch heikler ist es mit denen, die perfekt überzeugen: die sind entweder geniale Schauspieler oder aber überdurchschnittliche Wahrhaftige.

    Aber, genug über Schauspiel!... Unter den Neuen, auch sogar unter den Eingeborenen, wenn es um Gott geht : Wie schön und wie selten sind die innerlich Wahrhaftigen!

    Und jetzt zurück zur Wirklichkeit: du betonst in deinem Beitrag, wie das Phänomen in Deutschland aussieht. „In Deutschland scheinen gerade neue Juden ’prominenter‘ zu sein als Eingeborene“. Ich würde ergänzen, dass es (leider) bei den meisten Konversionen weltweit so ist, dass der Konvertit mehr (ggf. demonstrativen) Enthusiasmus aufweist, als der Eingeborene...

    Ein Symptom der Unwahrhaftigkeit ist gerade die Eile, auf die Bühne zu gelangen. Ein Übertritt ist meiner Meinung nach eine ernsthafte Angelegenheit, eine Umstellung (der Seele? und nicht "nur"!) in Lebensstil, Denkensweise und tausenden von täglichen Details. Das braucht Zeit. Ein „wahrhaftiger“ Übergetretener wird sich nur selten in die Prominenz drängen, denn das Lernen gehört zum Übertritt und die Geduld gehört zum Lernen und die Bescheidenheit gehört zur Geduld.. (Weil das Lernen, die Geduld und die Bescheidenheit ganz einfach zum Glauben gehören, auch für die Eingeborenen).

    Jedoch kenne ich auch solche, die nach Übertritt auf der Bühne sind und die es wirklich wert sind, auf der Bühne zu sein. Auf die bin ich stolz. Aber, du hast Recht: das sind die wenigsten.

  2. Yoav Sapir @ Christine
    29.05.2009 | 11:49

    Ich meine, dass man ohne diese Wahrhaftigkeit nicht dort bleiben kann, wo man sich hinaufgearbeitet hat.

    Will sagen: Auch wenn das anfängliche Moment ein anderes war als der einfache Wunsch, ohne besondere Leistungen zur jüdischen Nation anzugehören, muss es in einem jeden Führungsproselyt doch auch etwas "Authentisches" geben, was nur er als Einzelperson innehat und anbieten kann.

    Zugegebenermaßen drängt sich mir bei manchen die Frage auf, was sie denn nun wirklich zu sagen haben (abgesehen von nicht so subtilen Hinweisen darauf, wie jüdisch sie nun sind). Aber irgendwas muss da sein, wovon sich andere angesprochen fühlen, denn sonst würde das öffentliche Interesse, das sie für sich erarbeitet haben, wohl ziemlich schnell nachlassen.

    Das gilt natürlich sowohl für Proselyten als auch für Eingeborene, aber bei Letzteren stellt sich natürlich nicht die Frage, warum sie im Himmel der deutschen Öffentlichkeit gerade als Juden scheinen wollen. Vielleicht liegt es ihnen gar nicht daran, als Juden aufzutreten, sondern sie wollen einfach einen Beitrag zum öffentlichen Diskurs leisten und sind nun mal das, was sie sind.

    Bei den Proselyten aber rührt der Auftritt als Jude von einer ganz bewussten Entscheidung ab, im Gegensatz zur bisherigen Sozialisierung nun ausgerechnet Jude zu werden - und für sich dann erst mit diesem Status eine führende Position zu beanspruchen.

    Wenn das nur Einzelfälle wären, würde sich die Frage nicht stellen. Da es aber ein Phänomen ist und da dieses Phänomen ein spezifisch deutsches ist, ist dieser merkwürdige Zusammenhang erklärungsbedürftig.

    Dass nur die wenigsten Proselyten es wert wären, auf der Bühne zu sein - das habe ich nicht gesagt.

    Auch in puncto Lernen bin ich anderer Meinung: Die Führungsproselyten zeichen sich, sofern man hier verallgemeinern kann, durch hohe kognitive Fähigkeit aus. Wie gesagt: Gerade unter den Berufsjuden - Rabbinern, Kantoren, Religionslehrern etc. - sind sie deutlich überrepräsentiert. Das hätten die Proselyten nicht erreicht, wenn sie es nicht mit ihrer Intelligenz untermauern könnten (ob sie auch außerhalb Deutschlands eine gute Chance hätten?).

    Desgleichen mit der Bescheidenheit: Es lässt sich m. E. nicht feststellen, dass die altjüdischen Prominente hierzulande irgendwie bescheidener sind als die neujüdischen. Das kann ich aber nachvollziehen: Die Öffentlichkeit ist ein Dschungel - und wer allzu bescheiden ist, der schafft es wohl nicht. Wir kriegen also von vornherein nur jene Juden vor Augen geführt, die sich zu behaupten wissen. Und das ist auch gut so, denn sonst gäbe es in der Öffentlichkeit wohl keine Juden.

  3. KRichard AT
    29.05.2009 | 12:50

    Das Alte Testament stammt von jüdisch/israelitischen Schriften ab. Wer sich für den christlichen Glauben interessiert, wird sich vermutlich auch mit dessen Wurzeln auseinandersetzen wollen => daher Interesse an diesem Studiengebiet

  4. Yoav Sapir @ Richard
    29.05.2009 | 13:25

    Du gehst also davon aus, dass das hierzulande relativ große Interesse am Jüdischen eher auf das eigene Bekenntnis zum Christentum zurückzuführen sei. Aber mit der hebräischen Bibel, die hierfür am relevantesten ist, befasst man sich auch an christlich-theologischen Seminaren. Ein Studium der jüdischen Studien erscheint also bei dieser Motivation eher unnötig.

    Zudem würde dieser Ansatz andeuten, dass es hierzulande aufgrund der relativ sehr großen Beteiligung von Nichtjuden an jüdischen Studien ein weit größeres Interesse am Christentum gäbe als etwa in den USA, wo jüdische Studien vor allem von Juden konsumiert werden.

  5. Christine @ Yoav
    29.05.2009 | 14:00

    Ja, jetzt ist es mir klarer geworden: man kann es ohne Wahrhaftigkeit vielleicht schaffen, sich hinaufzuarbeiten (das hab ich betonen wollen), aber man kann es nicht schaffen, dort zu bleiben (das hast du eigentlich schon im Beitrag gemeint, hab ich nur nicht von Anfang an so verstanden). Beides richtig, würde ich sagen; stimmst du dem zu?

    "Dass nur die wenigsten Proselyten es wert wären, auf der Bühne zu sein - das habe ich nicht gesagt". Hast du auch nicht. ABER ich habe den folgenden Satz vor den Augen gehabt: "Sicherlich gibt es unter den prominenten Proselyten auch solche, die sich bei ihrem Aufstieg in der regionalen oder gar überregionalen Öffentlichkeit sozusagen 'nichts gedacht haben'. Das dürfte allerdings die Minderheit sein". UND ich hab das so verstanden, dass es also die wenigsten sind, die sich nicht in erster Linie die Öffentlichkeit zum Ziel nehmen, in ihrem Aufstieg, sondern hoffentlich den Inhalt den sie sich eben angeeignet haben und den sie jetzt vermitteln/weitergeben wollen. Diese Letzteren, die sich (hoffentlich) auf den Inhalt konzentrieren, die sind es in meinen Augen auch wert, auf der Bühne zu stehen, aber die sind ja auch die wenigsten bzw. die Minderheit.
    Das hab ich vielleicht in deine Worte hineininterpretiert, aber es ist meiner Meinung nach nicht ganz falsch. (Obwohl alles unter der Reserve stehen sollte, dass ich ein Außenseiter in diesem Bereich bin, also alles "von draußen" sehe.)
    Und zu diesem kommt in meinen Augen auch noch etwas aus deiner Antwort hinzu, nämlich: "Zugegebenermaßen drängt sich mir bei manchen die Frage auf, was sie denn nun wirklich zu sagen haben (abgesehen von nicht so subtilen Hinweisen darauf, wie jüdisch sie nun sind)". Das grenzt in meinen Augen (wieder "in meinen Augen"!) ans Thema Bescheidenheit, denn: der unbedingte Wille zur Öffentlichkeit (nicht nur als Erfolg vor Publikum, sondern auch als Anerkennung seitens der Anderen in der neuen Identität - manifestiert in der Form von "nicht so subtilen Hinweisen" darauf), wenn er als Ziel VOR der Vermittlung eines Inhaltes steht; UND das Deklarative (also die Betonung der Form), wenn es dem Deklarierenden WICHTIGER ist als die Betonung des Inhaltes - die beiden sind mir ein Zeichen der Unbescheidenheit. Wobei der Eingeborene nicht extra "bescheiden" zu sein braucht, aber dadurch auch nicht "unbescheiden" wird. Denn: der Eingeborene "ist" auf natürliche Weise, was der Konvertierende durch Option "sein will", bzw. dann "seit kurzem geworden ist", also was der Konvertierende jetzt auch "ist", aber nicht auf natürlicher Weise (Geburt) sondern durch Option. Bescheidenheit verstehe ich in diesem Zusammenhang, beim Übergetretenen, als das ins-Bewusstsein-rücken dieser Differenz zwischen Geburt und Option, deren sich der Konvertit im klaren sein sollte, damit er sich mit der Öffentlichkeit doch zweitrangig beschäftigt, und erstrangig mit dem Inhalt. Was ja so sein sollte, oder? Und: als ich von Bescheidenheit bei den Eingeborenen gesprochen habe, war es vielleicht nicht das richtige Wort. Bei denen ist es ja normal, nicht deklarativer zu sein, als es nötig ist, um ihre eigene Identität zu behaupten. Ersetzen wir also in Bezug auf die Eingeborenen das Wort "Bescheidenheit" mit dem Wort "Normalität" und lassen wir in Bezug auf die Übergetretenen das Wort "Bescheidenheit" offen, als Garantie zu einer in ihnen sich noch formenden "Normalität".

    Und jetzt das "Lernen". Ich habe nicht gesagt, dass die Übergetretenen nicht über "hohe kognitive Fähigkeit" verfügen oder über Intelligenz. Auf keinen Fall. Ich sehe (von draußen!) aber die Religion über die wir gerade sprechen, als Religion des Lernens, ganz abgesehen davon, ob man jetzt eingeboren ist oder konvertiert hat. Ich kann nur hoffen, dass es einigermaßen auch so ist, und dass ich mich nicht irre; nochmals: als Außenseiter ist es mir sowieso schwer, es zu verstehen - das heißt nicht, dass ich aufgebe. Aber: es ist mir ungemütlich, es zu sagen/schreiben, denn ich bin mir nie sicher, ob ich es richtig verstehe oder nicht. Wenn ich also falsch liege, bitte ich um Entschuldigung und Erläuterungen. Wenn ich nicht falsch liege, und es auch um eine Religion des Lernens geht, dann ist dieses Lernen ein Prozess und nicht ein abgeschlossener Zustand. In dem Sinne gehört das Lernen, so wie ich es verstehe, ins Leben der Eingeborenen. Umso mehr ist es die richtige Einstellung bei den Proselyten, die dieses Lernen halt lernen wollen.

  6. Michael Blume Zu bedenken...
    29.05.2009 | 14:01

    Lieber Yoav,

    zu bedenken ist aber m.E. auch, dass gerade in Deutschland einerseits enorme Anforderungen an und auch Förderungen des jüdischen Gemeindelebens erfolgen (einschließlich der gewünschten Zuwanderung von Juden z.B. aus der GUS), andererseits aber immer noch ein massiver Mangel an Leuten besteht, die entsprechende Ämter annehmen und ausfüllen können und wollen. Für sehr viele Aufgaben werden händeringend Leute gesucht - es fehlt oft (z.B. im Gegensatz zu islamischen Gemeinden) noch die breite Mitgliederbasis, aus der sich ausreichend Funktionäre rekrutieren könnten. Wenn dann noch deutsche Sprach- und Verwaltungskenntnisse hinzukommen, bieten sich Konvertiten da also schnell und mit guten Gründen Chancen.

    Nimm noch den Effekt hinzu, dass der Übertritt mithin ein religiöses Engagement beinhält - es also im Regelfall eine selbst gewählte Einbindung in eine Gemeinde bereits seit einiger Zeit gibt, was nicht bei allen der Fall ist, die in Deutschland oder der GUS als Juden geboren wurden. So wird m.E. deutlich, warum in Deutschland Konvertiten eine auch sichtbar größere Rolle spielen als in Ländern, in denen Juden nicht verfolgt wurden bzw. ein geförderter Wiederaufbau von Strukturen in Gemeinde, Wissenschaft etc. unterblieb.

    Dass mancher Konvertit durch den Identitätswechsel aber auch "die Sünden der Väter" überwinden möchte, hat anhand von Interviews auch bereits Tanya Gold im Guardian und dann in der Jüdischen Zeitung nachgezeichnet:
    http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.1474.html

    Dass das Engagement von Konvertiten dem Judentum in Deutschland ggf. ein eigenes Gesicht gibt, sehe ich von aber nicht als problematisch oder unecht - denn jedes Land (inkl. Israel) hat nun einmal jüdische Gemeinden und Mitglieder, die durch eine je spezifische Geschichte geprägt wurden. Jede religiöse und ethnische Identität ist Ergebnis auch stetiger Konstruktionsprozesse im Austausch mit der jeweiligen Umgebung.

    Und zur Frage der Selbstdarstellung: Ich erlebe da im täglichen Umgang mit Juden qua Geburt oder Konversion eigentlich keinen quantitativen Unterschied. Klar, Konvertiten in eine neue Religion müssen ihre neue Identität öfter erläutern und freuen sich (zu Recht) auch über Zuspruch - dafür spielt mancher jüdische Geborene gerne das Prädikat "echt" gerade im Vergleich aus, auch gerne "subtil" in der Blogosphäre oder im persönlichen Gespräch über Dritte. Mir scheint, die Darstellung erfolgt da je aus der eigenen Situation heraus - was wiederum für Menschen völlig normal ist.

    Dir und allen Menschen jüdischen Glaubens auf jeden Fall einen fröhlichen Schawuot!

  7. Yoav Sapir @ Christine
    29.05.2009 | 14:32

    Ja, das Gegenteil von meiner Aussage bzgl. der kognitiven Fähigkeiten bzw. der hohen Intelligenz hast du natürlich nicht gesagt. Ich bitte um Entschuldigung, dass dieser Eindruck entstanden ist. Bei mir hat sich in der Eile nämlich der Zwischensatz verschluckt, dass sie diese vermutlichen Fähigkeiten stets anzuwenden und somit deinen richtigen Anforderungen durchaus gerecht zu werden scheinen. Darum ist es in meinen Augen nicht so, dass ein - wenn ich dich recht verstehe: in puncto Lernen ernster - Proselyt "sich nur selten in die Prominenz drängen" würde.

  8. Christine @ Yoav
    29.05.2009 | 16:56

    Freut mich, dass wir uns doch verstehen :-)
    Ich glaube, in Sachen Drang nach oben, geht es letztendlich um die Proportion. Ich werde misstrauisch (aber nicht unüberwindbar misstrauisch), wenn sich jemand nach vorne BEEILT. In dem von dir gerade zitierten Satz fällt die Betonung auf DRÄNGEN...
    Das heißt, ich wünsche mir bei denen eine gewisse Geduld, denn darin sehe ich den Willen zur Genauigkeit und das so gesunde sich-selbst-fragen-wollen. Diese letzteren Eigenschaften können einen Aufsteigenden wahrhaftig nach oben bringen, aber halt langsamer, unauffälliger und weniger demonstrativ als einen... Streber.

  9. Christine @ Michael
    29.05.2009 | 17:00

    Zweiter Teil deines vorvorletzen Satzes: gute Bemerkung!

  10. Yoav Sapir @ Michael
    29.05.2009 | 18:19

    Ich hab dir eine ausführliche Antwort geschrieben, aber sie ist in meinem Browser verschwunden.

    Wenn ich wieder die Zeit und die Lust dazu finde, befasse ich mich abermals damit...

  11. Yoav Sapir @ Michael (Teil 1)
    29.05.2009 | 19:03

    Zu deinen ersten beiden Absätzen:

    Du beschreibst also, wie dieses Phänomen überhaupt möglich ist, d.h. warum so viele Proselyten hierzulande in die jüdische Prominenz sowohl auf regionaler als auch auf der überregionalen Ebene kommen *können*.

    Wenn ich dich recht verstehe, führst du damit näher aus, was ich im obigen Beitrag mit dem Hinweis auf die noch relativ offene Bühne als eine der Voraussetzungen für einen erfolgreichen Aufstieg beschreibe und als einer der Gründe dafür gebe, dass dieses Phänomen ein spezifisch deutsches ist.

    Ob du aber auch eine Hypothese zur Motivation hast? Warum *wollen* so viele Proselyten - trotz des Übertritts als Erwachsene - sich ausgerechnet in die Prominenz hineinbringen?

  12. Yoav Sapir @ Michael (Teil 2)
    29.05.2009 | 19:37

    Zu deinem dritten Absatz:

    Tanya Gold befasst sich mit einem anderen, wenn auch verwandten Phänomen, zu dem sie auch eine andere Erklärung gibt als die im obigen Beitrag vorgeschlagene.

    Dass mancher Deutsche aufgrund der von Deutschen ausgehenden Verbrechen am jüdischen Volk seine Volkszugehörigkeit wechseln und das Deutschland zum Opfer gefallene Volk stärken will, ist eine Motivation zu einer als *quantitativ* zu bezeichnenden Wiedergutmachung (inwiefern hier was genau wieder gut gemacht wird, ist eine andere Frage und vor allem eine subjektive).

    Hier geht es hingegen darum, warum es (so oder anders zum Beitritt motivierte) Proselyten in die Prominenz zieht und inwiefern dabei ein vermutlicher Drang zu einer *qualitativen* Wiedergutmachung eine Rolle spielen darf.

    Bei einzelnen Personen mag es zwischen beiden Phänomenen bzw. Motivationen eine Kongruenz geben, sodass beide zugleich wirken, aber diese mögliche Kongruenz ist keine Notwendigkeit. Eine mögliche Korrelation lässt nämlich auf keine Kausalität schließen.

    Mit anderen Worten: Nicht jeder, der Israel aus dem Drang zur quantitativen Wiedergutmachung beigetreten ist, will Berufsjude werden und sich in der jüdischen Prominenz einen Platz sichern. Auch nicht jeder, den es in die Prominenz drängt, ist Israel aus der von Tanya Gold beschriebenen Motivation beigetreten; das gilt auch dann, wenn er aus dem Drang zur qualitativen Wiedergutmachung Berufsjude geworden ist.

  13. Yoav Sapir @ Michael (Teil 3)
    29.05.2009 | 19:54

    Zu deinem vierten Absatz:

    "Dass das Engagement von Konvertiten dem Judentum in Deutschland ggf. ein eigenes Gesicht gibt, sehe ich von aber nicht als problematisch oder unecht" - Ich übrigens auch nicht. Aber ab einem gewissen Ausmaß wird dieses merkwürdige Phänomen erklärungsbedürftig.

    "jedes Land (inkl. Israel) hat nun einmal jüdische Gemeinden und Mitglieder" - Im ausländischen Sinne gibt es das bei uns nicht. Man kann das Zusammenleben in Israel auch kaum mit den hiesigen Kirchengemeinden gleichsetzen, nicht zuletzt auch aufgrund der unterschiedlichen Rechtslage.

    "die durch eine je spezifische Geschichte geprägt wurden" - Genau das fehlt den allermeisten Proselyten, die über keine jüdische Geschichte, keine jüdische Familie, keine jüdische Kindheit, keine jüdische Sozialisierung etc. verfügen und dies bestenfalls nur in künstlicher Form nachholen können. Bei dem normalen Proselyten ist es nun mal so, wie es ist, vergleichbar mit dem Migrantenzustand. Bei prominenten Juden darf man sich die Frage stellen, was das bedeuten kann und wie es zu bewerten ist, denn die Prominenz spielt, wie oben erklärt, eine sehr wichtige Rolle bei der Konstruktion jüdischer Identitäten (aber nicht um diese Fragen geht es hier).

    "Jede religiöse und ethnische Identität ist Ergebnis auch stetiger Konstruktionsprozesse im Austausch mit der jeweiligen Umgebung" - Ja, das steht, anders formuliert, auch im obigen Beitrag geschrieben.

  14. Yoav Sapir @ Michael (Teil 4 - der letzte)
    29.05.2009 | 20:15

    Zu deinem letzten Absatz:

    "Konvertiten in eine neue Religion" - Leider ist das Judentum, wie schon mehrmals erklärt, keine richtige Religion, was den allermeisten Proselyten auch klar ist und sie, weil sie mit Religionen nicht zufrieden sind, geradezu zum Beitritt zu Israel bewegt.

    "müssen ihre neue Identität öfter erläutern" - Wenn wir schon beim Thema sind, geht es in diesen Fällen meiner Erfahrung nach eher darum, die neue Identität bzw. sich selbst zu behaupten. Denn "erklären" kann man etwas in der Regel erst, nachdem man danach gefragt worden ist. Die Eingeborenen aber sehen meistens von solchen Fragen ab und wollen die neuen - meiner Erfahrung nach - nicht mit sehr persönlichen Fragen belasten (insbesondere in Deutschland ist man längst daran gewöhnt, dass man von Proselyten umgeben ist). Wenn schon, dann kommt es eher dazu, dass man seine neue Identität nicht "erklärt", sondern aus eigener Initiative (meiner Erfahrung nach bisweilen in passiv-aggressiver, suggestiver Weise) durchsetzt, und zwar auch dann, wenn eigentlich kein Widerspruch besteht.

    "und freuen sich (zu Recht) auch über Zuspruch" - Manchmal umso mehr über Widerspruch, damit die Selbstbehauptung nicht nach einem unnötigen Präventivangriff ausschaut. Zudem dürften sich dann manche Proselyten in ihren inneren Erwartungen bestätigt fühlen. Denn ich muss gestehen, dass solche unnötigen Selbstbehauptungen m. E. bei prominenten Proselyten öfter an die Oberfläche kommen als bei den normalen Proselyten, die für sich nichts Besonderes beanspruchen. Darum vermute ich bei den Prominenten eine Art Abwehrmechanismus, der aus dem verständlicherweise unsicheren Migrantenzustand hervorgeht. Ich fürchte also, dass es bei manchen Proselyten und gerade bei den prominenten nicht so idyllisch aussieht, wie du es dir vorstellst. Oft scheint es - von außen - so, dass es in ihrer inneren Welt eine andauernde Auseinandersetzung gibt, ein stetiger Kampf gegen einen selbst um diese Selbstbehauptung als Jude, von dem die normale Umwelt nur gelegentliche Ausbrüche dieser heftigen Debatte zu spüren bekommt. Das ist freilich nicht bei allen so, aber zusehends bei vielen. Nur: Kann es beim einen oder anderen Einzelnen überhaupt anders sein? Schließlich setzt ein so tiefgründiger Identitätswechsel eine komplexe Persönlichkeit voraus. Und das ist wohl gut so.

    "Mir scheint, die Darstellung erfolgt da je aus der eigenen Situation heraus - was wiederum für Menschen völlig normal ist." - Ja, das stimmt, aber wenn ich dich recht verstehe, dann geht es hier nicht darum. Denn ich meine hier keine normale Selbstdarstellung (im einfachen, wörtlichen Sinne des Wortes), wie sie jeder Mensch tagtäglich unausweichlich treibt, sondern, wie oben steht, den Drang danach. Die zweite Hypothese bezieht sich also nicht darauf, wie ein Prominent sich jeweils selbst darstellt und ob diese Weise der Selbstdarstellung "echt" oder "unecht" ist (beides m. E. irrelevant), sondern darauf, dass die Sehnsucht nach Selbstdarstellung, also nach Öffentlichkeit und Publikum, sich wohl leichter über die jüdische Bühne sättigen lässt - und zwar aus den Gründen, die im obigen Beitrag erklärt und in deinen ersten beiden Absätzen näher ausgeführt werden.

  15. KRichard @Yoav , Standpunkt
    30.05.2009 | 10:11

    In christlich-theologischen Seminaren über die hebräische Bibel erfährt man die christliche Sichtweise darüber.
    Möglicherweise haben Studenten auch Interesse daran, die jüdische Sichtweise besser kennen zu lernen um den geistigen Horizont zu erweitern. Daher das Interesse.

  16. KRichard @Yoav, Standpunkt - Nachtrag
    30.05.2009 | 12:19

    Man sollte für manche Studienwahl nicht unbedingt tiefere religiöse Interessen vermuten. Vielleicht hat sich bloß der Ruf bestimmter Dozenten/Unis als positiv herumgesprochen - oder andere, ähnlich banale Gründe. Hier wäre Ursachenforschung interessant.

    Z.B. Es gab in den 1970er Jahren eine Umfrage unter weiblichen Studenten in technischen Studienberufen. (Man wollte deren Studiengründe wissen, um noch mehr Frauen zum Studium technischer Berufe zu ermuntern.)
    Dabei stellte sich heraus, dass ein großer Teil dieser Frauen aus einer einzigen Schule kam - und dort konnte es speziell eine einzige sehr selbstbewusste weibliche Lehrerin als Hauptursache für die Wahl der Studienrichtung ausgemacht werden. Sie hatte die Bereitschaft bei den Schülerinnen erhöht, auch solche Berufe zu ergreifen, die bisher als ´Männer´-berufe galten.

  17. Yoav Sapir @ Richard
    30.05.2009 | 12:56

    Ja, aber: Dass das Interesse am Jüdischen irgendwas mit religiösen Beweggründen zu tun haben könne, hast in dieser Diskussion erst du behauptet.

    Übrigens ist das Fach "Jüdische Studien" kein Beruf und kann daher keine "Bereitschaft" voraussetzen.

    Es kann natürlich durchaus sein, dass manche, die in diesem Fach länger als eines oder zwei Semester bleiben, es wegen der Qualität der Dozenten am jeweiligen Seminar oder Institut tun. Das ist ja in diesem Fach so.

    Aber warum immatrikulieren sie sich von vornherein für dieses Fach - und warum sind das vor allem Nichtjuden? Wie gesagt, auch in den USA sind die Juden eine winzige Minderheit und trotzdem werden da jüdische Studien vor allem von Juden konsumiert bzw. produziert.

    Meine Vermutung ist, dass es nur ein Aspekt eines größeres Phänomens ist, bei dem es gerade Nichtjuden sind, die - in verschiedener Weise - in Deutschland Jüdisches betreiben und manchmal sogar die Verantwortung für die Entfaltung des Jüdischen in Deutschland übernehmen.

  18. Michael Blume @ Yoav: Interessanter Unterschied
    31.05.2009 | 16:13

    Lieber Yoav,

    diese Diskussion verdeutlicht auf jeden Fall einen interessanten Unterschied zwischen Christentum und Judentum (die sich natürlich auch je beide als besondere Völker in der Nachfolge Gottes verstehen, vgl. auch die islamische Umma): Während in christlichen Gemeinden Konvertiten meist besonderen Respekt genießen, da sie ihre Entscheidung bewusst getroffen hätten (und manche Kirchen daher sogar die Säuglingstaufe ablehnen), gilt nach Deinen o.g. Worten ein Konvertit zum Judentum als weniger "echt" und nicht "wirklich jüdisch sozialisiert".

    Für Dich selbst erstrebst Du eine gesamtgesellschaftlich wirkende, intellektuelle Rolle in Deutschland (siehe hier:
    http://www.chronologs.de/...h-rabbiner-werden-will ), bei prominenten Konvertiten vermutest Du dagegen weniger schmeichelhafte, psychologische Motive für ihr Wirken auch nach außen.

    Immerhin hast Du hier auch einmal klar beantwortest, dass nach Deiner Definition Religionswechsel auch einen Wechsel der Volkszugehörigkeit bedeuten können. Auch da sind wir wohl etwas unterschiedlicher Meinung - ich sehe z.B. null Problem darin, dass es deutsche, russische, französische, schwäbische, bayerische etc. Juden, Christen, Muslime, Hindus etc. geben soll und käme auch nicht auf den Gedanken, einem Angehörigen der katholischen Kirche (offiziell kirchenrechtlich natürlich auch: des Volkes Gottes) die Staatsangehörigkeit oder Volkszugehörigkeit des Vatikanstaates zu attestieren. Staatsangehörigkeit, ethnische und religiöse Zugehörigkeit sind m.E. nicht einfach ineins zu setzen - im Zweifelsfall hat hier m.E. stets der jeweilige Mensch selbst das Recht auf die Konstruktion der eigenen Identität. Aber wir müssen uns ja auch nicht über alle Begriffe einig werden.

  19. Yoav Sapir @ Michael
    31.05.2009 | 17:59

    1.

    Wie sind denn deiner Meinung nach das Christentum und später auch der Islam auf die (bei ihnen freilich weitestgehend sublimierte) Vorstellung gekommen von einem "Volk Gottes" bzw. einer Ummah/Nation?

    Ich erwarte deine Antwort und bemerke nebenbei, dass anständige Christen, und von denen gibt's manche hierzulande, mit der Usurpation Israels durch die kirchliche Erblehre ("verus Israel" etc.) schon abgebrochen haben. Das sind die Christen, mit denen man hierzulande wirklich arbeiten kann und die mir Hoffnung verleihen für dieses Land.

    2.

    Von verringerter "Echtheit" habe ich nicht gesprochen. Und die Problematik der Sozialisierung ist nicht meine Meinung, sondern eine objektive Tatsache, die übrigens - wenn auch in immer unterschiedlichem Ausmaß - auch für manche Eingeborenen in Deutschland gilt.

    Sonst bitte ich dich (ggf. schon wieder?), nicht per Anführungszeichen den Eindruck zu vermitteln, du würdest mich zitieren, wenn das nicht der Fall ist.

    3.

    Natürlich spielen psychologische Motive eine Rolle. Kennst du ein menschliches Phänomen, wo das nicht der Fall ist? Und übrigens geht es nicht nur um das Wirken nach außen bzw. bei Nichtjuden. Die Erlangung einer prominenten Stellung ist auch mit viel Streben "nach innen" verbunden.

    Die Frage, die hier gestellt wird und um die es gehen soll(te), ist aber *nicht*, warum sie gesamtgesellschaftlich agieren wollen (das finde ich vollkommen einleuchtend), *sondern*, warum man das ausgerechnet als Jude machen will, was man ja in diesen Fällen als Erwachsener zunächst überhaupt werden musste, *und* wie es sich erklären lässt, dass wir hier nicht mit seltenen Einzelfällen, sondern mit einem richtigen Phänomen zu tun haben (das Phänomen selbst wird hier notabene nicht bewertet).

    4.

    Da du offensichtlich dieselbe Auffassung des Judentums - nicht jedoch dieselben Ziele - pflegst wie die islamischen Terroristen, die Israel als jüdischem Nationalstaat mittels ihrer eigenen Vorstellung vom Judentum als Religion jedwede Existenzberechtigung absprechen, muss ich dir die ganz ernst gemeinte Frage stellen: Welche raison d'être hat deiner Meinung nach der Staat, aus dem ich komme und der sich - wohl nicht zufälligerweise - Israel nennt?

    Auch auf diese Frage erwarte ich deine ehrliche Antwort.

  20. Michael Blume Fragen & Antworten
    01.06.2009 | 21:31

    Lieber Yoav,

    gerne beantworte ich Deine Fragen.

    1. Was die monotheistischen Religionen von vielen anderen unterscheidet, ist das eindeutige Bestehen darauf, dass alle Menschen von den gleichen Vorfahren abstammen, gleich an Würde sind und grundsätzlich gleichen Zugang zu Gott haben. Im biblischen Noah-Bund wendet sich Gott darüber hinaus ausdrücklich allen Menschen zu und bietet ihnen den Bund an, beide Abraham-Söhne erhalten göttlichen Segen usw.

    In diesem Kontext verstehe ich Erwählung stets als Verantwortung, der jede Gemeinschaft gerecht werden muss, die sich auf Gott beruft. Wie warnt Gott doch so klar in der Bibel? (Amos 9.7) "Seid ihr für mich mehr als die Kuschiter, ihr Israeliten? Spruch des Herrn: Wohl habe ich Israel aus Ägypten herausgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir."

    Wenn es also Christen, Muslime, Juden, Sikhs, Bahai, Israelis, Amerikaner, Russen, Römer etc. je wichtig finden, sich als besonders erwählte Völker Gottes zu verstehen, so begrüße ich das. Solange diese das als Verantwortung verstehen und die Menschenrechte auch aller anderen respektieren. Deren ersten beiden Artikel lauten übrigens:

    "Artikel 1

    Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

    Artikel 2

    Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand."

    Dem habe ich nichts hinzu zu fügen.

    2. Abgesehen davon, dass die katholische Kirche ebenfalls eine Religionsgemeinschaft ist (deren Mitglieder sich als Volk Gottes verstehen) und dennoch niemand dem Vatikanstaat die Existenzberechtigung abspricht: Israel ist als eigenständiger Staat längst anerkannt und hat sein Existenzrecht darüber hinaus in den Menschen, die ihm angehören (übrigens neben Juden auch Muslime, Christen und andere Minderheiten). Wer Expansionspolitik im 21. Jahrhundert aufgrund religiöser oder historischer Ansprüche betreiben will, verdient den Widerstand aller Demokraten - ob er Israelis aus Tel Aviv oder Araber aus Ostjerusalem vertreiben will. Sollen etwa die Griechen Istanbul zurück fordern, die Deutschen den Elsaß, die Araber Spanien, die Aborigines Australien? Wo soll das aufhören? Wir müssen die Welt nehmen, wie sie ist, und unser Zusammenleben endlich so gestalten, dass alle Menschen, Völker und Religionen in Frieden und Freiheit leben können. Die EU hat gezeigt, dass auch Jahrhunderte gegenseitiger Kriege und Gebietswechsel durch Versöhnung und Frieden zu überwinden sind.

    Und daher meine ich, dass im Nahostkonflikt sowohl religiöse wie nationalistische, sowohl islamische, christliche wie jüdische Extremisten endlich in die Schranken gewiesen gehören und eine faire Friedens- und Zweistaatenlösung erreicht werden muss. Von Hetze, Krieg und Gewalt aufgrund völkischer, religiöser oder sonstwie ideologischer Ansprüche hatte dieser Planet wirklich genug! Jeder Jude, Christ, Muslim, Anders- und Nichtglaubende hat m.E. das Recht auf Leben, Freiheit und die Menschenrechte - dafür trete ich ohne Abstriche ein.

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