Religion stirbt aus? Von wegen! Das Handbuch Leipziger Religionen
Im Bezug auf die neuen Bundesländer waren in den vergangenen Wochen wieder demografische Molltöne zu hören: Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes schrumpft und altert die ostdeutsche Bevölkerung durch Kindermangel und Abwanderung rapide. Während in den alten Ländern von 2006 bis 2050 ein Bevölkerungsrückgang von 14 Prozent zu erwarten sei, werde die Bevölkerung der neuen Länder um 31 Prozent sinken. Und auf 100 Menschen im Erwerbsalter zwischen 20 und 65 Jahren sollen dann 80 Ältere kommen.
Da freut es doch geschätzte Freunde, Mitblogger und Religionskritiker wie Edgar Dahl, dass die Ostdeutschen wenigstens nicht kirchlich(er) werden. Angesichts der Zerstörungen religiöser Traditionen und Gemeinschaften durch braune und rote Diktaturen sowie die Abwanderungs- und Säkularisierungsprozesse heute stellt sich tatsächlich die Frage, ob Religiosität "im Osten" noch eine Zukunft hat?
Die sich abzeichnende Antwort ist: Ja.
1. Der Zusammenhang von religiöser Vergemeinschaftung und Reproduktionserfolg besteht in ganz Deutschland. So wiesen nach einer Studie von Philipov und Berghammer Religiöse schon unmittelbar nach der Wiedervereinigung 1992 sowohl in Ost- wie in Westdeutschland höhere Kinderzahlen und einen höheren Kinderwunsch auf. Nichtreligiöse Ostdeutsche hatten im Schnitt 1,44 Kinder (West: 0,94), etwas Religiöse 1,52 (West: 1,14) und Religiöse 1,55 (West: 1,22). Die als "ideal" gedachte Kinderzahl klaffte sogar noch deutlicher auseinander: Religiöse Ostdeutsche wünschten im Schnitt 2,19 Kinder (West 2,23), Religionslose nur 1,82 (West 2,05).
2. Oft über Jahrzehnte von Zwangssäkularisierung bedrängt, begründen religiöse Minderheiten in Ostdeutschland bereitwillig eigene Angebote für Kinder und Jugendliche. So stellte der Mainzer Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich im März 2009 fest: "Im Osten sind erstaunlicherweise kirchliche, vor allem evangelische Schulen entstanden, und zwar mehr, als es im Westen gibt." 147 der rund 290 evangelischen Privatschulen fänden sich in den neuen Bundesländern. Während die Zahl ostdeutscher Schülerinnen, Schüler und Schulen sinkt, wachsen religiöse Angebote weiter.
3. Während Abwanderung und Säkularisierung natürlich auch ostdeutsche Kirchen und Religionsgemeinschaften oft massiv betreffen, erschließen einige auch das Potential von Zuwanderern und Sinnsuchenden.
Lokalstudie: Handbuch Leipziger Religionen
In diesem Zusammenhang außerordentlich eindrucksvoll (und auch fotografisch bebildert) ist das "Handbuch Leipziger Religionen", eine Lokalstudie des Interkulturellen Forums e.V. in Leipzig, in dem sich auch viele Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler des hervorragenden Universitätsinstitutes engagieren. Sie haben im Stadtgebiet 72 Religionsgemeinschaften aller Weltreligionen ausfinding gemacht - von denen 23 (!) in den letzten sechs Jahren hinzugekommen sind. Zu dem breiten und wachsenden Angebot gehören neben zahlreichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde auch z.B. buddhistische Gemeinschaften, die sich darauf berufen können, dass sich 1904 in Leipzig die erste buddhistische Religionsgemeinschaft außerhalb Asiens gegründet habe. Muslime, Hindus und Sikhs versammeln Zuwanderer, deren Nachkommen und Neuzugänge. Und anthroposophische Strömungen samt Waldorfschule und Christengemeinschaft haben sich ebenso etabliert wie die Krishna-Bewegung. Wer das beispielhafte Handbuch Leipziger Religionen liest, wird feststellen, dass die Zukunft auch Ostdeutschlands nicht religionslos sein wird, sondern religiös vielfältig. Mit allen Chancen und Risiken, die religiöses Leben mit sich gebracht hat und auch in Zukunft mit sich bringen wird.
Ein Nachtrag zu regionalen Unterschieden in der Wahrnehmung von Religionen
Zum Valentinstag schrieb ich für den Berliner Tagesspiegel den Essay "Wenn Kinder ein Segen sind" zum demografischen Potential von Religionen. Einige Zeit später übernahm ZEIT online den gleichen Text. Interessant finde ich die völlig unterschiedliche Rezeption des gleichen Textes je durch die Berliner bzw. gesamtdeutschen Kommentatoren. Soviel zur Hypothese, (Religions-)Wissenschaft würde stets emotionsfrei rezipiert... ;-)
Ähnliche Artikel:
- Das Hare Krishna-Mantra als Beispiel (bio-)kultureller Evolution von Religion
- Das Kastensystem - Nur ein Thema des Hinduismus?
- Psychologische Religionstheorien - und ihr Problem
- Neues Fachbuch: The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior
- Up in the Air - Die Krise unserer Ichling-Kultur





Wie nehmen denn die Berliner und wie die gesamtdeutsche Leserschaft den Text jeweils auf?
Aber zum aktuellen Eintrag. Was Sie darstellen ist doch lediglich der Missionierungserfolg von Religionen. Es ist doch kein Geheimnis, dass besonders die christlichen Kirchen massiv im Osten missionieren. Das sagen evangelische und katholische Kirche ganz offen. Für die Zukunft der Religionen im Osten, hier eben Ostdeutschland, ist daher weniger die Missionierungstätigkeit als solche interessant - sondern der Erfolg der Missionierungsversuche. Das heißt nicht die Anzahl religiöser Einrichtungen, sondern der Glaube der Menschen ist das relevante Kriterium.
Ich schließe mich hier meinem Vorredner an. Die Aussage des Mainzer Erziehungswissenschaftlers Heiner Ullrich lässt doch auf eine massive Missionstätigkeit schließen, wenn er sagt: "Im Osten sind erstaunlicherweise kirchliche, vor allem evangelische Schulen entstanden, und zwar mehr, als es im Westen gibt." Nach der Wende sind doch Firmenvertreter, Missionare und Glücksritter aller Art in den Osten gestürmt, um ein Bein in die sich gerade öffnende Tür zu bekommen.
Immer wieder finde ich, dass der Rückgang der Bevölkerungszahl und der Geburten als negativ bewertet wird. Warum eigentlich? Alle Umweltprobleme, Aufwendungen für Kinderbetreuung, Ausbildung und letzten Endes auch soziale Leistungen werden durch die Überbevölkerung wesentlich verstärkt. Die Überbevölkerung ist zwar hierzulande nicht in Auge springend, aber die Bilder der jüngsten Katastrophen zeigen sie deutlich. Die Sicherung der Renten ist ein Scheinargument: Die Bevölkerung kann nicht bis ins Unendliche wachsen, und notwendige Reformen werden nur aufgeschoben.
Weniger Kinder mag besser sein, übrig bleiben aber die Nachkommen der sich Vermehrenden und das sind im Schnitt mehr Religiöse. Der Islam breitet sich weniger durch Missionierung als vielmehr durch Zeugung aus. Der Atheismus bleibt ein Phänomen der Eliten und pflanzt sich nicht fort. Kürzlich las ich: Intelligenter gleich progressiver, weniger religiös und weniger Nachkommen. Die Zukunft gehört den Dummen und den Religiösen. Die brauchen dann ein paar wenige Führer, die vielleicht vorgeben (müssen), dass sie religiös motiviert sind, in Wirklichkeit aber nichts anderes als die Herrschaft suchen.
Da haben Sie vielleicht etwas missverstanden. Die "Nachkommen der sich Vermehrenden" sind nicht "im Schnitt mehr Religiöse". Das hat Herr Blume nicht geschrieben. Es geht nur darum, dass religiös Aktive im Schnitt mehr Kinder kriegen als Säkulare. Davon, dass alle diese Kinder ebenfalls religiös werden, war und ist nicht die Rede.
Das heißt: Die Fertilität der Religiösen "nutzt" den Religiösen als auch den Säkularen. Letztere brauchen sich also (noch) keine Sorgen zu machen, dass Erstere irgendwann einmal überhand nehmen... ;-)
Kinder von Religiösen sind im Schnitt religiöser, weil
- die neuen Religiösen mehr in die evangelikalische, fundamentalistische Richtung gehen und sich mit ihren Familien gegen die säkulare Gesellschaft abschliessen: den Kindern bleibt gar nichts anderes als auch religiös zu sein.
- die Bereitschaft zum Glauben auch genetisch verankert ist (siehe http://en.wikipedia.org/wiki/God_gene)
Gut möglich, dass ich Sie falsch verstanden hatte. Sie haben Recht, Kinder religiöser Eltern haben eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, selber religiös zu werden, als Kinder säkularer Eltern. Insbesondere, wenn die religiöse Erziehung extrem darauf ausgerichtet ist.
Worum es mir ging, war folgendes: Im Normalfall oder typischerweise ist das eine Kind säkularer Eltern ebenfalls nicht religiös, die Wahrscheinlichkeit für ein religiöses Kind ist also ziemlich gering.
Demgegenüber ist von den beiden Kindern des religiösen Paares eines religiös und eines nicht religiös. Die Wahrscheinlichkeit für ein religiöses Kind ist hier also höher, aber dennoch wird Religiosität nicht so stark vererbt wie z.B. die Hautfarbe.
Wenn man das nun über mehrere Generationen hochrechnet, wie wird sich wohl das Verhältnis religiöser zu nicht religiösen Menschen entwickeln?
Danke für Eure Kommentare über die ich, selbst "Wossi", einige Zeit nachgedacht habe.
Ich meinte da einen Unterton zu vernehmen - vielleicht war es so gar nicht gemeint!? - , als ob Ostdeutsche Religionsfreiheit gar nicht bräuchten bzw. nicht damit umgehen könnten. Ist es nicht ein gewaltiger Fortschritt, dass nach Jahrzehnten erst brauner, dann roter Diktatur die Menschen endlich selbst und ohne staatliche Verfolgung entscheiden können, ob und welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören wollen? Warum sollte es okay sein, dass nun Unternehmen wettbewerblich zig Zahnpastamarken in den Märkten anbieten, endlich verschiedene Parteien frei um Wählerstimmen werben dürfen - aber nicht auch Religionen und Weltanschauungen ihre Botschaften verkünden?
Und mir persönlich erscheint es doch viel besser und glaubwürdiger, dass Engagierte eben nicht nur abstrakte Botschaften verkündet werden, sondern auch - meist durch Ehrenamt und Spenden - z.B. Schulen, Einrichtungen etc. eröffnen. Säkulare Humanisten können das doch ebenfalls tun, in (zu?) seltenen Fällen machen sie es ja auch.
Im christlichen Bereich waren es zudem ja gerade nicht nur die etablierten Kirchen, sondern auch viele (z.B. pfingstkirchliche, migrantische o.ä.) Gemeinschaften, die sich eben nicht aus Kirchensteuern finanzieren. Und auch den Leipziger Buddhisten, Hindus, Muslimen etc. wird man kaum pauschal den Vorwurf machen können, ihre Gemeinschaften wären fremd- oder gar überfinanziert. Soweit ich das sehen kann, ist doch oft eher das Gegenteil der Fall.
Schließlich möchte ich, wie schon oben geschrieben, noch einmal darauf hinweisen, dass fast ein Drittel der Gemeinschaften in den letzten sechs Jahren dazu gekommen sind - also mehr als ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung. Ich sehe nicht, warum wir Menschen überhaupt pauschal absprechen sollten, dass sie in der Lage sind, Freiheit (auch zu religiöser Vergemeinschaftung) zu bejahen und zu leben. Eine Stadt mit unterschiedlichen Unternehmen, Parteien, Vereinen, Milieus, Künstlern (etc.) und eben auch unterschiedlichen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften scheint mir an Optionen, Perspektiven und Engagement reicher zu sein als eine Stadt, in der nur eine normierte Weltsicht gelebt werden darf. Also, ich freue mich für Leipzig.
Eine sehr spannende Debatte, danke!
Meine Frage bezöge sich jedoch auf Ihre abschließende Definition des "Normalzustandes", @Balanus:
Im Normalfall oder typischerweise ist das eine Kind säkularer Eltern ebenfalls nicht religiös, die Wahrscheinlichkeit für ein religiöses Kind ist also ziemlich gering.
Demgegenüber ist von den beiden Kindern des religiösen Paares eines religiös und eines nicht religiös.
Ist das wirklich der globale "Normalfall", oder nicht doch eher die spezifische Entwicklung der letzten Jahrzehnte in einigen Regionen Europas? Für Afrika oder China würde ich z.B. die Gültigkeit Ihrer "Normalannahme" doch bezweifeln, ebenso z.B. für das frühere (und ggf. zukünftige?) Europa. Auch waren z.B. laut Pew-Studien in den USA oft mehr als die Hälfte der (wenigen) Kinder Säkularer religiös, der gesellschaftliche Trend auch in den Peer-Groups kann offenkundig sowohl gegen wie für Religionen laufen.
Wenn man das nun über mehrere Generationen hochrechnet, wie wird sich wohl das Verhältnis religiöser zu nicht religiösen Menschen entwickeln?
Puuh, meine Forschungsperspektive ist ja eher die Evolutionsgeschichte mit deutlich größeren Zeiträumen, aber in den kommenden Wochen veröffentlicht der Soziologe & Politikwissenschaftler Eric Kaufmann ein Buch zu diesem Thema: "Shall the Religious Inherit the Earth? Demography and Politics in the Twenty-First Century"
http://www.amazon.de/...Twenty-First/dp/1846681448
So wie ich Eric kenne, kann ich mir vorstellen, dass die darin veröffentlichten Daten und Prognosen für uns interessant sein werden.
Vielen Dank für Ihren Kommentar, in dem Sie eine Vermutung formulieren, die mir oft begegnet: Dass ich über Reproduktionsverhalten deswegen forschen würde, weil ich Überbevölkerung toll fände.
So ist es natürlich nicht. Mein Interesse stammt aus der Hirn- und dann Evolutionsforschung - mich interessiert, wie Religiosität Teil unserer genetischen und neuronalen Veranlagungen wurde. Und nur über Fortpflanzung geben wir unsere Gene weiter. Also ist ein Merkmal, das über Generationen hinweg mit höherem Reproduktionserfolg einhergehen kann, aus Sicht der Evolutionsforschung bemerkenswert, was ja auch immer mehr Kolleginnen und Kollegen verschiedener Disziplinen bemerken und aufgreifen.
Zum Thema Reproduktionsvorteil und Überbevölkerung hatte ich auch schon einen extra-Beitrag eingestellt, der Sie vielleicht interessieren könnte:
http://www.chronologs.de/...vorteil-durch-religion
Danke für Ihre berechtigte Anfrage und Ihr Interesse!
Lieber Michael,
Ich vertrete hier nicht die Meinung, dass „… Ostdeutsche Religionsfreiheit gar nicht bräuchten bzw. nicht damit umgehen könnten.“ Letztendlich kann doch jeder glauben was er möchte, solange er damit keinen Schaden anrichtet.
„Warum sollte es okay sein, dass nun Unternehmen wettbewerblich zig Zahnpastamarken in den Märkten anbieten, endlich verschiedene Parteien frei um Wählerstimmen werben dürfen - aber nicht auch Religionen und Weltanschauungen ihre Botschaften verkünden?“
Leider kam es uns „Wessis“ so vor, als ob die Kirchen die Ostdeutschen mit ihrem „Produkten“ genauso umwerben wie „Zahnpastafirmen“, die nur auf Gewinn aus sind. Als „Ossi“ hast Du den Jubel nach der Wende wahrscheinlich nicht mitbekommen, da dachten die beiden großen Kirchen nämlich noch sie würden massenhaft neue Kirchensteuerzahler bekommen. Während man hier von jedermann den Soli einforderte, hielten sich die Kirchen mit ihren Hilfe doch recht bedeckt. Hier ein Artikel des „Focus“ aus dem Jahr 1993:
http://www.focus.de/...t-sich-raus_aid_142900.html
Im Gegenteil, man machte sich 1990 bereits Gedanken, wie man an die Kirchensteuer der Ostdeutschen rankommt: http://www.spiegel.de/...gel/print/d-13500357.html
Und später forderte die evangelische Kirche in Ostdeutschland sogar Kirchensteuer von Personen, die in der DDR ausgetreten waren:
http://www.berlinonline.de/...rter/0034/index.html
Man hat doch hier den Eindruck, als wäre es den Kirchen selber ganz egal was die Leute glauben, Hauptsache sie zahlen Kirchensteuer.
„Im christlichen Bereich waren es zudem ja gerade nicht nur die etablierten Kirchen, sondern auch viele (z.B. pfingstkirchliche, migrantische o.ä.) Gemeinschaften, die sich eben nicht aus Kirchensteuern finanzieren.“
Wahrscheinlich ist es den ehemaligen Ostdeutschen lieber freiwillig zu spenden. Daran sollten sich die etablierten Kirchen einmal ein Beispiel nehmen.
„Ich sehe nicht, warum wir Menschen überhaupt pauschal absprechen sollten, dass sie in der Lage sind, Freiheit (auch zu religiöser Vergemeinschaftung) zu bejahen und zu leben. Eine Stadt mit unterschiedlichen Unternehmen, Parteien, Vereinen, Milieus, Künstlern (etc.) und eben auch unterschiedlichen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften scheint mir an Optionen, Perspektiven und Engagement reicher zu sein als eine Stadt, in der nur eine normierte Weltsicht gelebt werden darf.“
Da rennst Du bei mir offene Türen ein. Ich bin auch für Vielfallt und nicht für Einfallt. :-)
Dass auch Kirchen zu kritisieren sind, sehen wir beide. Allerdings finde ich es schon unfair, wenn sie so negativ vorgewertet erscheinen, dass alles falsch ist, was sie tun. Oben schriebst Du von teuren Missionskampagnen und der Hilfe zur Gründung christlicher Schulen in den neuen Ländern - jetzt, dass die (West-)Kirchen die Ostdeutschen angeblich ausplündern wollten. Vielleicht war die Realität doch viel komplexer - und auch die ostdeutschen Christen wirkten und wirken mit?
Natürlich haben sich die meisten in den Kirchen über die Wiedervereinigung sehr gefreut - zu Recht! Gerade in Leipzig organisierte sich der friedliche Widerstand gegen die Diktatur an und um die Kirchen, in Polen um die katholische Solidarnosc etc. Wie sagte ZK-Mitglied Horst Sindermann später einmal dazu? "Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete."
http://marcs.org/...abe=jkjeivxruaanvfhd&xxl=0
Auch in den Kirchen gab und gibt es Versagen, Heuchelei etc., aber eben auch Menschen, die sich wirklich einsetzen, nicht verbiegen ließen, etwas beweg(t)en. Eine differenzierte und faire Sicht scheint m.E. wichtig.
Vor allem aber ging es in diesem Blogpost doch gar nicht nur um die Kirchen, sondern um die religiöse Vielfalt generell. Darf ich freundlich vermuten, dass für Dich Religion und (Groß-)Kirchen gedanklich sehr eng miteinander verbunden sind? Sie sind auch in Leipzig wichtig, keine Frage - aber die religiöse Landschaft ist längst auch viel bunter!
Und das ist doch m.E. ein wichtigerer Aspekt von Freiheit als die Auswahl an Zahnpastamarken. Auch da sind wir aber, so scheint es, einer Meinung. :-)
... ändern an GROSSEN Trends doch so gut wie gar nichts. Erst wenn es um das ZEHNFACHE an Unterschieden ginge, wäre es sinnvoll, darüber einen Streit anzufangen.
Zur Bestandserhaltung bräuchte man etwa 1 Kind pro Frau, bzw. Mann mehr.
Dafür reicht eine solche Lari-Fari-Kirchen-Religiosität, mag sie nun in Ost- oder in Westdeutschland gelebt werden, ganz bestimmt nicht aus.
Aber mit Religion könnte es durchaus etwas zu tun haben, wenn man die Geburtenrate um etwa 1 Kind pro Mann/Frau wieder steigern wollte. Die von Michael vorgelegten Daten widersprechen dem nicht.
Fragt sich doch wohl nur: Doch wohl nicht eine, die Körper und Seele so stark voneinander trennt, wie das noch heute in katholisch-religiöser Erziehung geradezu abstoßend-mittelalterlich praktiziert wird.
Ich empfehle da mal "Einen Blick ins Gruselkabinett des Katholizismus":
http://studgenpol.blogspot.com/...abinett-des.html
Interessant wäre doch der Vergleich mit den Vereinigten Staaten. Ich erinnere mich an die Gegenüberstellung Deutschland - USA, bei denen Vor- wie Nachteiler der Religionssituation abgewogen wurden.
Genau genommen beschreibt mein "Normalfall" nur die Situation in England.
Ich weiß jetzt nicht, ob es qualitativ vergleichbare Datenerhebungen aus anderen Ländern gibt, so genau verfolge ich derartige Forschungen ja nicht. Von Eric Kaufmann erwarte ich da nicht so viel, aber wir werden sehen.
Mich interessiert ja ohnehin nur der wirklich erbliche Anteil der Religiosität, also jene tiefe Gläubigkeit, über die der Mensch nicht frei (=selbstbestimmt) verfügen kann. Ob Kinder wie ihre die Eltern Gottesdienste besuchen oder beten, ist unerheblich, weil primär sozial bedingt.
Deshalb glaube ich auch, dass Daten aus einem westlichen, weitgehend aufgeklärten Land (also nicht USA oder Israel, zum Beispiel) diese genetische Disposition zur religiösen Gläubigkeit am besten widerspiegeln können.
Da Sie schon die Pew-Studien erwähnen:
Auch dort heißt es, dass jüngere Amerikaner zwischen 18 und 29 weniger religiöse Bindungen haben als ältere.
http://pewforum.org/docs/?DocID=510
Eine nicht enden wollende Diskussion über den Glauben, führt auch auf wissenschaftlichem Wege zu keinem Ziel, da unperspektivische Aussagen nicht menschenmöglich ist.
Dies betrifft jetzt auch die Auswertung wissenschaftlicher Ergebnisse.
Wir Menschen sind und bleiben manipulierbar,
es ist wie in dem Buch Fallstricke von Frey, wir leiden an unserem Herdenverhalten.
Siehe auch Rahmen und Ankereffekt.
In meinem Blog hab ich diesen Effekt einmal kurz zusammen gefasst:
http://grundundidee.blogspot.com/...-es-nutzt.html
Davon können sich selbst die gebildesten Menschen nicht frei sprechen.
Zusammenfassend gesagt, würde ich sagen, dass das was für den Menschen gut ist oder was ihn glücklich macht, ist die Wahrheit.
Es mag jetzt etwas absurd klingen, doch vielleicht existiert keine für uns verständliche / greifbare Wahrheit.
Ich möchte es an dem Beispiel eines
Freeclimbers erklären, er setzt seinen ersten Anker um zu klettern, symbolisch für den Anker steht die Entscheidung.
Und so arbeitet er sich Schritt für Schritt voran, und das was ihn schützt, sind seine Urinstinkte. Welchen Weg er bestreitet liegt in seinem Ermessen.
Nur weil die Entscheidungen ihn zu einem , seiner Meinung nach, richtigen Weg geführt haben, heißt es nicht, dass diese absolut sind.
Ich möchte hier noch ein Zitat von Newton einbringen:
Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen ein Ozean.
Ob Atheist, Agnostiker oder Theist
es ist nur eine Entscheidung mit sich selbst.
Lieber Patrick,
ich stimme zu, dass wir Menschen in unseren Perspektiven immer vorgeprägt sind - auch, wenn gerade Wissenschaftler das oft zu verleugnen versuchen und für sich einen völlig objektiven Standpunkt reklamieren.
Gerade aber weil ich da zustimme, sehe ich den Wert verschiedener Positionen und auch Diskussionen: Weil Menschen eben unterschiedliche Perspektiven haben, können sie sich so gegenseitig auf blinde Flecken aufmerksam machen. (Wie in dem genialen Buch der Frey's, das ich auch klasse fand und finde! :-) )
Dass empirische Argumente jemals Glaubensfragen klären könnten, glaube ich nicht: Empirische Forschungen (z.B. Befunde der Evolutionsstudien) lassen sich immer atheistisch, agnostisch oder theistisch interpretieren. Mir reicht es persönlich völlig, wenn meine Leserinnen und Leser die Chance ergreifen, sich auch auf neue Perspektiven einzulassen und sich von der Faszination für menschliche Natur und Kultur anstecken lassen.
Herzliche Grüße!
Lieber Balanus,
vielleicht ist für Sie der Hinweis interessant, dass Sie je genau die Daten auszublenden scheinen, die Ihre Vorfestlegungen in Frage stellen könnten. Das finde ich menschlich völlig verständlich - aber ist es wirklich wissenschaftlich?
So schrieben Sie:
Deshalb glaube ich auch, dass Daten aus einem westlichen, weitgehend aufgeklärten Land (also nicht USA oder Israel, zum Beispiel) diese genetische Disposition zur religiösen Gläubigkeit am besten widerspiegeln können.
Wie definieren Sie "weitgehend aufgeklärt"? Mithin werten Sie hier die (auch demografisch relevante) Religiosität der US-Amerikaner und Israelis schon ab und definieren "Aufklärung" in einem religionskritischen Sinn. "Weitgehend aufgeklärt" wäre also eine Gesellschaft, in der Religiosität bereits nur noch von Minderheiten praktiziert wird und weiter unter gesellschaftlichem Druck steht. Aber eine solche, religionsfeindliche Strömung (z.B. in der Schule, im Freundeskreis, den Medien etc.) könnte ebenso Religiosität unterdrücken, wie religionsaffirmative Trends z.B. in den USA oder Israel sie befördern könnten. Warum sollte eines eine Verzerrung darstellen, das andere nicht?
Interessant finde ich auch, dass Sie das Buch von Eric Kaufmann abwerten, noch bevor es veröffentlicht ist.
Lassen Sie uns doch versuchen, uns weiter am gemeinsamen Ideal zu orientieren: Wissenschaftliche Befunde neugierig und ohne Vorurteile zu betrachten. Gerade auch weil wir wissen, dass wir alle diesem Ideal wohl nie ganz gerecht werden können.
Wie ich schon schrieb, mir geht es um den harten Kern der Gläubigen. Jene Menschen, die auch in einer überwiegend säkularen Umgebung zu ihrem Glauben stehen, weil sie nicht anders können. Und zwar aufgrund ihrer genetischen Disposition.
Vielleicht werden dabei einige Individuen nicht mit erfasst, weil sie ihren Glauben trotz der überall herrschenden Religionsfreiheit verleugnen. Aber das dürfte nur ein sehr geringer Prozentsatz sein.
Umgekehrt ist das Risiko, dass man bloße Mitläufer erfasst, sehr viel größer, wenn fast die ganze Gesellschaft religiös geprägt ist. Wie will man dann jene herausfiltern, die tatsächlich allein aufgrund ihrer Veranlagung gläubig sind?
Nein, wenn man untersuchen will, wie sich Religiosität vererbt, sollten die Daten auf jeden Fall in einem säkularen Land erhoben werden. Das liefert einfach das beste Datenmaterial mit dem geringsten Bias. Am Ende hat man dann eine eher konservative Schätzung mit einem minimalen Anteil an falsch-negativen Befunden (Individuen, die ihren Glauben verleugnen).
Das ist mir lieber, als wenn ich am Ende nicht weiß, wie hoch der Anteil an falsch-positiven Befunden ist (durch religiöse Opportunisten).
Zu Vergleichszwecken kann man ja zusätzlich in einem religiös geprägten Land Daten sammeln.
Apropos Leugner und Opportunisten: Ich finde es bezeichnend, dass bei der letzten Minister-Vereidigung etliche Atheisten bzw. Agnostiker die volle Eidesformel aufgesagt haben. Warum wohl?
» Interessant finde ich auch, dass Sie das Buch von Eric Kaufmann abwerten, noch bevor es veröffentlicht ist. «
Mir scheint, Sie haben von mir noch keine richtige Abwertung von irgendwas gelesen. Wenn ich das noch unveröffentlichte Buch wirklich hätte abwerten wollen, hätte ich etwas anderes geschrieben als: "Von Eric Kaufmann erwarte ich da nicht so viel, aber wir werden sehen."
Die funktionale Komplexität der Religionen ist recht augenfällig und steckt sicher zum überwiegenden Teil nicht in unseren Genen. Wenn wir es aber nicht nur mit biologischen, sondern auch mit kulturellen Anpassungsleistungen zu tun haben, dann macht es wenig Sinn, die Diskussion so zu führen, als gäbe es die kulturelle Evolution gar nicht. Unabhängig davon, wie weit die Memetik inzwischen wissenschaftlich gediehen ist, sollte man im Auge behalten, dass eine reduktionistische Fixierung auf die Gene sehr wahrscheilich in die Irre führt. Der Grund dafür ist einfach. Die organische Evolution ist ein Optimierungsverfahren, bei dem jeder einzelne Iterationsschritt eine Generation in Anspruch nimmt. Sie funtioniert - gerade im Vergleich zur aktuellen Dynamik der kulturellen Entwicklung - sehr sehr seeeehr langsam.
Sich mit dem Argument, daß es gegenwärtig noch kein brauchbares Instrumentarium zum wissenschaftlichen Umgang mit der kulturellen Evolution gibt auf die biologischen Aspekte zu konzentrieren bedeutet daher nichts anderes, als den Kopf in den Sand zu stecken.
Um wessen Verbreitung geht es also bei den Religionen? Hat der Mensch die Religiosität als biologische Anpassungsleistung entwickelt um den eigenen Fortpflanzungserfolg zu steigern, oder haben die Religionen (kulturelle) Anpassungen entwickelt, um ihren Ausbreitungserfolg zu erhöhen - unter anderem, indem sie die Gläubigen zu verstärkter Reproduktion bei gleichzeitiger Indoktrination der Kinder anhalten?
Wenn die Neigung zur Religiosität eine genetische Komponente hat, dann ist hier sicher mit Anreicherungsprozessen zu rechnen - aber rechtfertigt dies wirklich, ein offensichtlich überwiegend kulturelles Phänomen als biologische Anpassungsleistung zu interpretieren? Oder entspricht das nicht doch eher der Annahme, daß der Schwanz mit dem Hund wackelt?
Gegenwärtig sind Hühner mit viel Brustfleisch reprodutiv enorm erfolgreich und ich vermute mal, daß die Eigenschaft viel Brustfleisch zu entwickeln genetisch determiniert ist. Bedeutet das, dass es sich hier um eine biologische Anpassungsleistung handelt? Oder täten wir gut daran den guten alten Unterschied zwischen natürlicher und künslicher Zuchtwahl im Auge zu behalten?
Und wie steht es bei den Gläubigen? Vermehren sie sich "auf eigene Rechnung", oder werden sie womöglich von den Religionen "gezüchtet"? Im ersten Fall wäre das Verhalten des Einzelnen Fithessoptimiert - im zweiten kommt es eher darauf an, daß die religiöse Gemeinschaft als Ganzes wächst und gedeiht. Und wenn einzelne Personen - Z.B. katholische Priester - durch Verzicht auf persönliche Fitnessoptimierung der Ausbreitung ihrer Religion unterm Strich mehr nützen als schaden, dann stimmt die Rechnung.