Dankt Gott für die Evolution!
Mit diesem noch recht ungewöhnlichen Ruf ziehen der evangelische Wanderprediger Michael Dowd und seine Frau, die Evolutionsbiologin Connie Barlow, seit einigen Jahren durch kirchliche und säkulare Einrichtungen der USA. Und mit der Veröffentlichung des gleichnamigen Buches "Thank God for Evolution", das von namhaften Vertretern aus Wissenschaft (darunter mehreren Nobelpreisträgern) und Religionen begrüßt wurde, zieht seine Bewegung des "evolutionären Christentums" weitere Kreise - zum Ärger z.B. kreationistischer (die Evolutionstheorie ablehnender) Gruppen. Schauen wir uns also das Ganze doch einmal an.
Evolutionäres Christentum
Der Theologe Dowd bekennt sich als Christ, der jedoch die Befunde der Wissenschaft nicht nur passiv oder gar ablehnend auffaßt, sondern als "Offenbarungen Gottes" begrüßt und feiert. So ist für ihn die Evolution des Universums "The Great Story", die jedes Kind auf dem je neuesten Stand der Forschung lernen und feiern sollte, der Mensch entstand aus "Sternenstaub" und evolvierte zum "Teil des Universums, das sich durch ihn selbst erkennt". Die Heiligen Schriften sind für Dowd wertvolle Motivatoren und Ideengeber, die sich jedoch stets am wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt messen müßten, die Religionsstifter - allen voran Jesus - Vorbilder für ein Leben in "evolutionärer Integrität" in einem Dienst an der sich entfaltenden Fülle des Lebens.
So versteht Dowd beispielsweise die biblische Lehre vom "Sündenfall" vor dem Hintergrund der modernen Evolutionspsychologie. Sie sei eine kraftvolle Erzählung des Umstandes, das unsere über Jahrmillionen evolvierten Gehirnstrukturen Impulse (z.B. Gier, Untreue, Fremdenangst etc.) hervorbringen, mit denen wir in späteren Regionen wiederum ringen müssen (z.B. Großzügigkeit, Treue, Neugier). Zur Natur jedes Menschen gehöre also das ständige, ererbte Ringen mit dem realen Bösen und der Weg Christi sei ein Weg, nach "evolutionärer Integrität" zu streben. Gewalthaltige Bibelstellen fordert Dowd 1. vor dem jeweiligen historisch-politischen Hintergrund der Schreibenden zu verstehen und 2. als nicht mehr handlungsleitend zurück zu weisen. Jede religiöse Tradition, die im Fundamentalismus erstarre, entferne sich von Gott, der sich jeden Tag offenbare und nicht auf alte Texte reduziert werden könne. "Die Fakten sind Gottes eigene Sprache.", so Dowd. Wer sie zurück weise und stattdessen auf einem Gott bestehe, der z.B. auch Völkermord befehle, trenne die Menschen vom Schöpfer.
Entsprechend hofft er über die Erneuerung des Christentums hinaus auf eine "evolutionäre Spiritualität" und evolutionäre Lesarten des Islam, Judentums, Hinduismus, Buddhismus usw. Und er zog (natürlich) bereits mächtiges Zähneknirschen z.B. der Intelligent Design-Bewegung auf sich, berichtet aber von erfreulichem Zuspruch unter den vielen Millionen US-Amerikanern, die Religion und Evolution nicht für einen Widerspruch halten und die Kulturkriege endlich beenden wollen (CNN-Beitrag & Interview dazu).
Fazit
Als Religionswissenschaftler steht es mir natürlich nicht zu, theologische Qualitätsurteile zu treffen. Auch werden manchem deutschen Leser die spezifisch amerikanische Verbindung von Sachkapiteln und persönlichen Bekenntnissen, moralischen (v.a. auch ökologischen) Appellen und Spriritualitätsübungen, originellen Bildern und Zukunftshoffnungen sehr ungewohnt erscheinen. Kapitel für Kapitel werden protestantische und wissenschaftliche Sprachbilder zu einem Entwurf des evolutionären Theismus ineinander gewoben.
Andererseits eröffnet natürlich genau das Ungewohnte seinen Reiz. Hier wird einmal nicht der so häufige, defensive Stil zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern zelebriert (1. abstreiten, 2. für bedeutungslos erklären, 3. behaupten, es schon immer gewusst zu haben), sondern eine geradezu euphorische "Hochzeit zwischen Religion und Wissenschaft" gefeiert. Am ehesten besteht eine inhaltliche Tradition zu Teilhard de Chardin, der gewissermaßen mit Befunden moderner Wissenschaften verbunden und in den zeitgenössischen, evangelischen Hauskreis und die Unterweisung der Familien übersetzt wird. Wer also, ob religiös oder nicht, der üblichen Grabenkämpfe müde geworden ist und sich einmal ganz ungewohnt an- und aufregen lassen will, wird an "Thank God for Evolution" sicher jede Menge Freude haben. Spannend wird natürlich auch sein zu beobachten, ob und wie sich "evolutionäre" Lesarten des Christentums in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch tatsächlich entfalten.
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Hmm, was soll denn bei der "Hochzeit zwischen Religion und Wissenschaft" an Erkenntnis rauskommen? Für mich klingt das Ganze eher nach einen Versuch, Wissenschaft für Gläubige möglich zu machen. Das ist schön für die Gläubigen, der Wissenschaft bringt es aber, denke ich, keinen Fortschritt.
Hallo Stefan,
danke für die Anfrage! Ganz klar: Bei dem Buch geht es ums (weltanschaulich-religiöse) Deuten, nicht ums (wissenschaftlich-empirische) Beschreiben der Evolution. Die große Zustimmung auch aus dem Lager der Naturwissenschaft ist da auf den ersten Blick überraschend.
Mir scheint aber, dass es gerade auch Wissenschaftler in den USA begrüßen, wenn ihre Forschungen a) wohlwollend rezipiert und b) als wertvoll für die ganze Familie gefeiert werden. Michael Dowd zitiert z.B. naturwissenschaftliche Werke nicht nur, sondern ruft die Leute auf, z.B. Wissenschaftszeitschriften zu abonnieren (er nennt Nature und Science) und sich auf diese Weise mit den neuesten Erkenntnissen auseinander zu setzen, sie zu begrüßen. Er druckt sogar (mit Einwilligung des Autors) einen Brief von Richard Dawkins an seine Tochter ab. Aus der evolutionären Religionsforschung kommt v.a. David Sloan Wilson zu Wort.
Dass einige der Forschenden selbst auch diese neue Perspektive für sich als interessant, ermutigend, belebend o.ä. erlebt haben, könnte dazu kommen. Zumindest klingen einige der Endorsements so.
Herzliche Grüße!
Hallo Herr Dr. Blume,
schade, dass mein Englisch so schlecht ist, um mich mit Michael Dowd auseinander setzen zu können. Doch was ich bei Ihnen lese, lässt mich aufhorchen, entspricht genau meiner Denkweise. Nur gehe ich noch einen Schritt weiter, will in Auswertung des heute vorhandenen Wissens nachweisen, dass es im urchristlichen Glauben nicht um einen Guru ging, der als Gottessohn vergottet wurde, sondern die im evolutionären Verlauf zu erkennende kreative Vernünftigkeit, das Vernunftprinzip allen natürlichen Werdens das eigentliche Wesen des Neuen Testamentes ist: lebendiges Wort. Der moralische Abfall von der Schöpfungordnung hat danach eine kultische Vorgeschichte. Das gierig egoistische (schöpferisch unvernünftige) Fehlverhalten, die Sünde des Alltags hat danach eine kultische Vorgeschichte bzw. ist durch die Vergötzung überholter, falscher Götter bzw. Buchstaben/Gesetze bedingt.
Gerade lese ich bei einem ehem. Landesbischof, auch wenn der nur das Umfeld des Wanderpredigers mit Namen Jesus beschreiben will, wie der griechische Geist das gesamte Denken der Juden zur Zeitenwende bestimmte: "wie die Griechen einen Gedankengang im Gespräch zu entfalten suchten, so lernten nun die Juden, zu diskutieren und im Lehrgespräch den Wahrheit göttlichen Willens zu erfragen und zu klären... Wo vormals das jüdische Gesetze das Verhältnis zu Gott bestimmte, war es jetzt allein Jesus..."
Der uns in menschlicher Gestalt vermittelte Logos als schöpferisches Vernuftprinzip scheint mir die christliche Offenbarung zu sein. Eine natürliche Theologie oder gar evulutionäre Spiritualität greift zu kurz, wenn sie nicht an nicht an den bekannten Kultgrund anknüpfen kann.
Doch Dank Gott geht die Evolution weiter.
Gerhard Mentzel
Lieber Herr Mentzel,
in der Tat musste ich während des Lesens von Dowd sehr oft an Ihren Ansatz denken, die Überschneidungen sind offensichtlich. Sogar in der Deutung Christi würden Sie und Dowd sich wahrscheinlich vertragen. Vielleicht ergibt sich ja einmal eine deutsche Übersetzung von TGFE. Oder Sie versuchen sich doch einmal an der englischen Version.
Herzliche Grüße!
Ich hab mich auch schon gefragt, welche Motivation die Kreationisten wohl in ihre Position treibt. Vielleicht glauben sie ja, dass ein scharfes Profil gegenüber dem wissenschaftlichen Weltbild auf die Masse der Religiösen überzeugend wirkt?
Das hat nichts mit irgendwelchem Konkurrenzdenken zu tun. Die Evolution behauptet, alles ist zufällig entstanden. Somit ist auch jeder Mensch und das Leben etc. Zufall. Die Bibel behauptet, alles hat Gott geschaffen und somit ist jeder Mensch gewollt, eine Absicht Gottes und keine Laune des Zufalls.
... wäre ich von Michael Dowd begeistert. Weil er endlich - und offenbar als einer der ersten? - die richtigen, das heißt umfassenden Konsequenzen zieht aus dem Anwachsen des naturwissenschaftlichen Wissens in unserer Zeit.
Und ich glaube, ich kann auch als Nichtchrist von Michael Dowd begeistert sein. Denn überall, wo man offen ist für Neues, für neue Interpretationen des menschlichen Lebens und zumal vor dem Hintergrund des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Wissens, da geschehen viele interessante Dinge, unter anderem auch - - - hm, hm, hm!!! - NEUANPASSUNGEN an die durch die naturwissenschaftliche Entwicklung entstandene neue kulturelle Umwelt, in der der Mensch lebt.
Und das ist es doch, was uns am meisten zu schaffen macht aber zugleich so faszinierend ist, daß die Menschen "aus dem Tritt" gekommen sind, daß Gene und Kultur - allzu oft - nicht mehr so recht zueinander passen.
Es ist - MEINER Meinung nach - sogar eine Schande, daß es bis zum Jahr 2009 gedauert hat, bis man offensichtlich christlicherseits frei und offen und unbefangen und unkompliziert sagen konnte (hast Du eigentlich richtig übersetzt?): "Danke, Gott, für die Evolution." (Offenbar hat der englischsprachige Titel doch zwei Bedeutungen?)
Ja, so simpel kann man das manchmal ausdrücken, ohne allzu viele Dinge völlig falsch zu deuten. Und wenn man dazu erst Amerikaner werden muß, um so simple Sachen so simpel auf den Punkt zu bringen und um sich dann dafür zu begeistern, dann werde auch ich gerne Amerikaner.
Danke auch Dir, Michael, für den Hinweis auf dieses Buch.
- Ja, danken wir doch alle Gott für die Evolution. Nur so wird doch ein Schuh draus. Und wenn wir an Gott nicht glauben können (an "den" da, den Bärtigen), dann danken wir doch dem Weltall dafür, daß es uns hervorgebracht hat. Das ist nicht weniger schlecht.
Aber DANKBARKEIT - und darum scheint es ja hier vor allem zu gehen - DANKBARKEIT einer umfassenderen Ganzheit gegenüber ist ein wesentlicher Zug alles Humanen. Und diesen Charakterzug müssen ALLE immer wieder lernen, welcher philosophischen Weltdeutung man auch immer anhängt.
Das IST doch eine schöne Welt in der wir leben? Warum das nicht betonen? Warum darauf nicht den Schwerpunkt legen? Warum dafür nicht dankbar sein? Warum die Freude und die Einsatzbereitschaft zur ERHALTUNG dieser Welt nicht befördertn, bekräftigen?
Was könnte denn sonst überhaupt noch Sinn machen?
Ich hab mich auch schon gefragt, welche Motivation die Kreationisten wohl in ihre Position treibt.
Es scheint so zu sein, dass ein einfacheres Gottesbild (Gott = ein omnipotenter Übermensch, der an seinem Universum immer wieder nachbesser muss) intuitiv leichter zugänglich ist, als ein Gott, der sich (auch) über evolutionäre Selbstorganisation des Universums offenbart.
Vielleicht glauben sie ja, dass ein scharfes Profil gegenüber dem wissenschaftlichen Weltbild auf die Masse der Religiösen überzeugend wirkt?
Bisher ist das ja auch der Fall, quer durch alle Weltreligionen. Sowohl demografisch wie missionarisch zerbröckeln stets die liberaleren, wissenschaftlichen, gebildeten Mainline-Kirchen und Gruppen mit höherer Verbindlichkeit wachsen per Kinderreichtum und missionarischer Eindeutigkeit wieder nach. Bisher hat sich kein "dritter Weg" mit empirisch meßbarem Erfolg gefunden...
Lieber Martin,
da muss ich diesmal aber doch mal eindeutig widersprechen! :-)
Die Evolution behauptet, alles ist zufällig entstanden.
"Die Evolution" bzw. Evolutionstheorie behauptet nichts, sondern ist die Summe der empirisch beobachtbaren Fakten. Verknüpft und gedeutet werden diese dann durch Menschen. Darwin selbst hat immer betont, dass die Evolution mit Gottesglauben vereinbar sei. Und von Anfang an gab es auch gläubige Menschen, die Gott als Quelle und Träger der Evolution gesehen haben - vom Mitentdecker Alfred Russel Wallace über Teilhard de Chardin und den berühmten Biologen Dobzhanski bis zum Leiter des Humane Genome Project Francis Collins oder dem hier vorgestellten Michael Dowd. Dass Evolution nur in einer bestimmten Weise gedeutet werden könne, hat nie gestimmt und stimmt auch weiterhin nicht.
Somit ist auch jeder Mensch und das Leben etc. Zufall.
Wer sagt denn das? Einige Naturwissenschaftler glauben gar nicht an Zufall, sondern gehen von einer Determiniertheit allen Seins aufgrund der Naturgesetze aus (siehe z.B. Debatten um den freien Willen). Andere verweisen z.B. auf die Quantenphysik, die "Spielräume" offenhalte.
Analog dazu diskutieren Theologen verschiedenster Religionen seit Jahrhunderten, ob Gott alles Leben vorbestimmt habe oder ihm Freiheit gewährt habe.
Wenn Dir das nächste Mal jemand erzählt, alles sei Zufall, frage doch einfach mal, wie er den Begriff definiert. Und ob er also auch die Existenz von freiem Willen leugne etc.
Die Bibel behauptet, alles hat Gott geschaffen und somit ist jeder Mensch gewollt, eine Absicht Gottes und keine Laune des Zufalls.
Und evolutionäre Theisten sagen: Diese Schöpfung hat Gott nicht nur in der Vergangenheit getan, sie vollzieht sich Tag für Tag im Prozess der Evolution weiter. Und der bekennende Christ Dowd dankt Gott sogar dafür.
Man muss nicht seiner Meinung (und der vieler weiterer evolutionärer Theisten) sein. Aber sie zeigt eben doch, dass es geht.
Lieber Ingo,
etwas baff habe ich Deinem Beitrag entnommen, dass Du das Buch noch gar nicht gelesen hast - einige Deiner Formulierungen und Schlüsse liegen aber wirklich verblüffend dicht bei ihm.
Spannend, das. Wenn Du es gelesen haben solltest, würde mich Deine Meinung sehr interessieren!
Ingo Badings Begeisterung für das Buch ist ja richtig ansteckend. :-)
Ich bin mir nur nicht sicher ob es sich hier nicht um eine Art religiöses Gesamtkonzept handelt, das jedem etwas bietet. Ein bisschen Pantheismus, etwas Buddhismus, viel Evangelikales und das neuste aus der Wissenschaft, fertig ist die große Offenbarung. Ich will ja nicht ungerecht sein und vielleicht sehe ich es auch falsch, aber neue Heilsbotschaften aus Amerika machen mich erst einmal misstrauisch. Obwohl ich es von der Idee her nicht schlecht finde.
@ IngoB.
„Wenn ich Christ wäre, wäre ich von Michael Dowd begeistert. Weil er endlich - und offenbar als einer der ersten? - die richtigen, das heißt umfassenden Konsequenzen zieht aus dem Anwachsen des naturwissenschaftlichen Wissens in unserer Zeit.“
Also, da werden „wir“ Christen doch ein bisschen weit zurückgestuft.
In der normalen europäischen Theologie ist die Anerkenntnis evolutionärer Gegebenheiten usw. relativ selbstverständlich. OK, viele Theologen betonen, dass dort, wo Naturwissenschaftler mit ihrer methodischen Vorsicht von Zufall reden, die Glaubenden Gott für alles Gewordene danken können. „Nur aus Zufall“ könne das doch nicht geworden sein... Na ja, ich weiß ein paar erkenntnistheoretische Einwände; aber: Tut das jemand weh?
Die Aufnahme naturwissenschaftlicher Erkenntnis in die Theologie hat eine lange Tradition. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es katholischerseits T. de Chardin, evangelischerseits Karl Heim. Direkt und ausführlich mit der Verarbeitung evolutionärer Biologie und sonstiger Naturwissenschaft befasst haben sich in den letzten Jahrzehnten auf katholischer Seite etwa E.Drewermann und auf evangelischer Seite G.Theißen. In jeder Suchmaschine findet man genügend Beispiele direkter Thematisierung dieser Zusammenhänge zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Und die evangelischen und katholischen Akademien haben das regelmäßig auf dem Tagungsprogramm.
Andere Theologen werden das eher nebenher mitnehmen. Auch ich stehe ja nicht jeden Tag hin und betone, dass die Erde eine Kugel ist, die sich um die Sonne dreht. Ich habe auch nicht ausgerechnet, wie groß der Radius... ist. Und so stehe ich auch nicht jeden Tag hin und erkläre, dass die Erde 4, 5 Mrd Jahre alt ist und darauf Leben sich entwickelt hat. Habe ich ja auch nicht ausgerechnet. Das wissen andere genauer zu beschreiben. Manches kann man doch wirklich den Biologen überlassen... Gibt ja auch sonst Dinge zu tun. Beispielsweise wird die Kirchengeschichte von Jahr zu Jahr länger... Und was der Papst sagt, muss man auch immer wieder neu verdauen ;-). Ernsthafter: Der Weltfriede ist wichtiger als die richtige Darstellung der evolutionären Linien...
Die Dinge unter evolutionärer Perspektive in Blick zu nehmen soll aber nicht etwa auf die Fachtheologie beschränkt bleibe, sie soll auch zB im Religionsunterricht bekannt gemacht werden. Beispielsweise sehe ich in einem „Erzählbuch zur Bibel“ von 1975 wie die Schöpfungserzählung (1.Mose 1) historisch richtig als erzählte Antwort auf die babylonische Schöpfungs-Erzählung dargestellt wird. Nix da von wegen die 6 bzw. 7 Schöpfungstage wörtlich zu nehmen. Ich habe auch ein Lied vor mir – aus einem Heft von 1979 – in dem für Jugendliche geologisch richtig die Erdgeschichte aufgenommen wird: „Einst war die Erde ein feuriger Ball, Dampf aus Vulkanen ihr Kleid, Schollen zerrissen und drifteten dahin, Regen in Becken der Meere...“ Ebenso wird in Material für den Konfirmandenunterricht selbstverständlich die üblicherweise bekannte Linie vom Affen über den Pithekanthropus und den Neandertaler bis zum „modernen Menschen“ dargestellt. Und die Feinheiten wird man doch den Biologen überlassen. Aber wenigstens zeigen, dass man im Wesentlichen d’accord geht.
Pfarrer, die „gegen die Evolution“ streiten, gibt es nur noch ganz wenige. Wir haben einen solchen in unserer Nähe. Aber der fällt schon als merkwürdiger Sonderling auf. Na ja, Physiker dieser Sorte oder beispielsweise auch Ärzte soll es ja auch geben.
Also, den Schuh zieh ich mir nicht an, dass man uns mehr Nachhilfeunterricht in Evolution geben muss als anderen. Es ist – um Deine Formulierung, Ingo, aufzugreifen – zwar keine „Schande“ aber ziemlich *schade* , dass es bis zum Jahr 2009 gedauert hat, bis manche realisieren, dass auch Christen „frei und offen und unbefangen und unkompliziert sagen können: ‚Danke, Gott, für die Evolution’." Können wir diesen Schaden noch beheben?!
Und noch etwas zu amerikanischen Verhältnissen: Letztes Jahr las ich öfters, in amerikanischen Großkirchen werde überlegt, zu Ehren Darwins jedes Jahr um seinen Geburtstag im Februar herum die Sache in Gottesdiensten positiv zu besprechen. Na, ich las dieses Jahr nichts mehr drüber. Aber so hinter dem Mond sind doch wohl auch nicht alle amerikanischen Christen.
Basty
„P.S.“ – wie ich das gerade reinsetzen will, sehe ich viele neue Beiträge. Spannend. Aber auf die konnte ich mit dem Obigen nicht eingehen. Nur eines zu @adenosine“: „Ich hab mich auch schon gefragt, welche Motivation die Kreationisten wohl in ihre Position treibt.“ Ich meinerseits würde dabei auch ins Spiel bringen: Die gehen wohl auch einer gewissen Wissenschaftsgläubigkeit auf den Leim: Sie meinen, nur das sei „wahr“, was sich wissenschaftlich darstellen und beweisen lasse. Dabei unterminieren bzw. banalisieren sie mit diesem Wahrheitsbegriff (der zB Wahrheit mit Wirklichkeit verwechselt) die religiöse Dimension von Wahrheit.
Zur Motivation der Kreationisten:
Im derzeitigen theologischen Paradigma ist der Kreationsimus, zumindest ID die einzige Konsequenz, um das Gottesbild "des Gesetzes", das nach wie vor weitgehend buchstäblich verstanden wird, so eine Gottesgestalt suchen, als wundersam-naturbrechenden, übernatürlichen Akteur verstehen lässt, ernst zu nehmen: Den Schöpfer nicht arbeits- bzw. bedeutungslos zu machen.
In diesem Sinne findet die kreationistische Suche meine Anerkennung. Auch wenn ich wie Dowd nur im evolutionären Geschehen das kreative=schöpferische Werk sehe, hier das ewige Wort hören will. Eine natürliche Theologie verträgt sich nicht mit den heutigen Glaubenslehren, steht ohne theologisches Weiterentwicklung wie ein Fremdkörper daneben.
Zur Naturtheologie:
Die Konsequenzen, die Miachael Dowd aus der naturwissenschaftlichen Aufklärung zieht, sind m. E. nur die eine Seite. Fortschritt benötigt zwei Beine. Ich denke, um nicht einfach von einer philosophisch allzu abstrakt bleibenden umfassene Ganzheit auszugehen, die nicht nur nach Ingos Deutung notwendige Vorbedingung des humanen, ich denke auch schöpfungsvernünftigen Handelns ist, wäre es notwenig, an unsere jüdisch-christliche Tradition anzunknüfen, in aufgeklärter Weise über die eigentliche Wurzel unseres Kultes nachzudenken.
Gerhard Mentzel
Wer, wie Dowd, die gegenwärtige Welterklärung als Offenbarung nachdenkt, der kann auch über das, was in der Antike als Offenbarungswort bzw. offenbarenden Gottessohn verstanden wurde, in neuer Weise nachdenken. Die aus dem griechischen Monismus abgeleitete schöpferische Vernunft, die lt. dessen dogmatischer Kollegen von Papst Benedikt XVI. als biblischer und damit geschichtlicher Jesus verstanden würde, braucht dann nicht weiter ein frommer Begriff einer dogmatischen Lehre bleiben, sondern kann in heutiger Welterklärung und das, was für deren gemeinsame Entwicklung tauglich bzw. vernünftig wäre, nachgedacht werden.
Nicht mehr das jüdische Volk wird dann für einen Gottesmord bzw. die Hinrichtung eines vergötterten Heilspredigers verantwortlich gemacht, sondern die Denkweise, die die Welt im überkommenen Gesetz bzw. Buchstabenverständnis gefangen hält. In diesem Sinne kann ich die Verteufelung (=Analyse falscher Gottesvermittler) der fanatischen Gesetzesdiener durch Johannes & Co. durchaus nachvollziehen.
Auch wenn es absurd klingt, Dawkins (der wie der Frühchrist Markion den alten Gottesbegriff völlig ablehnt, in seiner Polemik die Problematik des beliebig und leer gewordenen Gesetzesglaubens auf den Punkt bringt)scheint mit seinem allenfalss als Deismus aussortierten Monismus dem urchristlichen Verständnis (das die Vernunft/den Logos als einzige Aussage über den Unsagbaren des Väterglaubens sah) näher zu stehen, als viele, die ständig davon reden und verteidigen wollen.
Rationales Denken ist daher gefragt und gefordert. Von rückwärtsgewandter Religiösität, die verzweifelt versucht festzuhalten, ist kein schöpfungsgerechter Glaubensfortschritt zu erwarten.
Gerhard Mentzel
Du schriebst: Ich will ja nicht ungerecht sein und vielleicht sehe ich es auch falsch, aber neue Heilsbotschaften aus Amerika machen mich erst einmal misstrauisch.
Genau! Was soll aus Nazareth schon Gutes kommen? *gg*
Im Ernst: Wie oben geschrieben, sind Präsentation und Stil tatsächlich "amerikanisch". Andererseits aber finde ich es natürlich immer wieder gerade interessant, auch mit Weltanschauungen und Texten unterschiedlichster Herkunft zu arbeiten. Das erweitert die Perspektiven und ist meist schon in sich (mindestens) eine interessante Erfahrung.
Jaja, da habe ich wohl etwas wolkig formuliert. Mit "amerikanisch" meinte ich diese etwas aufdringliche Vermarktung des Buches, und nicht den Mann aus Nazareth.
Ist Dowds Gott, der die Evolution anstößt, nicht auch kreationistisch? Warum zerren religiös begabte Menschen Gott immer ins Materielle herunter?
Viele Grüße
T.
@ Mona: Ist die Evolution nicht eine große Offenbarung? Ist sie nicht DIE Offenbarung schlechthin? Welche Offenbarung soll Offenbarung sein, wenn es nicht sie ist? Muß man dazu erst dieses erst noch lesen? Hatte da nicht schon ein David Attenborough, ein Grzimek, ein Hoimar von Ditfurth, etc. etc. pp. genügt?
Wirklich, noch einmal: Die Hauptverwunderung wird bei künftigen Generationen darin liegen, daß ein solches Buch erst so SPÄT erschienen ist. Wo doch schon seit Jahrzehnten nichts naheliegender war, als solche Bücher. (Hoimar von Ditfurth beispielsweise forderte das schon vor Jahrzehnten in seinem Buch "Wir sind nicht nur von dieser Welt".)
Aber sobald ich's in die Hand kriege, les ich auch dieses neue natürlich, Michael. Auf Video's bei Youtube kann man sich ja den Autor auch schon anschauen und erhält gleich einen sehr unmittelbaren Eindruck: Mir gefallen Vorträge von Astrophysikern über das Universum - GLAUBE ich - besser, als von ihm. (Zum Beispiel im Januar Günther Hasinger hier in Berlin live:
http://studgenpol.blogspot.com/...-fr-alle_25.html
bzw. auch toll auf Youtube:
http://studgenpol.blogspot.com/...sik-gibt-es.html )
Man merkt also bei diesem Dowd schon auch, daß das leicht zur "Verflachung" führen kann. (Ebenso wie man das übrigens neuerdings auch bei der Giordano-Bruno-Stiftung beobachten kann.) Aber was soll man machen?
Evolution ist nun einmal DAS Thema. Welches Thema soll denn auch für religiöse Menschen noch relevant sein, wenn nicht das? Ich kann doch nicht dauernd nur auf irgendeinen toten, 2000 Jahre alten Buchstaben starren, um mich über Gott und Welt zu orientieren. Das KANN es doch nicht sein. Das merkt doch früher oder später jeder. Da muß man doch gar nicht lange nachdenken.
Danke für die guten & präzisen Fragen!
Ist Dowds Gott, der die Evolution anstößt, nicht auch kreationistisch?
Unter Kreationismus im engeren Sinn wird ja eine Glaubenshaltung verstanden, die Aussagen religiöser Überlieferungen (oft: Texte, z.B. der Bibel) auch entgegen wissenschaftlicher Befunde aufrecht erhält. Einen solchen Kreationismus vertritt Dowd definitiv nicht: Er sieht ja gerade (auch) in der Wissenschaft Gottes Offenbarung und fordert also, religiöse Überlieferungen immer wieder an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu überprüfen und ggf. zu erneuern.
Man könnte also Dowd also allenfalls in einem weiten Sinne als schöpfungsgläubig bezeichnen, wie es ja auch der berühmte Mikrobiologe Theodosius Dobzhansky formuliert hat: "I am a creationist and an evolutionist." Siehe hier, S. 127:
http://people.delphiforums.com/...zhansky_1973.pdf
Dowd bezeichnet seine Haltung übrigens augenzwinkernd als "Creatheism" - Kreatheismus.
Warum zerren religiös begabte Menschen Gott immer ins Materielle herunter?
Soweit wir sehen, weil eine Gottheit, die nicht auch in die materiellen Geschehnisse eingreift, weniger Relevanz als eine auch aktive Gottheit als "übernatürlicher Akteur / supernatural agent" hat - und also entsprechende Überlieferungen eines nur transzendent wirkenden Gottes im Rahmen der kulturellen Evolution zwar immer wieder auftreten, bislang aber keine auch reproduktiv erfolgreichen Gemeinschaften und damit dauerhafte Akzeptanz organisieren konnten.
Das Problem ist: Das Universum, das auch Dowd seinen Hörern und Lesern vor Augen stellt, stellen muß, macht alles Reden über "Gott" null und nichtig.
Der Günther Hasinger gefällt mir da sehr gut, bzw. - wohl - wesentlich besser. Ich schrieb über ihn im Januar:
"... Es ist so fast ein bischen die Schüchternheit, Bescheidenheit, die ihn insbesondere als Referenten über ein solches Thema so sympathisch macht, ein Thema, dem man sich als Mensch eigentlich immer 'unangemessen' gegenüber vorkommt und vorkommen muß. Und genau diese Haltung vermittelt Hasinger, wenn er über das Anthropische Prinzip referiert und all die 'Merkwürdigkeit', die damit zusammenhängt. ..."
Ein Theologe, der darüber reden will - er kann sich "recken" und "strecken" wie er will. Es wird immer ein wenig "gemacht" klingen, was er da redet. Immer ein bischen schmalzig, ein bischen unangemessen, unbescheiden. Entweder glaubt er zu viel zu wissen über "Gott" oder zu wenig. Das liegt eben daran, daß SEINE Offenbarung 2000 Jahre her ist und etwas arg "unpräzise" geworden ist, während die Offenbarung des Astrophysikers ganz jung, neu, frisch, lebendig ist. Diese neue Offenbarung wird gerade gegenwärtig erforscht. Es ist - bildlich gesprochen - so, als ob hier "Jesus lebt" und selbser spricht (also in den Worten eines Theologen ausgedrückt). Aber eben diesmal nicht DURCH die Theologen, sondern schlicht DURCH die Naturwissenschaftler.
Deshalb sage ich immer schon: Wer heute Aspirationen hat, Theologie studieren zu wollen, der sollte einfach Physik oder Biologie studieren.
Es ist wohl so, daß derjenige, der sich mit den Dingen SELBST auf wissenschaftlicher Ebene beschäftigt hat, diesen Dingen selbst dann auch wesentlich näher steht, ihnen gerechter wird, "adäquater" ist. Viel näher als ein Theologe, der das nur von Ferne her zur Kenntnis nimmt. (Und selbst wenn es ihm von seiner Frau, der Wissenschafts-Journalistin, vermittelt wird.)
Ich glaube, man kann eine ganz allgemeine Aussage zu all diesen Dingen heute machen: Gott - so es ihn gibt natürlich - liebt heute die Naturwissenschaftler mehr als die Theologen. So wie Gott vor 200 Jahren die Komponisten wie Mozart oder Beethoven mehr liebte als die Theologen ... (Schleiermacher vielleicht ausgenommen.)
Ich glaube, Gott liebt überhaupt vieles. ;-)
Aber am WENIGSTEN die Theologen. Denn sie vor allem muß er für all den Unglauben verantwortlich machen, der sich heute in der Welt breit gemacht hat und unter den "Gebildeten unter den Verächtern der Religion". Weil sie IMMER noch dünkelhaft mehr zu wissen glauben über ihn, als die Wissenschaft.