Naturwissenschaft Atheismus?
"Muss der 'wahre' Naturwissenschaftler Atheist sein?" - so provokant fragte die katholische Akademie im wunderschönen Kloster Weingarten Ende Juni. Für den bekennend atheistischen Naturalismus sprach Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider, für die Evolutionsbiologe Prof. Nico Michiels, aus katholisch-theologischer Sicht Prof. Wolfgang Beinert, als Philosophin Prof. Regine Kather und als Religionswissenschaftler mit Schwerpunkt auf der Evolution der Religiosität sowie eigentlich als Counterpart zu Prof. Kanitscheider (es kam dann ganz anders) war ich geladen. Wer mag: die Beiträge sind als mp3-und-Bildvortrag alle hier abrufbar. Da selber auch eher Leser, habe ich den eigenen Text als pdf auch hier verfügbar gemacht.
Aber gerade weil schon soviel doziert wurde (und die Diskussionen nach den Vorträgen und später bis in die späten Nachstunden andauerten), möchte ich jetzt auch mal einfach schweigen und hören bzw. lesen, was Sie denken. Was meinen Sie? Müssen wahre Naturwissenschaftler Atheisten sein? Oder ist empirische Wissenschaft vielleicht sogar sehr gut mit (welchem?) Theismus vereinbar?
Versprochen: Ich bin jetzt mal einfach eine ganze Weile "ruhig" und einfach gespannt, was Sie denken. Und lasse zum gleichen Thema ein wenig den Fernseher laufen... ;-)
Ähnliche Artikel:
- Neuer Atheismus & Giordano-Bruno-Stiftung im Fokus von Medien & Wissenschaft
- Homo Sapiens evolvierte Religiosität. Und auch der Neandertaler.
- Religion und Evolution - Auf dem Weg ins Darwinjahr
- Fruchtbarer Glauben im Focus
- Franz M. Wuketits zu Gott, Gene und Gehirn





Sehr geehrter Herr Blume,
genau diesen Fragekomplex um Religion und Naturwissenschaft möchte ich seit längerem in meinem eigenen Blog behandeln, doch fehlt mir dazu augenblicklich die Zeit. Trotzdem möchte ich Ihrer Aufforderung gerne folgen, und kurz meine persönliche Ansicht darlegen:
In meinen Augen ist, was die naturwissenschaftliche Erkenntnis angeht, ein methodischer Agnostizismus die einzige redliche Möglichkeit, Forschung zu treiben. Ein vielfach beschworener methodischer Atheismus wäre nach meinem Dafürhalten bereits eine zu starke axiomatische Festlegung – und damit ein unnötiger und unzulässiger Eingriff a priori. Ein methodischer Agnostizismus ermöglicht eine Wissenschaft, die frei von jeglichen dogmatischen Einschränkungen (theologischer und naturwissenschaftlicher Art) ist. Mit einem solchen „Forschungsprogramm“ könn(t)en sich sowohl überzeugte Atheisten, die insgeheim eine (naturwissenschaftlich prinzipiell unmögliche) Widerlegung der Existenz Gottes erhoffen, ebenso anfreunden wie diejenigen Forscher, die Naturwissenschaft in der Tradition Keplers und Galileis als „Gottesdienst“ betrachten.
Sie stellen auch die Frage, welcher Theismus mit empirischer Wissenschaft vereinbar sein könnte. Darauf möchte ich keine Antwort geben, die eine spezielle Glaubensrichtung nennt, sondern eine Art „Anforderungsprofil“ erstellen, welches für die entsprechende Religion gelten muss. Wendet man sich einer Religion zu, muss sie in meinen Augen rational begründbar sein und einen Wahrheitsanspruch vertreten – von immer wieder gehörten Aussagen, Religion sei auch „nützlich“, wenn sie „falsch“ sei, halte ich (aus erkenntniserweiternder Sicht) nichts. Folglich muss die theologische Wahrheit mit der naturwissenschaftlichen Wahrheit kompatibel sein und sich letztendlich zu der „einen“ Wahrheit zusammenfügen. Es ist zwar klar, dass die jeweils aktuelle naturwissenschaftliche „Wahrheit“ fallibel ist, dennoch sollte bzw. muss die Theologie im Idealfall mit den naturwissenschaftlichen Wahrheiten verträglich sein (können).
Um Ihre Eingangsfrage noch einmal abschließend und prägnant zu beantworten: Der „wahre Naturwissenschaftler“ muss – (nur) in seinem Forschungsprogramm – Agnostiker sein.
Viele Grüße
Thomas Heichele
"Muss der 'wahre' Naturwissenschaftler Atheist sein?"
Soweit, wie ich mich erinnere, hat schon Schopenhauer gegen den Atheismus polemisiert. Ich denke, daß ein guter Wissenschaftler immer Agnostiker ist und sein muß. Wer Atheist ist, biegt zu schnell ab und neigt zum Größenwahn. Er weiß nicht, was es heißt, aufgerichtet worden zu sein. Umgekehrt aber muß auch Nietzsche gehört werden, der "Gott" als ein zu faustgrobes Argument bezeichnet hatte. Was heißt das? Es heißt, daß Gott zu schnell eingeführt wird und in diesem Lichte für den Menschen gar nichts mehr erkennbar ist. Die Probleme der Welt sind nur mit den richtigen Begriffen zu einer fokusierten Anschauung zu lösen. Wer da zu schnell "Gott" einsetzt, überspringt wichtige Sprossen der Himmelsleiter -die auch Evolution genannt werden kann.
Wow - das sind schon zwei m.E. klasse Beiträge! Und sehr gerne würde ich direkt schon was schreiben, antworten, aber... Diesmal halte ich mich zurück und höre bzw. lese erst einmal geduldig! :-)
Aber das tue ich schon jetzt gespannt und freue mich auf Weiteres! Danke Ihnen beiden für den gelungenen Start!
Schopenhauer polemisierte gegen den Materialismus!
Auch wenn man die Existenz Gottes nicht wiederlegen kann, sollte man doch auch mal an "Ockhams Rasiermesser" denken:
Wenn die Religiosität des Menschen dadurch erklärt werden kann, dass diese in der Evolution einen Vorteil brachte (stabilere Partnerschaften etc...), wir auch sonst alle Phänomene um uns herum erklären können ohne einen Gott zu gebrauchen (inklusive Entstehung des Universums/Lebens, etc...) sollte ein Naturwissenschaftler Gott, der alles nur unnötig kompliziert macht, aus seinem Weltbild "herausschneiden".
Ein Naturwissenschaftler entscheidet sich nunmal am sinnvollsten für die Theorie, die ein Problem mit der kleinstmöglichen Anzahl an Hypothesen erklären kann - da wird dann Gott als unnötige Altlast auf der Strecke bleiben.
Hallo Michael,
ein schönes Diskussionsthema, das zyklisch wiederkehrt. "Naturwissenschaftler sind Atheisten" ist häufig ein Vorurteil.
Als wir von 19.-20. Juli die 850-Jahrfeier der Stadt München feierten, war unsere Forschungseinrichtung im "Wissenschaftszelt" mit dem Thema Kosmologie und Physik vertreten. Wir stellten das naturwissenschaftliche Weltbild vor, das erstaunlich viel von dem erklären kann, was physikalisch seit dem Urknall vor fast 14 Mrd. Jahren passiert ist. Überraschend häufig wurde ich gefragt, ob dieses Weltbild noch Platz für Gott lassen würde.
Meine Antwort ist ja, weil die Naturwissenschaft nur das "Wie" beantworten kann, aber nicht das "Warum". Außerdem bleibt immer mindestens eine Frage übrig, z.B. was bewirkte den Urknall.
Ich zitiere an dieser Stelle gerne den Quantenphysiker und Nobelpreisträger für Physik Werner Heisenberg: "Der erste Schluck aus dem Becher der Natur führt zum Atheismus, aber auf dem Grund wartet Gott."
Beste Grüße,
Andreas
"verträglich" und "kompatibel" allerdings nicht im Sinne eines Zurechtschrumpfens religiöser Aussagen auf wissenschaftliche Erkenntnis. Vielleicht sind wir uns da einig.
Hans Küng schrieb von der Mehr-Dimensionalität von Wirklichkeit ("Der Anfang aller Dinge", Piper Verlag München 2005), in der Naturwissenschaft eine Art der Beschreibung einer Dimension ist, und Gottglaube (bzw. Religion) eine andere Art der Beschreibung einer anderen Dimension derselben Wirklichkeit. Er verwies in diesem Zusammenhang übrigens auf Gödels Theorem und Stephen Hawkings schlussendliche Resignation zur GUT (Hawkings: "Wir sind keine Engel, die das Universum von außen sehen. Vielmehr sind wir und unsere Modelle Teile des Universums, das wir beschreiben. So ist eine physikalische Theorie auf sich selbst bezogen, wie in Gödels Theorem. Man mag deshalb erwarten, daß sie entweder widersprüchlich ist oder unvollständig.").
Das ist ein wenig in Richtung des Anekantvada im Jainismus, also der Relativität der Wahrheiten zueinander.
(Danach allerdings ließen sich die Wahrheiten nicht zu der EINEN Wahrheit zusammenfügen. Hierzu müsste ein Betrachter alle möglichen Standpunkte/Perspektiven gleichzeitig umfassen/einnehmen. Es gibt derer aber viel mehr, als nur eine naturwissenschaftliche und nur eine religiöse.)
Versuche, einende Perspektiven zu gewinnen, gibt es ja einige (die Vernetzung bei Capra, die integrale Weltsicht bei Gebser, die Holarchie mit ihren Emergenzen bei Wilber, usw.).
Wieder andere Ansätze tendieren mehr zu "Sichtweisen der Korrelate". Der kürzlich im Suhrkamp Verlag (edition unseld) erschienene Dialog "Hirnforschung und Meditation" von Wolf Singer und Matthieu Ricard ist hierzu ein sehr lesenswerter Beitrag.
Ein Bekannter von mir wiederum spricht hinsichtlich Naturwissenschaft und Spiritualität von "Analogien auf Metaebene".
Hans-Peter Dürr schließlich sieht - Küng nicht ganz unähnlich und vielleicht in der Tradition einiger Mystiker stehend - die Welt als "Wollknäuel in der Hosentasche": "Er zieht das eine Ende des Fadens heraus, blickt an ihm entlang. Der herkömmliche Wissenschaftler, erzählt er, betrachte den Faden und schließe von ihm auf das Wesen des Knäuels. "Warum aber", fragt er, wirft das Knäuel hoch, fängt es wieder auf, "geht es nicht auseinander?" Das also, was es im Innersten zusammenhält, könne jener Wissenschaftler damit nicht erklären. Das nämlich seien diese winzigen Fusseln, aus denen auch der Faden bestehe. (...) Diesem könne man sich auf zwei Wegen nähern: Einmal auf dem "Außenweg", durch wissenschaftliche Untersuchung. Zum anderen auf dem "Innenweg". Dabei entwickle der in sein Inneres hinabsteigende Betrachter mehr Empathie (Einfühlung). Er begreift sich selbst als Teil des Ganzen."
http://www.tag-des-herrn.de/artikel/1846.php
(Solche Sichtweisen kritisiert Wilber wiederum allerdings, und vielleicht nicht unbereichtigt, als einen Flachlandholismus, der bestenfalls Weite, aber nicht Tiefe habe).
Die links im Eingangsbeitrag habe ich noch nicht gelesen; vielleicht wiederhole ich hier nur längst Gesagtes. Die Verschiedenheit der Ansätze aber zeigt, dass bereits vielen Menschen nicht die Vereinbarkeit von Theismus und empirischer Wissenschaft die grundlegende Frage ist (das "ob"), sondern eher mit welchem Modell die (gegebene) Vereinbarkeit am treffendsten zu beschreiben sei (das "wie").
Hallo Noah K.,
ja, wir sind uns einig, dass es kein "Zurechtschrumpfen" der Religion geben soll - trotzdem darf die Theologie naturwissenschaftliche Erkenntnis nicht völlig negieren, geschweige denn in den "Aufgabenbereich" der Naturwissenschaften eingreifen.
Eine solche, auch von Ihnen angedeutete und von Andreas Müller in seinem Kommentar mit der Unterscheidung von "Wie"- und "Warum"-Fragen angesprochene, Unterscheidung von der Aufteilung der "Zuständigkeiten" von Naturwissenschaften und Theologie steht mir persönlich durchaus nahe. Trotzdem darf - auch das wurde erwähnt - nicht vergessen werden, dass wir es bei den theologischen, dem "Seelenheil" dienenden Aussagen, oft lediglich mit Analogien zu tun haben.
Gruß
Thomas Heichele
Ein Naturwissenschaftler ist jemand, der mit wissenschaftlichen Methoden forscht oder Probleme löst. Solange es die Arbeit nicht behindert, ist es egal was man dabei von Gott oder anderen nicht nachprüfbaren Hypothesen hält.
Hallo Herr Heichele,
theologische (mir wäre in diesem Fall lieber: "spirituelle") Aussagen würde ich persönlich nicht auf Psychologisches reduzieren wollen.
Die Aufteilung der "Zuständigkeiten" sollte heutzutage eine Selbstverständlichkeit sein, aber weder als eine die Zukunft bindende Festschreibung, noch als Ausschluss für zeitgenössisches (seriöses) metaphilosophisches Bemühen zu einem unantastbaren Dogma erhoben werden.
Diese Trennung ist selbstredend vernünftig und sinnvoll - ob sie jedoch in sich bereits eine "Wahrheit" beschreibt, lässt sich zumindest bezweifeln.
Es steht für mich außer Frage, dass "Geist", so wie wir Menschen (als Frischlinge der Evolution) ihn kennen, auch erst ganz am Anfang seines evolutionären Potentials steht. Ich würde mich selbst der Hybris anklagen, wenn ich irgendwann sagen würde: So isses und nicht anders. Was wir als naturwissenschaftliche Erkenntnis als Wirklichkeit ansehen, und als spirituelle Erkenntnis als Wahrheit (und manchmal Wirklichkeit), ist - so dürfen wir heute annehmen - nur auf die Modelle (Strukturen) bezogen, die unser Gehirn im Laufe der Evolution zur Orientierung (Überleben usw.) entwickelt hat, und die unser Denken und unsere Kognition in bestimmten eingegrenzten Bahnen halten (welche sich im Laufe weiterer Evolution - für uns heute unvorstellbar -vermutlich ändern, weiten werden). Dass das natürlich funkioniert, liegt auf der Hand. Aber wir sind derzeit nunmal "Wesen der Mesoebene", wie Singer das nennt.
Was unsere Erkenntnis und Erkenntnisfähigkeit aber im Hinblick auf "Wirklichkeit" bedeutet, ob und inwieweit diese Modelle Ausschnitte, oder Abbild von Wirklichkeit, oder Analogie von Wirklichkeit sind, das ist ein ganz anderes Thema. Dem Ringen um Antworten wird zuzugestehen sein, dass Gedanken aus allen Bereichen und Methoden betrachtet und gewonnen werden dürfen. Hierbei geht es u.a. ja auch um die unbeantworteten Fragen, was "Geist" und "Bewusstsein" überhaupt ist. Das sind Fragen, da bin ich mir sicher, die die Naturwissenschaft alleine nicht wird klären können. Während auf breiter Basis ein neuer Positivismus zu befürchten ist, sind fast unbemerkt die ersten Ansätze zur Vereinigung von Philosophie (einschl. metaphysischen Gedankenguts) und empirischer Wissenschaft bereits aufgekeimt. Klar, dass hier nicht ein Lückenbüßer-Gott das Niveau des Diskurses bestimmt.
Das ist ein äußerst spannendes Thema. Schade, dass ich mich für eine Weile verabschieden muss. Ich wünsche allen Diskutanten anregende Gedanken und eine schöne Zeit.
Danke für den Beitrag, der mich zu einigen Fragen bringt, die mich schon länger plagen. Und mit Nachfragen breche ich mein Heraushalt-Gebot wohl nicht, oder!? ;-)
Ockhams Rasiermesser halte ich selbstverständlich für wissenschaftlich geboten, bin mir aber weder theologisch noch vor allem lebenspraktisch sicher, ob es a-theistisch funktioniert.
1. Wir haben das anthropische Prinzip, diesen unendlich großen Zufall unseres Seins, der an zahlreichen passgenauen Naturkonstanten hängt. Klar können wir auch den als Zufall erklären: aus einer Reihe von Universen, selbst evolvierenden Naturkonstanten, Multiversen u.ä. Nur ist dann die Frage, ab wann eigentlich die Gottesthese sparsamer als z.B. unendlich viele Universen würde...
2. (Und vor allem) scheint mir fraglich, ob wir Ockhams Rasiermesser auch lebensweltlich anwenden (sollen). Ist die Liebe unseres Partners "nur" Biochemie? Beethovens Neunte nur Schallwellen? Goethes Faust nur eine Kombination aus 24 Buchstaben? Überheben wir uns da nicht, wenn wir emergente Phänomene zu Nichts-als-Alserei reduzieren wollen?
3. Wenn es evolutiv nachgewiesen erfolgreich ist, etwas zu glauben, was nicht empirisch nachweisbar ist - was bedeutet das für Ockhams Rasiermesser? Vielleicht, dass es als Welterklärung auch nur ein willkürlicher Maßstab sein könnte? Woher kommt die Annahme, die Evolution müsse sich an rationalistischen Kriterien orientieren? Vielleicht evolviert das Leben (auch) zu anderen Erkenntniswegen?
Die Naturwissenschaften brauchen keine Religion, obwohl einige Phänomene mich immer wieder verleiten irgendwie doch an einen Schöpfer zu glauben.
Doch glaube ich, dass sich die Religiosität vielmehr aus sozialen Zusammenhängen ergibt, aus Gefühlen, die Menschen zu einander entwickeln. Sowohl in Glücksmomenten als auch im Leid kann Religion gelebt oder gespürt werden. Besonders angesichts des Sterbens lieber Menschen habe ich die Religion als sehr hilfreich empfunden.
Und solche Situationen wird auch keinem naturwissenschaftler erspart.
Drei weitere Fragen und meine Meinung dazu:
1. Ist nicht "Gott" ein von Menschen eingefuehrtes "soziales" Konzept, das keineswegs primaer dazu erfunden wurde, um die physikalische Welt, die Natur zu erklaeren, dass also auch nicht in diesem Sinn zweckentfremdet benutzt werden sollte?
Falls das so ist und "unendlich viele Universen" zu viele sind, muss es eine andere Erklaerung geben - und hat es bisher auch immer. Liebe kann man natuerlich biochemisch oder evolutionsbiologisch erklaeren oder auch poetisch (wie im Hohelied, ein eigentlich nicht-religioeser Text), was einfach verschiedene Ebenen der Erkenntnis sind (wie klassische und Quantenmechanik in der Physik etwa). Die nichts-als Frage ist daher nicht ganz fair gestellt. Ockhams Rasiermesser setzt eine Welt voraus, in der meine Position, mein Sein durch meine Einstellung zu einem (christlichen) Gott definiert wird. Das widerspiegelt die Welt, in der Ockham lebte, aber ist das noch unsere?
2. Ist Religion tatsaechlich immer evolutionaer von Vorteil?
Ich bezweifle diese These, soweit sie die im Moment verbreitesten monotheistischen Spielarten von Religion betreffen. Sie haben allesamt sehr einflussreiche lebens- und erkenntnisfeindliche fundamentalistische Auspraegungen gefunden. Im Herrschaftsbereich dieser Religionen ist die Zerstoerung der natuerlichen Lebensgrundlagen der menschlichen Art und damit deren Selbst-Ausrottung durchaus wahrscheinlich geworden. Das ist nicht gerade "Erfolg".
3. Meine eigentliche Frage ist: Wie kann Wissenschaft dazu beitragen, ein stabiles dynamisches Gleichgewicht des Lebens auf der Erde wieder her zu stellen?
Im Rahmen der dominierenden Religioesitaeten der letzten 2-3 Jahrtausende hat sie allermeistens die Strategie des exponentiellen Wachstums unterstuetzt, mindestens nicht verhindert - im Gegensatz zu einigen religioesen Kernaussagen sozialer Art wie z.B. der Bergpredigt.
Fazit: Wir (als Wissenschaftler) brauchen keinen Gott, um die physikalische Welt zu erklaeren, aber wir sollten auf ein paar u.a. in religioesen Texten formulierte Erfahrungen hoeren, um als Art weiter "evolutiv erfolgreich" zu sein.
Mal sehen, ob ich meine Gedanken halbwegs verständlich in Worte packen kann...
Im großen und ganzen gibt es 2 Bereiche, die (noch?) nicht von den Naturwissenschaften vollständig erklärt werden können (die deswegen für Religionen interessant sind), darauf zielen die ersten beiden Fragen ab.
1.) der Ursprung unseres Universums: wie kam es zum Urknall? Wieso haben die Naturkonstanten die Werte die sie haben?
Hier fehlen uns einfach noch einige physikalische Kenntnisse, deshalb kann man schwer einschätzen, welche Theorie nun einfacher ist (Gott oder kein Gott?). Dennoch: Ich denke, man kann auch mit relativ wenigen physikalischen Zusatzannahmen eine große Anzahl an Universen erschaffen, und bei Ockhams Rasiermesser ist meiner Meinung nach die Anzahl und Komplexität der Hypothesen entscheidend - eine gewisse "Verschwendung" von Universen, nur damit eines zufällig Leben hervorbringen kann ist also kein Problem.
2.) Leben, Bewusstsein etc.: Hier sind die entscheidenden Naturgesetze bekannt, aber da z.B. unser Gehirn in seinem Aufbau so kompliziert ist, blickt einfach noch keiner so recht durch, wie Musik eine derartige Wirkung auf uns haben kann oder wie es kommt, dass wir Gefühle wie Liebe empfinden können. Wenn das alles irgendwann restlos geklärt ist, finde ich, sollte man auch hier das Rasiermesser ansetzen. Dann ist eben Liebe = Biochemie, aber das muss ja nicht unbedingt gleich abwertend sein. So wissen wir heute zwar genau, wie es im Zentrum unsere Galaxie aussieht, wir haben aber allenfalls ein paar Ahnungen, warum wir lieben können - so profan wird Liebe also wohl auch dann nicht sein, wenn sie erklärbar ist (Gott sei Dank ;-).
zu 3.) Ich muss zugeben, ich kann nicht ganz folgen... Aber ich würde Ockhams Rasiermesser nicht als Welterklärung benutzen, sondern nur als Richtlinie, wie ich mein Weltbild aufbaue: Wenn ich mich zwischen zwei Theorien nicht entscheiden kann, weil sie die gleichen Vorhersagen treffen wähle ich die einfachere - und zwar nicht, weil diese dann unbedingt korrekt ist, sondern weil es mir meine Arbeit bedeutend erleichtert. Wenn es die Falsche Theorie war merke ich das schon irgendwann, und erst dann ist die Zeit gekommen eine andere Theorie zu wählen.
Pabst Benedikt XVI. schrieb in seiner letzten Enzyklika ´Spe Salvi´ (Gerettet durch Hoffnung): "Auch wer nicht an Gott glaubt, solle so leben, als ob es Gott gäbe."
Er spricht damit ein wichtiges Problem an:
Wir brauchen nicht an Gott zu glauben - aber wir brauchen ein stabiles Wertesystem, damit unsere sozialen Gesellschaften überlebensfähig bleiben.
Zur Zeit sind es Kirchen und Glaubensgemeinschaften, welche als moralische Instanz das Mitteinander regeln und Werte vermitteln. Solange es aber keine anderen Strukturen gibt, welche diese Aufgaben übernehen können, sind Religionen notwendig.
Damit ergibt sich auch für Wissenschaftler: sie brauchen keinen Gott, aber sie brauchen die Religion.
Die Diskussion zeigt wohl, dass man Ockhams Razor je nach Standpunkt als Argument für oder gegen Gott verwenden kann. Das bringt uns also nicht unbedingt weiter.
Du hast mit Liebe, Musik und Poesie/Lyrik/Prosa ein paar schöne Beispiele gebracht, Michael, die gut den Kern des Themas verdeutlichen: So ist Poesie mehr als eine Verkettung von Buchstaben; es ist etwas das "darüber" bzw. "zwischen den Zeilen" steht. Ich finde Gefallen an der Idee, dass Gott in ähnlicher Weise etwas ist, was über der Naturwissenschaft steht. Die Naturwissenschaften diktieren die Regeln, wie die Natur funktioniert; über diesen Regeln steht Gott. Als Transzendenz Gottes könnte man auffassen, dass er außerhalb der Naturwissenschaften steht. Damit ist er auch nicht naturwissenschaftlich erklärbar und in diesem Sinne irrational.
Ich persönliche erkenne Gott in der Schönheit und Einfachheit der Naturgesetze, in der phantastischen Verzahnung eines komplexen Räderwerks, das auf wenigen naturwissenschaftlichen Prinzipien basiert. Ich favorisiere den Pantheismus, weil ich Gott in jedem Sonnenaufgang, jedem grünen Baum, jedem lachenden Kind, jedem funkelnden Stern erkenne.
Ich glaube nicht, dass man jemals Liebe zu einer Person, zur Musik, zur Literatur etc. naturwissenschaftlich erklären können wird, weil diese Form emotionaler Erfahrung grundsätzlich außerhalb der Naturwissenschaften liegt. Das ist meines Erachtens auch gut so und macht unser Leben zu einer einzigartigen Erfahrung aus Rationalität und Irrationalität.
Beste Grüße,
Andreas
Es wird ja im Beitrag schon angedeutet: weniger methodischer Atheismus, sondern eher Naturalismus ist Voraussetzung für wissenschaftliche Forschung, die überprüfbare/falsifizierbare und weiter zu entwickelnde Erkenntnisse über die Realität bringt. Auch gläubige Wissenschaftler gewinnen ihre Erkenntnisse "naturalistisch", indem sie von nachweisbaren Kausalzusammenhängen ausgehen, die erforscht werden können. Dass man dahinter dann durchaus immer noch einen Gott postulieren kann, ändert IMO daran zunächst nichts. Die aktuellen Standardargumente, die immer wiederkehren, sind der Urknall (bzw. was davor war) und der menschliche Geist. Da dafür (noch) keine ausreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen, wird hier von Gläubigen dann Gott eingeschoben. Die Preisfrage für mich ist dann aber: wenn beides irgendwann naturalistisch erklärt werden könnte, würden die Betreffenden dann sagen "Gut, dann muss ich jetzt doch anerkennen, dass es keinen Gott gibt"? Ich kann es mir schwer vorstellen und gehe erfahrungsgemäß davon aus, dass der Torpfosten einfach wieder ein Stücken weiter verschoben wird. :-)
Um Gott in die Forschung einbeziehen zu können, wären IMO zunächst Definitionen notwendig, die nicht tautologisch und/oder erkenntnisbringend wären. Ein allmächtiges Wesen, dass keinerlei Gesetzmäßigkeiten unterliegt, ist im logischen Sinne tautologisch und kann gleichzeitig alles und nichts erklären.
Mich würde auch interessieren, wie der im ersten Beitrag von Herrn Heichele angesprochene methodische Agnostizismus aussehen soll, bzw. wie er sich vom bisher geschilderten unterscheidet. Ein Atheist würde sagen: "Ich habe keinerlei Hinweise auf Gottes Existenz und wüsste daher auch nicht, wie ich ihn in der Forschung berücksichtigen sollte" und ein Agnostiker "Ich KANN keine Erkenntnisse über Gottes Existenz haben und ihn daher auch nicht in der Forschung berücksichtigen" (und ein Theist evtl.: "Ich habe Erkenntnisse, die für mich die Existenz Gottes nahelegen, aber ich weiss nicht, wie ich sie in der Forschung berücksichtigen sollte"). Ich sehe da keinen fundamentalen Unterschied, auch ein Agnostiker glaubt ja nicht an die Existenz Gottes. Daher erübrigt sich auch:
"Ich denke, daß ein guter Wissenschaftler immer Agnostiker ist und sein muß. Wer Atheist ist, biegt zu schnell ab und neigt zum Größenwahn" (sic!)
Man kann sich ja gerne darüber beschweren, dass die Naturwissenschaft Gott in ihrer Methodik nicht berücksichtigt, aber dann müsste man eben auch ein gleichwertiges oder besseres alternatives System anbieten, dass dies tut und gleichzeitig in vergleichbarer Weise nachprüfbare Erkenntnisse über die Realität generieren kann.
"auch ein Agnostiker glaubt ja nicht an die Existenz Gottes"
Falsch! Ein Agnostiker kann durchaus an Gott GLAUBEN -nur WISSEN kann er darüber nichts. (vgl. Kant als Agnostiker, der dem Glauben Platz machen wollte, Glaube als praktische, aber nicht reine Vernunft). Desweiteren wird zwischen starken und leichten Agnostizismus unterschieden. stark: ich kann nie darüber etwas wissen. leicht: ich kann zunächst darüber nichts wissen.
"Wer Atheist ist, biegt zu schnell ab und neigt zum Größenwahn" (sic!)"
Dieser, von mir geschriebene Satz, bezieht sich auf jene, die sich in Religions- und Geisteswissenschaften zu Wort melden (vgl. Hirnforschung als "Leitdisziplin" Metzinger, Roth, Singer) Hier werden möglicherweise (nach Abzug verkürzter Darstellung in den Medien) voreilige Schlüsse gezogen. Denn das Hirn ist bereits etwas Vorgestelltes! Die Frage bleibt dabei: mit welchem Hirn, mit welcher Philosophie trete ich an ein anderes Hirn heran?
...dann sollte ich korrekter formulieren, dass ein Agnostiker in der Regel nicht an Gott glaubt (zumindest in der westlichen Welt, es gibt ja auch beispielsweise Taoisten).
Im Hinblick auf Frage, ob es einen methodischen Unterschied macht, ist das jedoch irrelevant, weil das Problem der fehlenden Erkenntnismöglichkeit ja trotzdem besteht.
Die Unterscheidung stark/schwach müsste man im Hinblick auf den Atheismus dann ebenfalls machen.
"Hier werden möglicherweise (nach Abzug verkürzter Darstellung in den Medien) voreilige Schlüsse gezogen."
Skepsis gegenüber zu weit reichenden Schlüssen ist sicher angebracht, aber ich habe oft eher den Eindruck, dass ein "eine naturalistische Erklärung des Bewusstseins/Geistes darf einfach nicht sein" die Reaktion ist.
"Denn das Hirn ist bereits etwas Vorgestelltes!"
Inwiefern?
""eine naturalistische Erklärung des Bewusstseins/Geistes darf einfach nicht sein" die Reaktion ist"
Das mag oft der Fall sein, aber da halte ich es immer mit Nietzsche: der Skeptiker ist der einzige anständige Typus in der Geschichte der Philosophie. Daher eben auch Agnostiker, denn er zieht sowohl den Atheismus als auch den Theismus in Zweifel und klebt nicht an dahergelaufenen Glaubenssätzen und schon gar nicht an Möchtegernpropheten, egal, welcher Glaubensrichtung sie auch angehören mögen!
"Denn das Hirn ist bereits etwas Vorgestelltes! Inwiefern?"
"Es gibt nur eine Hand, die eine Erde fühlt, ein Auge, das eine Sonne sieht" (Schopenhauer) Was heißt das? Das heißt, um es mit Kant zu sagen, daß das Hirn mir *erscheint* und das Hirn als Gegenstand erst durch meine Interpretation an Bedeutung gewinnt. Ich muß also, um redlich zu bleiben, mein eigenes Denken, meine eigene Philosophie hinterfragen, um am Hirn forschen und die richtigen Schlüsse ziehen zu können.