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Die Erde eine Scheibe - lehrte die Kirche das je?

von Michael Blume, 15. November 2008, 21:32

Wir Menschen neigen zu Vorurteilen und trennen uns ungern von ihnen - taugen sie doch so schön zur Abwertung Fremder und Früherer und schmeicheln damit unserem Selbstbild von Identität und "Fortschrittlichkeit". So entstand in der europäischen Aufklärung das mächtige Vorurteil eines "finsteren Mittelalters" (in Englisch: Dark Ages!) zwischen Antike und Renaissance (in Französisch: Wiedergeburt!). Und als griffiges Symbol und Spottbild dafür stand "die Kirche", die angeblich die Scheibenform der Erde gelehrt und Andersdenkende verfolgt habe. Und so flüstert noch Gerard Depardieu im Film "1492" als Columbus seinem Sohn nur verschwörerisch zu, dass die Erde eigentlich eine Kugel sei...

Das Problem mit diesen Stereotypen ist nur: Sie sind grottenfalsch. Das Mittelalter war keineswegs pauschal eine Epoche des Rückschritts, wie die Neuauflage eine der schönsten Spektrum-Sonderausgaben ("Forschung und Technik im Mittelalter") zeigt.

Die Kirche lehrte die Erde - als Kugel 

Und: Die Kirche lehrte in ihrer Gesamtheit, offiziellen Lehre oder auch nur Mehrheit nie, dass die Erde eine Scheibe sei. Zwar gab es Einzelstimmen, die dafür plädierten und andere Gelehrten enthielten sich lieber der Aussage - aber die gebildete Mehrheit hielt an der antiken Lehre einer kugelförmigen Welt fest. Nicht nur in Wissenschafts-, sondern auch in Predigtbüchern für die Landgeistlichen wurde darauf verwiesen, dass die Erde "wie ein Apfel" beschaffen sei. Das über Jahrhunderte bekannteste Astronomiebuch war das im 13. Jahrhundert erschienene "Liber de Sphaera" - das "Buch der Kugel". Und als Columbus zu seiner Reise aufbrach, gab es auch schon Globen - die älteste heute noch erhaltene war just 1492 - vor der Fahrt des Kolumbus - in Nürnberg von Martin Behaim fertig gestellt worden.

Bekannt ist all dies unter Historikern seit Jahrzehnten, aber populäre Vorurteile sind schwer zu überwinden. Und so soll es auch noch heute sogar Lehrer geben, die ihren Schülern die Mär vom furchtlosen Columbus erzählen, der gegen die kirchliche Lehre mutig bezweifelt habe, dass man von der Erde fallen könne. Tatsächlich wusste Columbus von der Kugelform u.a. von Kardinal Pierre d'Ailly (1352-1420), dessen Buch er besaß...

Lesetip: Rudolf Simek, Kugel oder Scheibe? Das Bild von der Erde im Mittelalter, Spektrum der Wissenschaft Highlights 3/2008, S. 20 - 24





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Kommentare

  1. Gerhard Mentzel Im heutigen Weltbild "Wort" wahrnehmen
    16.11.2008 | 08:37

    Vielen Dank Herr Dr. Blume für den Beitrag,

    hier wird wieder deutlich, um was es auch mir geht. Dem "Glaube" wird ständig unterstellt, er würde von einem Weltbild ausgehen, das längst überholt sei.

    Doch genau dieses Problem ist m.E. durch kirchliche Verkündigung selbst verursacht, wird auch durch viele kreationistische Vorstellungen, wundersame Lehren bzw. leer gewordene Dogmatik... gestärkt. Automatisch wird so aus einem vernünfigen Schließen auf kreative=schöpferische Bestimmung ein "Glaube" an Unglaubwürdigkeiten.

    Mit meiner ständigen Bezugnahme auf eine "kreative=schöpferische Vernunft" am Grund des monotheistischen und christlichen Glaubens will ich eigentlich nur deutlich machen, dass es am Anfang nicht darum ging, die Welt zu erklären, sondern aus einer damals logischen Welterklärung eine schöpferische Bestimmung (Wort Gottes)abgeleitet wurde, die menschlich zu verwirklichen war. (Auch wenn das wieder mit Religionswissenschaft im engeren Sinne nichts zu tun hat, sondern mit Theologie.)

    Doch hilft es daher wirklich weiter, wenn wir nur nachweisen, dass die Kirche die Erde als Kugel erkannte? Wird nicht mit jeder völlig über- bzw. unnatürlichen Glaubensaussage das wieder auf den Kopf gestellt?

    Ich denke: selbst wenn sich die Kirche auf das logische Zusammenspiel allen Werdens auf einer Scheibe als schöpferischer Wirklichkeit bezog, dann hatte dies seine Berechtigung, solange dies das allgemeine Weltverständnis des Wissens war.

    Wäre es danach heute nicht dringend not-wendig, im derzeitigen Weltverständnis (beispeilspielsweise der Evolutionsbiologie, die als eine umfassend Erklärung gilt) eine schöpferische Bestimmung abzuleiten? (Auch wenn dies wieder mehr ist, als Religionswissenschaft zu leisten vermag.)

    Gerhard Mentzel

    Übrigens:
    Auf der Fachtagung in Stuttgart ging es diesmal u.A. um Spitzenleitsungen im Team. Erfolgreiche Trainerausbilder bzw. Hochschullehrer und Sportler machten klar, dass eine gemeinsame Vision, ein gemeisames Ziel, dem sich alle unterordnen, sich dabei gegenseitig vertrauen und akzepieren... für gemeinsames Gelingen unabdingbar sei.

    Ich habe wieder meine sonderbare Art von Religionswissenschaft betrieben. Hab darüber nachdedacht, warum es dann eigentlich logisch ist, was derzeit beim Bankenkrach, der nicht funktionierenden freien Weltwirtschaft beklagt wird, beim Kommunismus vorher schon kar war.

    Wir brauchen gemeinsame höhere Ziele, verständliche Bestimmung, berechtigte Visonen... Mit Ideologien, politischen Parolen ist es so wenig getan, wie mit leerer Glaubenrhetorik... So lässt sich ein nicht nur Gesamtleistung verhindernde, sondern Zukunft vernichtender Egoismus nicht verhindern(glaube ich - logisch begründen zu können.)

  2. Basty Castellio Scheiben-Kleister
    16.11.2008 | 20:36

    OK, das wusste ich auch nicht, dass im Mittelalter die Erde nicht als Scheibe gelehrt wurde. Dass sich in dieser Hinsicht relativ viel an antiker Naturerkenntnis durchhielt.
    Dabei müsste man gar nicht weit suchen. Mit ein paar Suchwörtern findet man im Internet schnell Einschlägiges. Man kommt da schnell auf Namen wie Rudolf Simek, Reinhard Krüger und Philip Wollf.
    Ganz nett, diese Nachricht. Es hat Appetit gemacht; aber die Sache könnte auch gegessen sein.
    Dann aber bleibt ein schaler Nachgeschmack: Geschichten, die von naturwissenschaftlicher Seite mit antireligiösem Interesse aufgebracht werden, werden anscheinend u.U. noch leichter geglaubt als entsprechende religiöse Geschichten. Bei Letzteren hat man sich doch hoffentlich angewöhnt, nach dem erkenntnisleitenden Interesse derer zu fragen, die solche Geschichten aufbringen. Aber bei den von Wissenschaftlern aufgetischten? Die halten sich vielleicht besonders stabil, insoweit man ihnen dieselbe Genauigkeit unterstellt wie man wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zutraut. Und Naturwissenschaftler spüren vielleicht, dass sie mit Geschichten ganz gut ankommen; es gab schon manche, die mehr zu Geschichtenerzählern mutierten. Sie können sich ja als Bestseller-Autoren bestens verkaufen.

    Für mich heißt's wieder einmal: Auf allen Seiten, besonders wenn es "Weltanschauliches" tangiert, sollte man nach den (erkenntnisleitenden) Interessen sehen, die hinter den verschiedenen Aussagen und Erzählungen stehen.
    Übrigens, um es mal so zu pointieren, hing die Entwicklung des richtigen Weltbildes auch im Mittelalter und der frühen Neuzeit eher von der Größe der Schiffe und von gewissen Handelsbedingungen ab (also auch von wirtschaftlichen Interessen) als von (förderlichen oder hinderlichen) kirchlichen Doktrinen. Wirtschaftsgeschichte gehört mitten hinein in die Geistesgeschichte.

    Basty

  3. Fabian G. Lehrer - Nachhilfe
    17.11.2008 | 09:23

    Danke für diesen Artikel! Ich habs auch geglaubt.

    "Und so soll es auch noch heute sogar Lehrer geben, die ihren Schülern die Mär vom furchtlosen Columbus erzählen, der gegen die kirchliche Lehre mutig bezweifelt habe, dass man von der Erde fallen könne."

    Ja, die gibt es. Ich drucke meinem diesen Text hier gleich mal aus und schaue, ob wir das Spektrum-Heft in der Bibliothek haben. Es ist ja schon erschreckend, was uns Schülern so teilweise als Schulwissen vorgesetzt wird!

  4. ali Plausibilität
    17.11.2008 | 15:14

    Ich bin immer wieder fasziniert wie weitverbreitet dieser Mythos ist. Die diversen Kirchen sollten sich vielleicht dies zu Herzen nehmen und sich überlegen warum dieses Vorurteil vielen so plausibel erscheint. Wenn es die Aufklärung war, die sich von der vorhergehenden Epoche absetzen wollte, warum funktioniert diese Identitätsbildung von Aufklärung gegenüber der Religion so gut? Im Kern gibt es ein durchaus relevantes Problem wie ich vermute, eine gewisse Form von Wissenschafts- oder vielleicht Fortschrittsfeindlichkeit in einigen religiösen Strömungen (gerade die katholische Kirche trägt nach wie vor viel zu diesem Image bei).

    Übrigens finde ich nicht nur 'Dark Ages' eine verräterische Namensgebung für diese unterschätzte Epoche. Auch Mittelalter sagt doch eigentlich vieles. Eine so lange andauernde Epoche die sich darüber definieren soll was vorher war und nachher kam? Diese 'Pause' ist verdächtig lange.

  5. Michael Blume @ G.M.: Danke
    17.11.2008 | 17:37

    Lieber Herr Mentzel,

    ja, inzwischen gelingt es mir, Ihren Überlegungen etwas weiter zu folgen. Sie haben m.E. schon Recht: Es ist ja die Aufgabe von Theologie(n) und Philosophie(n), das Sein zu deuten und zum Sollen hin auszulegen. Empirische Wissenschaften (wie die Religionswissenschaft) sind dagegen in erster Linie "nur" dazu da, das Sein (und meinetwegen auch: Werden) möglichst vertieft zu beschreiben.

    Dass (auch) die Kirche sich für neue, empirische Erkenntnisse offen hält und diese gleichzeitig im Hinblick auf Bestimmungen durchdenkt und auslegt, scheint mir daher ein schlüssiges Anliegen.

    Herzliche Grüße

    Michael Blume

  6. Michael Blume @ Basty: (Re-)Konstruktion
    17.11.2008 | 17:40

    Lieber Basty,

    naja, gerade Geschichtsschreibung ist immer Auswahl und Konstrukt und nicht umsonst lautet eine Faustregel, dass die jeweiligen "Sieger" hier stärker Stempel durchdrücken. Und parallel zur (m.E. berechtigten!) Emanzipation der Naturwissenschaften scheint es zu einer auch anekdotischen Abwertung der Kirche(n) gekommen zu sein, die diese womöglich sogar teilweise selbst übernommen haben. Ich würde daraus nicht ableiten, dass wir gegenüber allen mißtrauisch sein sollten - aber wohl, dass wir stets auch die andere Seite der Story hören sollten... Dafür ist m.E. wirklich erkenntnissuchende Wissenschaft doch da!

  7. Michael Blume @ Fabian G.: Zu Lehrern
    17.11.2008 | 17:44

    Lieber Fabian G.,

    danke für die Rückmeldung. Und klasse, wenn Informationen auch in die Schulen wirken.

    Mir schienen aber allzu pauschale Vorwürfe gegen "die Lehrer" unbegründet. Diejenigen, die ich kenne, bestreiten ja gar nicht, dass jedes Wissen endlich ist und dass auch sie selbst bestimmte (oft: kirchenkritische) Prägungen ihrer Jugend unbewusst fortschreiben. Wahrscheinlich werden meine und Ihre Generationen eben andere blinde Flecke produzieren.

    M.E. können wir also kaum verlangen, dass in den Schulen nur "wahres" Wissen vermittelt wird - sondern dass Schülerinnen und Schüler lernen, mit der Falsifizierbarkeit jeder Erkenntnis und erst Recht jedes Alltagswissens umzugehen. Die beliebte Wandersage von der kirchlichen Scheibenlehre wäre m.E. ein wunderbares Beispiel, an dem man die Wirkung von unhinterfragten Stereotypen auch unter Gebildeten aufzeigen kann!

    Mit herzlichen Grüßen

    Michael Blume

  8. Michael Blume @ ali: Zustimmung
    17.11.2008 | 17:54

    Lieber ali,

    da sind wir einer Meinung! Das Problem mit der Herabwürdigung Früherer ist ja weit verbreitet - so werden in der Öffentlichkeit Neandertaler immer noch mit dümmlichen, grunzenden Grobianen assoziiert, was sie nach Stand der Wissenschaft definitiv nicht waren!

    Aber im Gegensatz zu den Neandertalern sind ja Vertreter der Kirchen heute unter uns, sie haben Medien, halten Lehrstühle an den Universitäten etc. Da frage ich mich schon, warum da häufig so eine defensive Haltung vorzuherrschen scheint - selbst dann, wenn es um so ureigene Themen wie das Verhältnis zu Wissenschaft und Fortschritt geht. Warum glauben offenbar auch viele Kirchenvertreter, ihre Vorläufer hätten die Erdscheibe gelehrt?

    Klar, aus der Perspektive evolutionärer Religionswissenschaft ist das zunächst schon verständlich: In Religionen speichern sich Lehren und Ordnungsvorstellungen, die sich im religionshistorischen Wettbewerb bewährt "haben" - also eine gewisse Skepsis gegenüber stets neuen Herausforderungen liegt da nahe. Aber das sollte keine Entschuldigung sein, sich auch in Gebieten zu verkriechen, wo kein Grund zur Angst besteht. Und wenn jemand an den Schöpfer des Universums glaubt, ist doch m.E. Furcht vor Naturwissenschaft eigentlich widersinnig...

    Danke für den Beitrag und herzliche Grüße!

    Michael

  9. Michael Blume @ ali: Ergänzung Zeiteinteilung
    17.11.2008 | 17:58

    Übrigens finde ich nicht nur 'Dark Ages' eine verräterische Namensgebung für diese unterschätzte Epoche. Auch Mittelalter sagt doch eigentlich vieles. Eine so lange andauernde Epoche die sich darüber definieren soll was vorher war und nachher kam? Diese 'Pause' ist verdächtig lange.

    Wollte auch hier noch zustimmen. Natürlich gab es nach dem Untergang des (west-)römischen Reiches und der Völkerwanderung kulturelle und zivilisatorische Rückschläge - aber auch diese fielen ja von Irland bis Byzanz regional unterschiedlich aus. Dass es in den Jahrhunderten "zwischen" Antike und Renaissance (wie geschrieben: Wiedergeburt!) kaum nennenswerte Entwicklung gegeben habe, mutet doch sehr seltsam an. Dennoch haben es viele geglaubt bzw. glauben es noch...

  10. Basty Castellio Noc h mal, eine Scheibe abschneiden...
    17.11.2008 | 21:11

    Ja, also bis dato unterstellte ich eben relativ gedankenlos, dass die mittelalterliche Kirche eben auch relativ gedankenlos die Vorstellung von einer Scheibe hatte. Sagte ich ja schon so ähnlich.
    Jetzt dazu: Ich hätte das auch nicht für weiter schlimm befunden; schlimm wäre es erst gewesen, wenn sie dieses zur Glaubensdoktrin gemacht hätte. Aber es war ja wohl nie wirklich DAS Thema DER Kirche. Noch einmal, um auf wirtschaftliche Zusammenhänge anzuspielen: Bevor die Schiffe groß genug waren (und während in China anscheinend sogar die Überseeschifffahrt vom Kaiser untersagt war - las ich mal bei Jared Diamond), war es schließlich nicht so furchtbar wichtig, welche Form die Erde hat - Hauptsache, die Navigation war über die Gestirne zu managen. (Daher übrigens auch anscheinend - gegenüber Galilei ff - Widerstände der Navigationspraktiker gegen das ihnen reichlich theoretisch anmutende heliozentrische Weltbild).
    Auch dazu kann man zum Vergleich die evolutionäre Erkenntnistheorie heranziehen: Korrekte Erkenntnis ist nicht so wichtig (gewesen)
    wie praktikable Erkenntnisse.
    Und dann darf man durchaus auch zugestehen, dass es diese Vorstellung von der Erdscheibe selbstverständlich in der Bibel, Altes Testament, gibt - auch wenn darin eine gewisse Entwicklung sichtbar ist (Säulen, auf denen die Erde ruht -> Die Erde frei über dem Nichts aufgehängt). Dass es solche Vorstellungen gab, ist ja nicht weiter schlimm. Man teilte sie in der vorptolemäischen Zeit wohl mit allen. Schlimm wäre es erst, wenn das Denken dann stehen bliebe (und zum unerschütterlichen Stand-Punkt erstarrte). Und schlimm wäre es, wenn man irgendeinen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis zur Glaubensdoktrin erheben würde. Was heißt "würde"...?

    Basty

  11. Luchs kein Betreff
    18.11.2008 | 15:04

    Meines Wissens haben alle christlichen Kirchen bis weit ins 18. Jahrhundert gelehrt, dass die Bibel ohne Fehler sei. Und in der Bibel lesen wir nun einmal vom Erdkreis, von den Grenzen des Erdkreises, dass Gott über dem Erdkreis thront und dass das Sternenzelt über dem Erdkreis aufgeschlagen ist. Selbst wenn das Wort Erdkreis besser mit Erdenrund übersetzt wäre, spechen die verwendeten Methaphern doch klar von einem Kreis und nicht von einer Kugel.

    Wann setzte sich die wissenschaftliche Erkenntnis von der Erdenkugel, die wohl ursprünglich im polytheistischen Griechenland entstand, denn erstmals in den monotheistischen Religionen durch?

    mfg
    Luchs

  12. Michael Blume @ Luchs
    18.11.2008 | 15:29

    Danke für Ihre Frage!

    Die Lehre von der Verbalinspiration und nicht auslegbaren "Irrtumslosigkeit" der Bibel entstand im 19. Jahrhundert im Bereich des (sich selbst so nennenden) protestantischen "Fundamentalismus".

    Sowohl die Theologien in Judentum, Christentum wie Islam vertraten praktisch seit ihrem Bestehen, dass die Heilige Schrift ausgelegt werden müsse - denken wir an den jüdischen Talmud, die Vielzahl islamischer Rechtschulen usw. Dass es z.B. in der Genesis (1. Moses) zwei Versionen der Schöpfungserzählung gibt und verschiedene Verse des Koran je vor dem Hintergrund ihres situativen Erscheinens ausgelegt werden müssen, beschäftigte schon früheste Theologen der jeweiligen Religionen.

    Dass die Erde eine Scheibe sei, war "nie" offizielle, kirchliche Lehre, denn schon die Antike wusste von der Kugelform. Eine differenzierte Geschichtsschreibung wird (auch für heute) ein ständiges Ringen wissenschaftsfreundlicher und -feindlicher Bewegungen innerhalb der Weltreligionen attestieren - das Klischee von "den Religionen", die sich "gegen die Wissenschaft" gestellt hätten, ist jedoch falsch.

  13. Basty Castellio Scheibchenweise was entdecken... @Luchs
    18.11.2008 | 17:17

    Irrtumslosigkeit gelehrt? Eine erste Antwort gab ja schon Michael Blume.
    Ich möchte ergänzen: Die ganze Bibel in ihrer Geschichte ist eine ständige Diskussion, in immer wieder neuer Interpretation sowohl der Traditionen als auch der jeweils aktuellen Erfahrungen. Den Theologen war das durchweg bewusst; deshalb geht's ähnlich in der Theologie-Geschichte weiter: These und Antithese, Spruch und Widerspruch...
    Natürlich hat man vieles zu gewissen Zeiten relativ naiv genommen; kann auch sein, dass immer wieder auch einige Theologen unterstellten, die Erde sei eine Scheibe. Natürlich kann man auch vom "Erdkreis" reden - so wie Sie vielleicht heute immer noch, völlig unwissenschaftlich, vom "Sonnenaufgang" reden. Das heißt aber nicht, dass da etwas zum Lehrsatz, zum Glaubensinhalt werden muss.
    Denn: Man hat immer auch zu unterscheiden gewusst, was in den Bereich der Glaubensaussagen gehört und was nicht - was hier wichtig und was unwichtig ist. Und man kann schon festhalten, dass meistens nur die Lehre von den sogenannten "heilsnotwendigen" Dingen verbindlich gemacht wurde.
    Dass die biologischen, physikalischen geologischen... Erkenntnisse dazu nicht gehören, hat man durchaus gewusst; und für sie oft schlicht das übernommen, was irgendwelche (anderen) Größen darüber wussten. Und das waren ganz wesentlich die griechischen Naturforscher und Naturphilosophen.
    Den Gegensatz, wie ihn heute gern manche hätten, gab es so nicht.

    Und das kommt hier mal wieder schön heraus, am Thema mit der Erdscheibe: dass es nicht so borniert "gelehrt" wurde, das ist, wie man im Internet leicht finden kann, bereits seit Jahren verschiedentlich schon erforscht worden und veröffentlich gewesen -- merkwürdig, dass sich das noch nicht rumgesprochen hat. (Hatte sich bis dato auch nicht bis zu mir herumgesprochen). Aber vielleicht kann man solche Zusammenhänge immer nur scheibchenweise entdecken...

    Basty

  14. Luchs kein Betreff
    18.11.2008 | 17:49

    "Dass die Erde eine Scheibe sei, war "nie" offizielle, kirchliche Lehre, denn schon die Antike wusste von der Kugelform."

    In der Antike wussten die Menschen in einigen Gebiten der Erde von der Kugelform der Erde, jedoch nicht in allen Gebieten. Meines Wissens belegen einige Formulierungen der Offenbarung, dass man damals im jüdischen Kulturrraum noch der alten Vorstellung der Mesopotamier anhing, dass die Erde eine Scheibe ist, die auf dem Wasser schwimmt.

    Die Lehre von der Fehlerfreiheit der Bibel darf nicht verwechselt werden mit der Lehre von der Interpretationsbedürftigkeit der Bibel. Oder wollen Sie jetzt versuchen, die Textstellen der Bibel, die von einer Erdscheibe sprechen, so zu intepretieren, dass die Menschen schon damals von der Kugelgestalt wussten ;-)

    mfg
    Luchs

  15. Michael Blume @ Luchs
    18.11.2008 | 22:56

    Die Lehre von der Fehlerfreiheit der Bibel darf nicht verwechselt werden mit der Lehre von der Interpretationsbedürftigkeit der Bibel.

    Genau. Denn wenn zugestanden wird, dass eine Heilige Schrift interpretationsbedürftig ist, dann bleiben Korrekturen an den Interpretationen (!) stets möglich, auch wenn man den Text selbst für göttlich offenbart hält. Genau das streiten Fundamentalisten und natürlich Extremisten ab: Sie behaupten, es gebe nur eine "klare" Lesart auch z.B. im Hinblick auf naturwissenschaftliche Fragen. Das ist aber eine sehr neuzeitliche Entwicklung - pauschal wissenschaftsfeindliche Fundamentalismen sind Reaktionen auf die Verunsicherungen durch die Moderne.

    Dagegen finden Sie, wie erwähnt, schon im Talmud Pro-Contra-Diskussionen zu den verschiedensten Textstellen und auch die frühchristliche Theologie rang bereits mit verschiedenen Interpretationen der biblischen Naturbeschreibungen. Eine einheitliche Ablehnung des schon (regional vorhandenen) antiken Wissens von der Kugelgestalt hat es nie gegeben, eher haben gelehrte Kirchenleute diese versucht auch bis zu den Landgeistlichen weiter zu vermitteln (s. oben), Geistliche wie Kardinal d'Ailly haben schon lange vor Columbus mit ihr gearbeitet, Theologen wie Nikolaus von Kues sogar über Leben auf anderen Planeten spekuliert.

    Oder wollen Sie jetzt versuchen, die Textstellen der Bibel, die von einer Erdscheibe sprechen, so zu intepretieren, dass die Menschen schon damals von der Kugelgestalt wussten ;-)

    Nein, natürlich nicht. :-)

    Die biblischen Texte entstanden selbstverständlich im Rahmen ihrer Zeit- und Kulturkreise, in Prozessen zunächst auch mündlicher Tradition, die Jahrhunderte überspannten. Aber schon das Nebeneinander zweier Schöpfungserzählungen im 1. Buch Moses darf als Hinweis dafür gelten, dass hier Überlieferungen verschriftet wurden, die eben nicht beanspruchten, wissenschaftliche Abhandlungen im modernen Sinne zu sein.

    Die Frage ist also nicht, ob Menschen als Interpreten heiliger Texte immer schon alles gewusst hätten - das ist natürlich nicht der Fall. Sondern die Frage ist, ob die religiösen Institutionen Europas und hier konkret die Kirche(n) eine geschlossen antiwissenschaftliche Position vertreten hätten. Und das ist ebenfalls nicht der Fall: Sie bewahrten das antike Wissen und entwickelten es teilweise sogar weiter - auch gegen (durchaus vorhandene) Widerstände in den eigenen Reihen. Und dass wir heute mit lateinischen Buchstaben und arabischen Ziffern darüber diskutieren können, verdanken wir auch ihnen. Ich finde, es zeichnet uns Menschen aus, dass wir liebgewordene Vorurteile auch überdenken und erbrachte Leistungen auch anerkennen können. :-)

  16. Luchs kein Betreff
    19.11.2008 | 11:31

    Sehr geehrter Herr Blume,

    vielen Dank für Ihre letzte Stellungnahme. Ich stimme Ihnen zu; es verbleiben m.E. keine diskussionswürdigen Behauptungen oder Ansichten.

    mfg
    Luchs

  17. Luchs kein Betreff
    19.11.2008 | 11:38

    "Sondern die Frage ist, ob die religiösen Institutionen Europas und hier konkret die Kirche(n) eine geschlossene antiwissenschaftliche Position vertreten hätten."

    In diesem Zusammenhang wäre wohl eine Diskussion über das Heliozentrische Weltbild angebracht. Außerdem heißt es in einem Vers des Koran, dass weder die Sonne auf ihrer Bahn den Mond überholen dürfte, noch der Mond die Sonne. Egal ob man nun die tatsächlichen Bahnen oder die scheinbaren Bahnen am Himmel zu Grunde legt, die Aussage ist auf jeden Fall falsch.

    mfg
    Luchs

  18. Michael Blume @ Luchs: Vielen Dank!
    19.11.2008 | 21:42

    Vielen Dank für Ihre Fragen und Beiträge! Auch die Anregung mit dem geozentrischen Weltbild greife ich für einen Folgebeitrag gerne auf - denn auch dazu gab es schon im Mittelalter gerade innerhalb der Kirchen interessante Debatten und Vorentwürfe.

    Aber in einem anderen Punkt kann ich Ihnen nur zustimmen: Fundamentalistische Lesarten, die Heilige Schriften als naturwissenschaftliche Texte verstehen, sind wissenschaftlich klar falsifiziert! Erfreulicherweise aber hat es in den Synagogen, Kirchen, Moscheen und Tempeln eben stets verschiedene Lesarten gegeben, darunter auch solche, die wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt begrüßten oder sogar explizit förderten. Aber dazu, wie gesagt, mehr in kommenden Beiträgen - hier ging es ja zunächst schlicht um die Aufklärung des irrigen Vorurteils wonach die Kirche des Mittelalters die Erscheibe gelehrt habe.

  19. Noah Wissen und Wehren
    21.11.2008 | 19:00

    Zitate:

    Michael: "Dass die Erde eine Scheibe sei, war "nie" offizielle, kirchliche Lehre, denn schon die Antike wusste von der Kugelform."

    Luchs: "In der Antike wussten die Menschen in einigen Gebiten der Erde von der Kugelform der Erde, jedoch nicht in allen Gebieten."

    Kann sein, dass meine Frage ziemlich dumm ist, aber ich stolpere jedesmal über das Wort "wusste". War es wirklich ein Wissen, oder mehr eine (begründbare) Annahme, eine Hypothese? Wenn es Wissen war, wie wurde es damals belegt?

    [Und weil Luchs das heliozentrische Weltbild (war vlt. das geozentrische eigentlich gemeint?) ansprach, nur am Rande erwähnt: Als Kopernikus, Kepler, ... am Ptolemäischen Weltbild begannen zu rütteln, und es dagegen Widerstände in der Kirche gab, ließe sich das womöglich mit der heutigen Situation des Einbruchs der Hirnforschung in das Menschenbild und entsprechende - auch säkulare - Verwehrungen vergleichen - wenn auch noch offen ist, was an manchen Ergebnissen eigentlich wirklich "dran ist"?]

  20. Michael Blume @ Noah: Wissen
    22.11.2008 | 17:23

    Lieber Noah,

    vielen Dank für Deinen Beitrag und Deine Frage.

    Natürlich kann ich nur für mich sprechen - wenn ich von "wissen" schreibe, dann meine ich Erzählungen über Zusammenhänge, die sich an der Realität bewährt haben. Absolutes Wissen kann es m.E. nicht geben, da jede Theorie falsifizierbar bleibt - aber doch einen Erkenntnisfortschritt, indem gerade eben widerlegte durch immer stabilere Theorien ersetzt werden. Insofern würde ich schon sagen, dass die Annahme einer Kugelform gegenüber der Erzählung einer Erdscheibe einen Wissensfortschritt darstellt - und wiederum, dass Erkenntnisse über die Nicht-perfekte Kugelgestalt etc. weitere Schritte darstellen.

    Zur Frage, wie einige Denker der Antike zur Annahme der Kugelform gelangt sind, nennt Simek sowohl Alltagsbeobachtungen (wie das Abtauchen von Schiffen hinter dem Horizont) wie auch astronomische Beobachtungen (z.B. den runden Mondschatten bzw. umgekehrt die Sonnenfinsternis). Wir vergessen m.E. als Europäer auch manchmal, dass Kulturen wie die Babylonier bereits seit Jahrtausenden den Sternenhimmel beobachteten und komplexe Theorien dazu entwickelten. Auch Teile der Pyramiden, Stonehenge etc. stehen für eine intensive Beschäftigung mit der Gestalt der Gestirne und der eigenen Welt.

szmtag